sehen ob die Vorstellung eines häuslichen und Familienlebens keinen Reiz für mich gewinnt! – – Meine Mutter hat immer glühend gewünscht mich zu verheiraten. jetzt fand sich eine wundervolle Heirat für mich; sehr schön, sehr reich, sehr liebenswürdig, war ein junges Frauenzimmer, das eine lebhafte Neigung für mich empfand. Bei dem Besinnen wie ich sie aufnehmen solle, traf mich Ihre Anzeige von Pauls unerwartetem frühzeitigen Tod. Meine erste Empfindung war Postpferde zu bestellen und in einem Zug von Nizza nach Engelau zu fahren. Aber mir fehlte der Mut. Sie hatten mich nie zu solchem Vertrauen berechtigt. Ich verfiel der überlegung, dann der Schwankung, dann der Furcht Sie kalt und mich selbst zudringlich nennen zu müssen – und ich beschloss Ihr Trauerjahr vorüber gehen zu lassen, ohne mich Ihnen zu nähern. Aber es war mir unmöglich jetzt an eine andre Verbindung zu denken; ich brach sie ab unter allerlei Schmerzlichkeiten für beide Teile, denn meine Mutter zürnte mir. Ich ging nach Deutschland zurück, arbeitete fleissig, schrieb viel, dachte an Sie und harrte mit brennender Ungeduld auf das Ende Ihrer Trauerzeit. Nun war es da .... und ich zagte nach wie vor. Sie liebten mich nicht, hatten mich nie geliebt, hatten in dieser einsamen Zeit, wo ein Freund Ihnen doch vielleicht ein Herzensbedürfniss hätte sein können, nie an mich gedacht, keinen Gruss, keinen Zuruf mir gesendet – – ja ja, Sibylle! lächeln Sie nur, verwundern Sie sich nur dass ich so zaghaft war! es w a r nun einmal so. Sie behaupteten sonst immer ich sei eitel; glauben Sie nicht dass ein eitler Mensch mehr Selbstvertrauen gehabt hätte? Mir war die Vorstellung dass Sie mich kühl empfangen, kühl ansehen, kühl behandeln könnten .... vernichtend! Ich ging nicht, schrieb nicht, fragte nicht .... ich wollte mich nicht dieser Vernichtung entgegen drängen Aber Ihrem Arzt schrieb ich: er solle mir sagen wie Sie lebten und gegen Sie über diese Frage schweigen. Er beschrieb mir Ihr ernstes, tätiges, praktisches Leben in Engelau. Da verlor ich abermals alle hoffnung, und jene Heiratsepisode, von meiner Mutter nie ganz aufgegeben, wurde wieder ohne Zutun von meiner Seite angeknüpft. Ich wollte mich von Ihnen losreissen, ich fand es unbeschreiblich albern meine Seele an die Ihre zu hängen, die nichts von mir wissen wollte; ich war empfindlich, gereizt, traurig so ganz von Ihnen vergessen zu sein; ich nannte Sie kalt, herzlos .... ich zürnte Ihnen und mir – aber es war mir unmöglich den entscheidenden Schritt zu tun der mich auf ewig von Ihnen getrennt hätte. Wieder schrieb ich Ihrem Arzt und erhielt mit namenloser Freude zur Antwort: Sie wären in Würzburg und auf dem Weg nach Italien. O wie rauschten die Flügel der hoffnung in mir auf! ich jauchzte laut: Also will s i e doch noch etwas Andres im Leben als ihre Tochter erziehen und ihre Geschäfte führen!! – Ich schrieb Ihnen und Ihre Antwort entmutigte mich nicht. Ich beschloss mit dem finstern Geist zu ringen, dem Sie verfallen schienen; ich folgte Ihnen hieher; ich war als Nino in Ihrer Nähe" .... – –
"Unmöglich!" unterbrach ich ihn.
"fragen Sie Gino, entgegnete er. Und weshalb denn unmöglich? ich wollte in Ihrer Nähe sein, mich in die wundersame Atmosphäre Ihres Wesens tauchen, die mich mit fabelhaftem Glück berauscht. Und ich hab' es im vollsten und reinsten Mass genossen! Da sassen Sie in der Gondel neben Sedlaczech, mit ihm redend, ihn anschauend, auf ihn hörend; mir wendeten Sie den rücken zu – denn ich hatte mit Gino ausgemacht, dass ich immer den Platz im Hinterteil der Gondel einnehmen könne. Oder Sie fuhren allein, und sassen stumm und unbeweglich da. In beiden Fällen dachte Ihre Seele nie an mich, hatte nicht die leiseste Ahnung dass ein magnetischer Zug von ihr ausgehend den Faden meiner Existenz in die Ihre hinüberspann. Nun sehen Sie: dennoch war ich selig, denn mich beschäftigte unablässig die Vorstellung wie süss dereinst Ihr Uebergang aus dem traumumfangnen Zustand zu dem Bewusstsein s o geliebt zu werden, sein müsse. Zitternd dass durch die Erfüllung Ihrer kleinen Wünsche und Einfälle irgend ein Verdacht auf mich selbst oder auf Gino fallen könne, suchte ich Ihre Gedanken auf einen Fremden zu lenken, und ersann daher die geheimnissvolle Gondel. Als im Winter Ihre langen Gondelfahrten und mit denselben Ninos Dienst aufhörte, wurde ich Ihr Logen-Nachbar. Doch allmälig ward mir schwer, ja unerträglich was mir Anfangs süss gewesen: schweigen zu müssen in Ihrer geliebten Nähe. Allmälig ersehnte ich den Moment, der mich zu Ihren Füssen niederziehen und mir ein geständnis gestatten würde – – – und ich hab' es getan: Sie sind die Herrin meiner Seele, die Königin meines Lebens; und das sag' ich Ihnen nicht bloss mit Worten, die lügen könnten – sondern mit einer consequenten Reihe von Tatsächlichkeiten, die sich bis zum Anbeginn unserer Bekanntschaft erstrecken, und die unmöglich lügen können."
Ich fühlte mich in seltsamer Weise ergriffen, mehr überwunden als überzeugt, mehr gefangen als gerührt. Und doch war ich auch gerührt, aber mehr auf der Oberfläche als in der Tiefe meines Wesens. Ich mögte sagen dass der Kopf mehr als das Herz gefesselt war. Das Alles hatte Otbert für mich getan, so lange ohne hoffnung an mir gehalten, o