1846_von_Hahn_Hahn_145_59.txt

vom Grafen zu der Nino-Maskerade erkaufen liessest .... weil es eben der Graf war, aber ich habe Dir seitdem nicht mehr getraut. Also sei ehrlich: was führst Du im Sinn? wer hat Dich erkauft? sprich!"

"Ich kann sagen und schwören, 'Lustrissima: so wahr ich der Fürbitte meines Schutzpatrons zur Erlösung aus dem Purgatorium vertraueso wahr bin ich von Niemand erkauft! allein sprechen, 'Lustrissima .... sprechen kann ich nicht."

"Kannst Du denn schreiben, Gino?" fragte ich wieder ganz unwillkürlich, denn mir war als legte er mir durch seine sonderbare Betonung gewisse Worte auf die Lippen.

"Die gelehrte Wissenschaft hab' ich nie gelernt."

"Was kannst Du denn, Gino?" fragte ich seltsam gespannt.

Er schwieg, sah mich an wie um meine Aufmerksamkeit zu fesseln, und tat dann einige Ruderschläge mit der teatralischen Bewegung eines Menschen, der sich sehen lassen mögte mit seiner Geschicklichkeit.

"Du kannst rudern, Gino?" fragte ich immer gespannter.

Er nickte mit freudiger Hast.

"Nun ja! das weiss ich längst! rief ich erwartungsvoll. Aber was weiter?"

Er zuckte stumm die Achseln.

Auch ich schwieg und verfiel in Nachdenken. Verstand ich ihn richtig, so konnte er mir seine Ergebenheit nur dadurch beweisen, dass er mich nach einem Ort hinbrachte wo ich die Erklärung seiner Warnung finden würde. Ich verfiel den Wellen des Zweifels; aber .... wie ich denn bin! h a t er mich einmal gepackt, so fürchte ich nicht bis zu dessen allerletzten Consequenzen zu gehen um zu entdecken welche Art von Gewissheit hinter ihm liegt. – – Ich hatte jetzt einige Besuche zu machen. Auf der Heimfahrt sagt' ich:

"Gino, da Du so gut rudern kannst, so wär' es mir lieb wenn Du mir noch heute Deine Geschicklichkeit zeigtest."

"'Lustrissima befehlen um zwei Uhr Nachts und mit mir allein?"

"Um zwei Uhr Nachts und mit Dir allein."

Den späten Abend verbrachten wir wie gewöhnlich mit einigen Bekannten. In der Regel versammelten sie sich bei mir; wir musicirten, wir plauderten; zuweilen gingen wir auf den Markusplatz, oder machten eine Gondelfahrt, oder betrachteten im Mondschein irgend eines der herrlichen Gebäude von Venedig. Am heutigen Abend verscheuchte uns ein heftiges Gewitter gegen Mitternacht vom Markusplatz und Jeder kehrte nach seiner wohnung zurück. Ich war gespannt ob meine nächtliche Fahrt stattfinden würde. Das Gewitter löste sich in einen sanften Frühlingsregen auf, und bis ein Uhr sass Otbert mit mir auf dem Balkon um die frische Luft zu geniessen; dann ging er in sein Zimmer, welches über dem meinen lag und wo es bald ganz stille wurde. Mit Herzklopfen wartete ich auf Gino. Zuweilen wünschte ich er möge lieber nicht kommen. Aber er kam um zwei Uhr und fragte ob es mir gefällig sei, und ich folgte ihm entschlossen.

Irgend eine vorherrschende Ahnung hatte ich gar nicht. Zuweilen dachte ich an Sedlaczech im Elend, krank, sterbendzuweilen an Astrau am Spieltisch, bei einem verliebten Abenteuer, bei irgend einer peinlichen Begegnung; allein das rollte Alles wirr wie im Kaleidoscop durch einander.

Wir fuhren nach Torcello; aus langer Gewohnheit erkannte ich die Richtung trotz der Dunkelheit. Nun wirbelte sich auch noch Benvenutas Bild in meine Phantasmagorien hinein. Wir stiegen nicht beim gewöhnlichen Landungsplatz aus, sondern an einer Stelle welche gar nicht dazu bestimmt war, denn Gino trug mich aus der Gondel ungefähr zwanzig Schritt durch Morast bis er auf trocknen Boden und wie es schien in einen kleinen Gemüsegarten kam. Da setzte er mich nieder, flüsterte: "'Lustrissima! .... jenes erleuchtete Fenster dort .... ich harre bei der Gondel!" und schlich leise zurück. Ich leise vorwärts, bis ich vor jenem Fenster stand und mit e i n e m blick das liebliche Bild übersah welches sich mir darbot. Dies Fenster war das letzte in einem unscheinbaren Häuschen, und das einzige des Zimmers das vor mir lag; Gitterstäbe sicherten es nach aussen, und eine Fülle von lila- und rosenfarbenem Convolvulus umrankte dieselben. Die Fensterflügel waren geöfnet und die Vorhänge weit zurückgeschoben um die Luft einströmen zu lassen. Das Zimmer war weder gross noch hoch, wie sich das in einem solchen haus nicht anders erwarten liessaber w i e geschmückt! Rosenfarbener Seidenstoff mit weissem Musselin überzogen bekleidete die Wände und Decke, umgab als Vorhang das Bett, den Toilettentisch, das Fenster, und die Tür welche zu meiner Rechten in ein Nebenzimmer führte. Ein andrer Seidenstoff, weiss mit Rosengewinden, bedeckte Sopha und Stühle. Der Fussteppich war ebenfalls weiss und mit Rosen bestreut. Zu beiden Seiten des Fensters auf Marmor-Consolen brannten Lampen, und an der Hinterwand des Zimmers, dem Fenster grade gegenüber stand das Bett. In dem Bett lag eine Frau in sitzender Stellung, durch Kissen unterstützt. Sie hatte eine Wange in die aufgestemmte Hand gelegt. Eine Fülle von schwarzen Locken umrieselte sie, hob den wundervollen Farbenschmelz ihres Colorits hervor, und umgab ihr Antlitz und ihre Büste wie mit einem Rahmen von Ebenholz. Ich habe nie eine liebreizendere Schönheit gesehendas sage ich heute wie ich es damals, wie ich es immer fand! – und der Gondolier der am Fussende ihres Bettes sass und sie mit liebetrunkenem Auge ansah, war der schönste Mann den ich je gesehen