um Geld und Gut wie ein Zeichen gemeiner Gesinnung vorkam.
Unbehaglicher noch als diese Entdeckung war mir die Eifersucht, die Astrau gegen Sedlaczech an den Tag legte, weil es mir unmöglich schien, dass er sie wirklich empfinden könne. Er hatte mich ja monatelang als Nino in der grössten Zwanglosigkeit meines Lebens beobachtet – hatte wahrnehmen müssen, dass eine ernste, fast mögt' ich sagen schüchterne Freundschaft zwischen mir und Sedlaczech walte, dass ich ihn nicht einmal in der vertraulichen Weise eines langjährigen Lehrers und Hausfreundes behandle, dass mehr Zurückhaltung als Hingebung, mehr Schweigen als Reden zwischen uns herrsche; – woher denn der lächerliche Verdacht? Das sagte ich ihm einmal – zwanzig Mal. Umsonst. Er blieb bei seiner Behauptung: Sedlaczech sei ein höchst gefährlicher Mensch, der mich liebe, und der eher sterben als mir seine Liebe gestehen werde, und ob ich glaube dass es ihm gleichgültig sein könne mich neben einem solchen unterirdischen Vulkan zu wissen.
"Warum nicht, sobald Sie die überzeugung haben dass nie ein Ausbruch kommen wird?" fragte ich sorglos.
"Sehen Sie wie sich I h r e geheime überzeugung in dieser Aeusserung verrät!" brach er aus.
Ich besass die Eigenschaft aller stolzen Seelen: dem Vorwurf und besonders dem ungerechten Vorwurf gegenüber, schwieg ich kalt. Meine Gedanken dabei waren: Hab' ich den Vorwurf verdient, so darf ich nichts sagen; hab' ich ihn nicht verdient, so weiss ich nichts zu sagen. Und hier allerdings wusste ich gar nichts Beruhigendes anzuführen als mein Leben – und das sollte nicht gelten!
Auf seinen Knien bat Otbert mich endlich Sedlaczech zur Abreise zu veranlassen.
"Wie eine finstre Wolke steht er in unserm Frühlingshimmel! rief er; lassen Sie ihn doch gehen! Ich fühle mich so bedrückt durch ihn wie ehedem Venedig durch die Staatsinquisition! Er ist mir nun einmal antipatisch und macht mein ganzes Nervensystem auf die peinlichste Weise vibriren. Verstehen Sie das nicht? gibt es nicht auch für Sie Individuen bei denen es Ihnen unbegreiflich wohl oder weh wird ohne dass Sie sich über das Warum Rechenschaft ablegen könnten? Nun sehen Sie, er tut mir weh .... durch Nichts wenn Sie wollen .... d.h. durch Alles."
"Ein edler Sinn, ein hohes Herz, ein reicher Geist müsste sich durch das Gleichartige nicht abgestossen sondern angezogen fühlen, Otbert, und sich hüten flüchtige Launen als unüberwindliche in der Essenz des ganzen Organismus wurzelnde Antipatie zu betrachten."
"Sibylle, glauben Sie nicht dass um jedes Geschaffne, heisse es Gestirn oder Grashalm, Mücke oder Mensch, eine ihm und n u r ihm angehörende Atmosphäre schwebt, welche sich aus seiner Gesamt-Eigentümlichkeit entwickelt? Bei jeder Pflanze, jedem Baum ist sie wahrzunehmen: die Einen üben gedeihlichen Einfluss auf einander, die Andern schädlichen, gar vernichtenden. Die feine und reiche Organisation des Menschen ist dieser Eigentümlichkeit aller Naturwesen nicht entoben. Im Gegenteil! die Uressenz seiner Individualität macht sich um so stärker geltend je mehr diese ausgeprägt, je origineller sie geblieben ist – und der Duft, der Aeter, das Unfassbare und Unnennbare welches sich aus ihrer ganzen leiblichen und geistigen Beschaffenheit entwickelt, übt auf andre Organismen eine ebenso entschiedene Anziehungs- und Abstossungskraft, wie der Magnet n u r das Eisen, wie die Erde n u r den Mond an sich zieht – wie das Glas springt wenn d e r Ton aus dem Instrument gelockt wird der in ihm schlummert. Warum zieht der Magnet nicht das Gold an? warum rollt nicht der Sirius um die Erde? warum springt von funfzig Gläsern nur dies eine? – weil da der Zusammenhang in der Uressenz fehlt."
"Das sind Phänomene über welche die natur einen Zauberschleier wirft, den die plumpe sinnliche Hand nicht heben kann, unterbrach ich ihn; allein der Mensch kann mit dem Licht des Bewusstseins diesen dunkeln Gewalten Widerstand leisten."
"Er kann es wenigstens versuchen, und er soll es – entgegnete Astrau. Aber bei diesen Versuchen ereignen sich Phänomene andrer Art. Hier sehen Sie ein Paar Eheleute, dort Mutter und Tochter, da zwei Brüder sich abarbeiten in dem Bestreben zu einem zufriedenstellenden erträglichen verhältnis zu gelangen. Wäre ein teil lasterhaft und der andre tugendhaft – der eine ein Spitzbube, der Andere ein Ehrenmann: so erklärte sich die Unvereinbarkeit der Naturen. Aber nein! es sind Beides brave Menschen, Beide geben sich redlich Mühe – doch umsonst! sie reiben sich auf in unfruchtbaren Bestrebungen, fühlen sich gedrückt, gehemmt, elend, oft ohne die ursache zu wissen oder sich selbst eingestehen zu wollen. Es kommt eine unwillkürliche Erstarrung über sie, eine Lähmung ihrer edelsten und feinsten Fähigkeiten; und das schwindet und zerschmilzt sobald sie dem feindlichen Einfluss entoben und unter einen woltätigen gebracht sind. Dann kommen sie zu Atem und zu Besinnung, und müssen dennoch zugeben, dass die Menschen bei denen sie sich wohl fühlen nicht besser, nicht klüger, nicht tüchtiger als Jene sind; allein sie haben einen gemeinsamen und homogenen Lebensäter. Sedlaczech und ich – wir haben einen heterogenen."
"Otbert! Otbert! es ist unleugbar viel Wahrheit in dem was Sie sagen und Jeder von uns hat gewiss dergleichen Erfahrungen gemacht. Aber man muss behutsam zu Werk gehen, wenn man diese Richtschnur brauchen will; man muss sich möglichst partei- und leidenschaftlos, möglichst menschenfreundlich und unselbstsüchtig erhalten; – man muss eine Seele von der sensitivsten Zarteit haben: sonst wird man in