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man in der Welt andre Dinge zu tun habe, Signora, als sich mit den Händen im Schooss hinzusetzen und den Gedanken im Kopf nachzuhängen."

"Für die Männer ist das richtig, mein Vater; die verbrauchen ihr Leben! wir .... müssen es verträumen oder vertändelnund da ich für das Letztere nicht die Gaben habe, so begnüge ich mich mit dem Ersteren."

"Aber unwillig?"

"Nicht unwillig, mein Vater, nur traurig, sehr traurig wie Derjenige es sein mag, der sich verschmachten fühlt vor Hunger weil er nichts zu essen bekommt als Orangenwährend er sich nach einem derben Stück Brot sehnt. Er ist nun aber einmal auf Orangen angewiesen und muss mit ihnen leben und sterben, und noch gar hören, dass Andre ihn sehr beneiden um die herrliche Kost."

"O Signora, das ist ein eingebildetes Leid! Derjenige den das Schicksal in einen Orangengarten gestellt hat, kann auch über einen Bäckerladen befehlen. Umgekehrt ist es nicht so leicht."

"Das ist so recht gesprochen wie Jemand dem ein wenig Reichtum, Jugend und Unabhängigkeit über Alles geht .... weil er sie nicht besitzt!" rief ich mit einiger Bitterkeit.

"Ich weiss zu schätzen was ich besitze und was ich nicht besitze, Signora! entgegnete er sehr gelassen. Unabhängigkeit, Jugend und Reichtum besitze ich nicht; allein ich betrachte sie als vortrefliche Mittel zu schönen Zielen, wenn sie mit Einsicht und Vernunft gepaart sind .... welche letztere Ihnen zu fehlen scheinen; – denn sonst würden Sie wohl auch das besitzen um was ich in Ihrem Namen beten soll: Kraft! – Sie ist nichts als Ausübung unsrer Selbsterkenntniss."

Er verbeugte sich und entfernte sich rasch durch das Mittelschiff, während ich ihm bestürzt nachblickte und plötzlich ganz laut rief: Ah! das war e r ! – denn sein gang und die Haltung seiner arme verrieten deutlich, dass er kein Klosterbruder sei. Ich ärgerte mich, dass ich mich in solchem unvorteilhaften Licht ihm gezeigt, und freute mich doch vollkommen unbefangen und aufrichtig gewesen zu sein. Hatte ihm das missfallen, sowürde er sich mir nicht wieder nähern. Oder .... sollte es ein Maskenscherz irgend eines meiner Bekannten gewesen sein? das war nicht unmöglich .... wir waren im Fasching! und ich hatte ihm unbesonnen die Nadel geschenkt. – –

In grosser Unruh verbrachte ich die nächsten vier und zwanzig Stunden; dann ging ich wieder in die Marcuskirche. Ich bildete mir ein, wenn e r der Kapuziner sei, würde ich ihn dort finden. Und siehe, er war da! Er grüsste mich demütig. Die Kapuze war tief über sein Obergesicht herabgezogen, und das Untergesicht in einem grauen langen Bart begraben; dazu die tiefe Dämmerung die stets in dieser Kirche herrscht; es war unmöglich auch nur einen Zug seines Antlitzes zu erkennen. Ich grüsste ihn wieder und sagte:

"Ich muss Sie um Verzeihung bitten, dass ich einen Maskenscherz für Ernst genommen habe. In meinem land kennt man das nicht, und diese Unkenntniss mag mich entschuldigen. Ich erlaube mir nur eine Frage, mein Herr: haben Sie die Nadel zum Besten der Armen verkauft?"

Ich sprach ernst und ruhig und in demselben Ton antwortete jetzt der Kapuziner:

"Nein Signora! ich habe das Doppelte ihres Wertes den Armen gegeben und .... die Nadel behalten."

"Sie legen dadurch ein seltsames Interesse für mich an den Tag, mein Herr, welches nicht von der Art ist um das meine zu wecken."

"Das habe ich auch nie gehoft, Signora."

"Durch diese Aeusserung sprechen Sie wenigstens aus, dass Sie es wenn nicht g e h o f t .... doch v e r s u c h t haben."

"Und wenn ich das eingestanden?"

"So würde ich fragen: weshalb diese Blumen, diese Musik, diese Unsichtbarkeit in der Loge, diese Billets, diese gegenwärtige Verkleidungda es doch unendlich viel einfacher gewesen wäre und unsre Bekanntschaft mehr gefördert hätte, wenn Sie den Zutritt in meinem haus gesucht hätten, den ich keinem wolerzogenen Mann verweigere."

"Einfacher, d.h. hergebrachter wär' es gewesen, Signora; doch ich zweifle dass es unsre Bekanntschaft gefördert hätte. Denn das ist n i c h t Jemand kennen: seinen Namen wissen und von tausend Gleichgültigkeiten mit ihm sprechen; sondern das ist es: den Grundzug seines Herzens kennenund Sie kennen den meinigen."

"Nun gut, mein Herr! ich kenne ihn also! – was weiter?" fragte ich kalt.

"Sie interessiren sich für mich."

"Ja, mein Herr, das Menschenherz ist so wunderlich beschaffen, dass es sich vom geheimnis gelockt fühlt."

"Also Sie denken an mich, Signora, Sie beschäftigen sich mit mir, Sie interessiren sich für michfolglich nehme ich einen Platz in Ihrem Leben ein! – Ich sagte Ihnen vorhin, dass ich soviel nie gehoft hätte."

"Mein Herr! nahm ich entschlossen das Wort, dies Alles hat seine amüsante, seine rührende, seine ridiküle und seine unschickliche Seite. Ich wünsche dringend dass diese mysteriöse Huldigung aufhören möge, und ich wünsche Denjenigen von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, der sie mir seit dreiviertel Jahren mit so seltsamer Ausdauer darbringt. nennen Sie das