hinrissen. Hätte ich ihn zehn Jahre lang die Komödie seiner Liebe spielen lassen und derselben mit Interesse zugesehen, so würde ihn das unbeschreiblich an mich gefesselt haben. Er empfand dabei den feinen und lebhaften Genuss den ein guter Schauspieler haben mag, wenn er sich ganz in seine Rolle versetzt und als Hamlet oder Wallenstein glänzenden Beifall einerndtet: unwillkürlich traut er sich die Ader des Philosophen oder des Feldherrn zu. So glaubte Otbert in der Tat etwas an seine Liebe für mich. Wie der Schauspieler, wenn er die Bühne verlassen hat und neue Rollen zu studiren findet, allmälig seine Wallensteins-Launen vergisst um etwa ein Marquis Posa zu werden: so ging es auch Otbert; nur mit dem Unterschied, dass bei ihm die natur bewirkte, was beim Schauspieler die Kunst. Ich habe es schon einmal gesagt und ich muss es jetzt wiederholen um sein Bild zusammen zu fassen: er war nicht gradezu falsch, lügenhaft, heuchlerisch – er hatte es nur durch unbewusste Missachtung der Wahrhaftigkeit zu einer solchen Schauspielerschaft gebracht, dass sie ihm zur zweiten natur ward; und in jene Missachtung war er allmälig durch seine grenzenlose Eitelkeit verfallen: er wollte das Idol der Welt sein. Dies war das Haar an welchem der Satan ihn hielt! Sprach der zu Otbert: Bete mich an und du sollst König sein – König der Liebe, des Ruhmes, der Ehren, der Herrlichkeit! – so betete Otbert ihn unbedingt an.
Es war übel für mich, dass ich nicht im stand war Otberts Talent so über Alles zu bewundern wie sein Beifallsdurst es erheischte. Er warf mir häufig vor, dass alle Welt ihm höhere Anerkennung schenke als ich. Ich entgegnete einmal:
"Ich liebe Dich selbst so sehr, dass ich Dein Talent mit in den Kauf nehme, ohne es besonders in Anschlag zu bringen."
"Kühl wie Cordelia!" rief er spöttisch.
"Und wahr wie sie!" entgegnete ich sanft.
Ich fand seine Gedichte lieblich, harmonisch und doch auch tief und kräftig; aber Otbert erschien mir nicht als der erste Dichter der Welt, nicht als ein gewaltiges Genie, nicht als ein deutscher Byron. Letzteres besonders war seine heimliche sehnsucht! Es war sehr natürlich dass in Venedig wo Byron so viel, so gern und vor wenigen Jahren gelebt hatte, unsre gespräche sich häufig um ihn bewegten, und da hatte ich ebenso häufig gelegenheit jene Schwäche Otberts zu bemerken. Da ich wirklich fürchtete dass sie ihn in eine falsche Richtung werfen könne, so warnte ich ihn einmal sich durch seine Bewunderung für Byron nicht beherrschen und zur Nachahmung hinreissen zu lassen.
"Du musst auf andern Wegen gehen als er – setzte ich hinzu, Du hast nicht seine wilde, schroffe, melancholische Seele .... wie könntest Du seinen Genius haben."
"Also Du meinst ich hätte eine zahme, schlaffe, lustige Seele, entgegnete Otbert tiefgekränkt. Mit einer solchen kann man freilich nur ein jämmerlicher Dichter sein."
Meine aufrichtigen Versicherungen, dass es mir nicht eingefallen sei ihn zu Gunsten Byrons herabsetzen zu wollen, versöhnten ihn ganz und gar nicht.
"Du deprimirst mich wenn Du mich so sehr gering achtest – entgegnete er. Das ist für mich wie Regen auf den Flügeln des Vogels: er kann nicht fliegen. Wenn nicht einmal die nächsten, die Liebsten mich ermuntern, woher soll mir dann die Zuversicht kommen? – Und sage mir nicht, dass ich auf Dein Urteil nicht zu hören brauche, Sibylle! Du hast ein feines und richtiges Urteil! überdies höre ich auf ein jedes .... um wie viel mehr auf das einer geliebten Frau."
"Wenn ich nicht fürchtete aufs Neue etwas Ungeschicktes zu sagen, entgegnete ich verschüchtert, so würde ich meinen, dass Du nicht auf jedes Urteil als auf einen massgebenden Richterspruch hören solltest. Du magst sie anhören als ebenso viel Beweise verschiedenartiger Ansichten .... allein Dich danach richten – niemals."
"D u hast eine schroffe wilde Seele! Dir würde in der Vereinzelung nicht weh sein! Aber ich kann ohne Teilnahme und Wolwollen nicht leben, nicht atmen, nicht denken, nicht dichten – nichts! ich werde dann eine tote Sache und höre auf Mensch, geschweige Dichter zu sein."
"Der innigste Zusammenhang mit dem All, das Verständniss der Menschenseele in ihren verschleierten Tiefen, auf ihren äterischen Höhen – die Ahnung ihrer Qualen und Wonnen – die erkenntnis der natur, nicht nach den Regeln der Wissenschaft, sondern nach geheimnissvollen Anschauungen – und mehr als das Alles: ein starkes Herz, vom Strom der Empfindung umbraust und nie untergewirbelt; das, Otbert, sind nach meiner Meinung die Nervenfaden durch welche der Dichter feiner und fester als jeder Andre mit der Menschheit zusammenhängt! Allein banales Wolwollen Aller für ihn folgt daraus nicht! im Gegenteil! so ein Dante, so ein Byron k o n n t e n nicht ein gelassenes Wolwollen einflössen. Sie sind unendlich geliebt und unendlich gehasst. Denke doch nur welch einen Eindruck das machen muss, wenn die Welt der Liliputaner so einen Titanen über sich dahin schreiten sieht und von ihm nur als Gattung, nicht als so und so viel wichtige Individuen betrachtet wird! – und an die Schläfrigen, die Trägen, die Engherzigen denke, welche sein dröhnender Schritt aus ihrem bequemen Halbschlummer weckt und aus den Träumen welche auf schmackhafte Kost und leckere Genüsse folgen – wie die ihm zürnen werden! – und an die Zaghaften, die Schüchternen