.... da ohnehin die frühere es nicht kann. Für eine Epoche ist der Mensch geboren, drum soll er sie füllen wenn er es vermag. Das ist sein ächter lebendiger Ruhm. Der tote Nachruhm ferner Jahrhunderte beweist sehr häufig dass der Berühmte seine Zeit und seine Mission nicht verstanden hat."
Sedlaczech sagte gelassen als ob es sich um die einfachste Sache der Welt handle: "Ich bin nur durstig nach Unsterblichkeit und nach dem Bewusstsein dass ich g e s t r e b t habe als ob ich sie verdiente."
"O! rief ich dazwischen, wie seid Ihr glücklich, Ihr Beide, dass Ihr eine idee habt, welche Euch in jedem Moment beseelt – welche Ihr mit jedem Atemzug verfolgt – woran Ihr Eure Seele unabtrennbar vor Anker gelegt habt, so dass Ihr nie in der Irre auf diesem ungeheuren Ocean umhertaumelt den man Leben nennt! .... Ihr wisst was Gott mit Euch will! Ihr lebt s e i n e idee in Euch aus! sei das nun gross oder klein, viel oder wenig, hoch oder niedrig in den Resultaten – einerlei! Ihr verfolgt Euer Ziel. Astrau will den Genuss, Sedlaczech will das Streben .... o Ihr Beneidenswerten! – Was will denn ich? Was will denn Gott mit mir? .... Nichts, nichts und abermals nichts. Und so verfalle ich denn auch dem Nichts."
"Und Sie wähnen zu lieben, Sibylle! rief Otbert heftig bewegt. Ein Weib das liebt hat nie gefragt was Gott sonst noch mit ihm wolle."
"Auch ich werde' es lernen ohne zu fragen, Otbert! sagte ich herzlich und gab ihm die Hand. Es ist nur so schwer sich von alten Gewohnheiten loszumachen."
Als Otbert mir aber in Folge dieses Gesprächs vorwarf ich hätte mehr Teilnahme für Sedlaczechs Lebensanschauung als für die seine an den Tag gelegt, so beschloss ich diesen Quälereien ein Ende zu machen und Letzterem offenherzig zu sagen um was es sich handle. Ich tat es.
"Lieber Meister! sagte ich, ich weiss nicht ob S i e wissen dass die Männer wunderliche Grillen haben und dass vor allen Anderen die Liebenden sich darin hervortun."
"Inwiefern könnten Graf Astraus Grillen mich betreffen?" fragte Sedlaczech trocken.
"Grade Sie! entgegnete ich tödtlich verlegen und daher mit erzwungener Munterkeit. Er findet Sie zu liebenswürdig um neben Ihnen seiner eignen Liebenswürdigkeit gewiss zu sein und das beklemmt ihn."
Sedlaczech legte seine seltsamen Augen mit einem langen blick auf mich, sagte dann ruhig:
"So leben Sie denn recht, recht wohl und in eine glückliche Zukunft hinein!" – schüttelte mir die Hand und wollte gehen.
"Aber wohin werden Sie denn gehen? rief ich beängstigt. Und soll ich nichts von Ihnen hören und Sie nicht wiedersehen? Ach Gott! Sie sind mir wie ein Vermächtniss meiner lieben toten .... ich hätte so gern mit Ihnen fortgelebt wie bisher."
"Ich auch! sagte er traurig, setzte dann aber gleich freundlich hinzu: Einem grossen Glück müssen kleine Opfer gebracht werden, teure Sibylle: halten Sie das recht fest jetzt, da Sie in neue Verhältnisse treten, und lassen Sie getrost alles Unwesentliche, wodurch es gestört werden könnte fallen."
"Also glauben Sie doch wirklich an ein grosses Glück für mich! rief ich hofnungsfreudig. Ich gestehe Ihnen mir schien zuweilen als ob Sie daran zweifelten."
"Kein Mensch begreift ein fremdes Glück! das Paradies des Einen würde des Andern Hölle sein. Dass ich Ihr Glück inbrünstiger wünsche als irgend Jemand – d a s weiss ich .... sonst nichts! – Ich denke nach Rom zu gehen, setzte er abbrechend hinzu, um die neue römische Kirchenmusik kennen zu lernen, da man die alte vielleicht nirgends seltner hört als dort – in der Charwoche ausgenommen. Ich habe viel zu arbeiten, zu studiren, zu vollenden, und ich denke es wird mir wohl gehen in der Heimat Palestrinas."
"Aber wie .... womit .... werden Sie leben?" fragte ich schüchtern.
"Wie sonst! ich habe ja meine alten Hülfsmittel und überdas wenig Bedürfnisse. Ich habe mein Leben nicht darauf eingerichtet stets in einem Palast Gradenigo zu wohnen – fügte er lächelnd hinzu – und in einer einsamen Hütte braucht man nicht viel."
Ich weiss nicht warum, allein mir wurden die Augen feucht.
"Grämt Sie das, Sie Verwöhnte! dass der Mensch wenig bedarf?" fragte er liebreich.
"Dass Sie gehen grämt mich! rief ich mit heissen Tränen, und dass Sie in die einsame Ferne, wo Niemand Ihrer harrt, ziehen – grämt mich noch mehr. Wüsst' ich Sie glücklich, sei's in Rom, sei's am Nordoder Südpol – ich würde nichts sagen, aber jetzt .... muss ich weinen."
"Leben Sie wohl, Sibylle!" sagte er mit bebender stimme, mit schimmerndem blick, und reichte mir abermals die Hand.
Ich umklammerte diese Hand mit der Linken, ich legte die Rechte auf seine Schulter, und sagte:
"Vor Jahren – ich selbst weiss nicht mehr vor wie langen Jahren .... hab' ich Sie einmal beten sehen; das was ich beten nenne: nicht bitten um irdische Güter oder himmlische Gaben, sondern die Seele aufschwingen zur Ruhe in Gott.