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Seitdem, Fidelis, hab' ich viel gesehen und viel vergessen, aber .... wie Sie beteten hab' ich nie und nimmer vergessen. Nun sagen Sie mir: können Sie noch jetzt so beten?"

"jetzt erst recht!" sprach er fest.

Ich trat zurück, faltete meine hände vor der Brust und rief: "Nun so gehen Sie denn, Sie gesegneter und verehrter Mensch! und wenn ich dessen würdig bin, so gedenken Sie meiner Seele in Ihrem Gebet, damit sie im Schutz der Ihren zu Gott komme."

Eine Welt von extatischen Empfindungen trat während ich sprach in Sedlaczechs Antlitz. Als ich schwieg legte er wie aus einem Traum erwachend die Hand über die Augen, neigte sich stumm und tief vor mir und verliess langsam mein Cabinet.

Otbert schloss mich freudig in seine arme als ich ihm Sedlaczechs bevorstehende Abreise mitteilte und sagte:

"Sie sind so bewegt durch den Abschied, Sibylle, dass ich mich derselben doppelt freuen muss."

"Durch den Abschied bin ich es allerdings, entgegnete ich, denn die Entfernung einer treuen Seele tut immer weh; – durch unser Zusammensein bin ich es jedoch nie gewesen."

Otbert war unendlich dankbar, höchst liebenswürdig und angeregt, und oft gedachte ich Arabellas und begriff dass sie, grade sie, seinem Zauber nicht habe widerstehen können. Obgleich mein Bewusstsein mir sagte, dass ich auf keine Weise störend zwischen sie und Otbert getreten sei, so war mir doch immer zu Sinn als müsse ich sie heimlich meines Glückes wegen um Verzeihung bitten. Einmal geriet ich auf den Einfall ihr zu schreiben, dass ich auf dem Punkt sei Otbert zu heiraten; da aber unsre freundschaftliche Verbindung seit meiner Abreise von England abgebrochen und durch keinen brieflichen Verkehr wieder angeknüpft war: so schien es mir nach reiflicher überlegung taktlos und grausam sie bei dieser Veranlassung wieder anspinnen zu wollen. Ueberdas geriet ich durch das Glück in jene Verweichlichung welche uns ängstlich jede bittere oder peinliche Empfindung fliehen lässt. Ich wollte glücklich sein, und Otberts Liebe machte mich glücklich. Seine Treue und Ausdauer hatte er mir bewiesen; jetzt legte er mir sein Bestreben an den Tag auch in seiner geistigen Richtung, in seinen Studien und Beschäftigungen meinen Beifall zu gewinnen. Er arbeitete damals an seiner reizenden "Sirene." Der Gegenstand foderte Bekanntschaft mit der venetianischen geschichte. Wir lasen sie zusammen. Wir durchfuhren und betrachteten zusammen bis in die geringsten Einzelheiten ganz Venedig um das Characteristische und Eigentümliche bis in dem entferntesten Winkel, der abgelegensten Sandbank aufzusuchen. Wir ruhten zusammen von diesen Excursionen bei Venedigs unvergleichlichen Kunstschätzen aus und gaben uns bei abendlichen Gondelfahrten dem vollen Zauber dieser Feenstadt hin. Zuweilen recitirte Otbert während dieser Fahrten einzelne Strophen aus der "Sirene" welche auf die Scenerie oder auf unsre eigene Stimmung passten; oder er besprach mit mir irgend ein Bild oder eine idee, die er dem Gedicht einverleiben wollte. Zuweilen ordnete er Musik zu unsrer Begleitung an und dann war schweigen noch süsser als reden. So kam der Julius heran, den ich zu meiner Abreise nach der Schweiz festgesetzt hatte. Es war ein fürchterlich heisser Sommer; die Sonnenhitze verwandelte Luft und wasser in geschmolzenes Blei und brütete, ich mögte sagen mit dumpfer Wut über der Lagune. Ich fürchtete für Benvenutas Gesundheit; ich hatte freilich wieder die kleine wohnung auf Torcello für sie genommen, aber sie kam ihr wenig zu gut, denn die Hitze begann mit Sonnenaufgang und dauerte bis gegen Mitternacht, so dass eigentlich nur die Paar Stunden der Nacht gegen den Morgen zu Kühlung gewährten. Ich sehnte mich nach der frischen Bergluft der Schweiz. Um so überraschender war es mir als Otbert mich eines Tages bat diese Reise aufzugeben, aber sein Glück nicht länger zu verzögern. Die Arbeit unter den gegenwärtigen Verhältnissen mache ihn so glücklichdie Umgebung wirke so harmonisch mit der inneren Stimmung zusammendie poetische Erregung sei so mächtig und übersprudelnd in ihm, dass ihm zu Mut sei als begehe er einen Frevel an seiner Muse wenn er von dieser geweihten Stätte weiche. Ueberdas sei ihm Venedig so lieb durch die Seltsamkeit und Seligkeit des Geschicks, welche er hier gekostet habe, dass er an keinem andern Ort der Welt den Moment der Erfüllung seines höchsten Glücks erleben möge. Er trug mir das Alles in seiner Weise vor, die ich unwiderstehlich fand, und die Folge davon war, dass Alles genau so gemacht und eingerichtet wurde wie er es wünschte. Wir wurden in aller Stille vermält. Otbert verliess das Hotel Danieli am Quai der Slavonier wo er bis dahin gewohnt hatte und bezog meinen Palast Gradenigo. Eine kleine wohnung auf Torcelloaber eine andere als Benvenutaserwählte er sich für Stunden und Launen in denen ihm völlige Einsamkeit notwendig sei; und das fiel mir weiter nicht auf, da ich selbst mehr als jeder Andre die aller unabhängigsten, ja vielleicht grillenhafte Lebensgewohnheiten hatte.

So war ich denn Otberts Frau! – bis dahin hatte mich eine unüberwindliche Schüchternheit zurückgehalten mit ihm über seine pecuniären Verhältnisse gründlich zu sprechen. jetzt tat ich es; denn aus den zeiten meiner Ehe mit Paul wusste ich in welch ein Labyrint von Sorgen man sich durch nachlässige Verschwendung und gedankenlose Unordnung verwickelt.

"Geliebter Engel, entgegnete Otbert sehr gelassen, ich habe unzählige Schulden."

"Ich wünschte doch sehr dass Du sie zählen mögtest .... weiter nichts, Otbert!"

"Ja sieh, das werden die Leute, welche mir geborgt haben, wohl genauer können als ich.