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denke, welche sich in ihrem Kämmerlein, in ihrem Hüttchen verschanzt haben gegen Eindringlinge und denen plötzlich etwas wie Fanfaren zu Kämpfen, Schlachten und Triumphen ins Ohr klingtwie die erschrecken müssen, als ob ein Feind nahe! – und an die Wolgesinnten denke, denen es so herrlich auf der Welt geht, dass sie meinen diese wundervolle Welt müsse in Ewigkeit in ihrer gegenwärtigen Gestaltung fortbestehenwie die ihn verachten werden, den rohen uncivilisirten Titanen, der gelassen sagt: sie tauge so gar viel nicht! – Das bedenke, und dann sage mir: glaubst Du dass aus diesen Jammerseelen die Opferflamme und der Weihrauchduft der Begeisterung und Liebe aufschlagen könne? Nimmermehr, mein armer Otbert! nimmermehr! was d i e bewundern, was d i e mit ihrem Wolwollen beehrendas muss ihres Gleichen sein und mit ihnen Schritt halten, das muss ihren Schwächen schmeicheln und ihre NiedrigkeitHoheit nennen. Ich zweifle nicht dass in diesem Sinn sehr viele Verse gemacht sein mögen; ich sage nurdass kein Dichter sie je gemacht hat."

Wenn ich in dieser lebhaften Weise sprach, gefiel ich ihm ausserordentlich.

"Meine Muse! rief er, Königin meiner Seele! führe mich zu irgend einem Stern empor, wo ich an Deiner Seite das Reich des Genius gründen könnte. Die Aera Deiner Ideen ist nicht unser Jahrhundert! Was Du begehrst vom Menschen, vom Dichterhat Keiner geleistet und wird kein Sohn des Staubes je leisten. Er ist nicht so unantastbar und unwandelbar wie Du ihn träumst, denn ewig wandelt er u n t e r nicht ü b e r dem Geschick. Haben ihm die Götter einen Silberpanzer an den Sonnenstralen geschmiedet, der ihn schützt gegen Pfeile von Menschenhand: so glaube Du jetzt mir: unter dem Panzer, im eignen Busen hegt er den Geier der ihm das Herz abfrisst und ihn in namenloser unruhvoller Qual umhertreibtgrade wie Dante, grade wie Byron! O Sibylle! zu jenem alten gemarterten Titanen Prometeus, der ein Dichter der Menschheit im grössten Styl war, kamen die Oceaniden um mit ihm zu klagen, denn menschliche Klage reichte für dieses Leid nicht aus. O wünsche mir nicht die einsame Felsenklippe auf dem Caucasus! gönne mir das schöne reiche bunte Leben zwischen unsers Gleichen."

"Ich stelle mir zuweilen vor, entgegnete ich, das Wesen sehr begabter Individualitäten sei irgend einer elementarischen Essenz, irgend einem Naturwesen entlehnt und mit menschlichem Geist und Körper verwebt. Deren Sympatien und Neigungen verrieten alsdann stets die ursprüngliche Verwandtschaft. In Dich ist gewiss ein Sonnenstral hineingesponnen, Otbert, so glänzend, funkelnd, helle und licht bist Du."

"Das klingt lieblich, Schmeichlerin! – aber nun in Byron?" – –

"Ein trauriger Stern."

"Und in Göte?"

"Ein Regenbogen."

"Und in Beetoven?"

"Ah in den .... die ganze Welt!"

"Und in Dich selbst?"

"Nichts! .... oder Staub, was dasselbe ist."

"Das ist falsch! Meereswellen sind in Dir .... und weisst Du wohl dass sich aus Deinem Einfall ein wunderniedliches Gedicht machen liesse? und schenkst Du mir wohl Deinen Einfall?"

"Gewiss, lieber Otbert! bei mir liegt er roh und grau wie ein Kiesel da. Du schleifst ihn ab und erst dann wird etwas draus! – Aber warum arbeitest Du nicht an der Sirene?"

"Sie schläft, Sibylle, und ich mögte sie mit meinen Liedern wecken."

Allein er verfiel auf tausend andre Dinge, die ihn von der Arbeit abhielten, auf das Studium von ich weiss nicht welcher orientalischen Sprache im armenischen Kloster von San Lazaroauf eine Regatta, die er für die Gondoliere veranstalten und an der er teil nehmen wollte. Er übte sich stundenlang in der Lagune zu rudern und vor der Hand mit Gino Wettkämpfe anzustellen, bei denen er immer sagte:

"Gino! wenn Du siegst geb' ich Dir drei Dukaten; wenn ich siege .... Stockprügel!"

Dadurch war er sicher dass Gino aus Gier nach dem Gelde die Höflichkeit des Dieners gegen den Herrn aus den Augen setzen werde. Später, nachdem er sich genug geübt hatte, fand die Regatta wirklich statt und Otbert empfand bei ihrer Veranstaltung das grösste Vergnügen. Er hatte sich eine leichte zierliche Barke und einen Gondolieranzug von Tafft machen lassen, der ihm ungemein gut stand; er hatte ferner drei Preise für die Sieger, und für jeden Teilnehmer ein kleines Geldgeschenk bestimmt. Trotz des Wetteifers den er zwischen ihnen entzündete und wodurch er sie zur Entfaltung ihrer Kraft und Geschicklichkeit anfeuerte, ward ihm dennoch die Freude zu teil der Dritte am Ziel zu sein, und sich dadurch und durch seine Freigebigkeit, die Liebe und Verehrung der Gondoliere in einem solchen Grad zu erwerben, dass sie ihn fortan ihren König nannten.

Dies beschäftigte ihn in unglaublicher Weise, und als ich ihm einmal meine Verwunderung über das lebhafte Interesse aussprach, das er im stand sei an solchen Beschäftigungen zu nehmen, entgegnete er noch verwunderter:

"Begreifst Du nicht welch ein unaussprechlicher Genuss darin liegt in jeder erreichbaren Region der Erste zu sein, arme Sibylle? Das gewährt stets eine süsse Berauschung, und in derselben atme ich mehr poetische Inspiration ein, als mit der Feder in der Hand am Schreibtisch. Alles was das Herz klopfen macht ist des Dichters Elementwenn nicht der Dichter ein engbrüstiger Duckmäuser