bleiben. Im Unmut hierüber verliess ich einen Abend im ersten Zwischenact die Oper, und warf im Hinausgehen den Blumenstrauss vor die Logentür des Unsichtbaren.
Am andern Morgen fand ich auf meinem Frühstückstisch ein Billet, das ich in der Erwartung irgend einer Einladung erbrach. Statt dessen las ich folgende Zeilen in italienischer Sprache:
"Sie zürnen mir, denn ich erscheine Ihnen trotz aller Zurückhaltung dennoch zudringlich. Darum wird ferner kein Zeichen meiner Huldigung Sie belästigen. Aber gönnen Sie mir – ich sage nicht: einen blick; sondern nur: Ihren Anblick allabendlich in der Oper, und verkürzen Sie nicht grausam die wenigen Stunden in denen ich selig – weil in Ihrer Nähe bin."
Eine anonyme Liebeserklärung oder eine Mystification, und Eines ist so unbehaglich als das Andre sprach ich halblaut zu mir selbst; das muss ein Ende nehmen! – Und ich ging in drei Tagen nicht in die Oper. Am Morgen des vierten ein abermaliges Billet.
"Ich habe Sie verstanden: Sie wollen mir mein demütiges Glück nicht gönnen. Gut! ich störe Sie ferner nicht. Gehen Sie in die Oper .... ich werde nicht mehr dort sein, mein Wort darauf. Ich beschwöre Sie fürchten Sie keine Zudringlichkeit! – aber sehen .... muss ich Sie und werde' ich Sie."
Er wird mich sehen, aber ich! .... werde denn ich ihn nie sehen? sprach ich gedankenvoll und beklommen zu mir selbst; und die unbestimmte traumhafte sehnsucht richtete sich nun bestimmt auf diesen Gegenstand. Schon diese Bestimmteit tat mir wohl. Mir war wie Einem, der nach langer Seereise endlich einmal wieder festen Boden unter den Füssen fühlt; ich empfand nicht mehr das ermüdende Schaukeln der Wogen; ich hatte Land gewonnen. Ich begann etwas Bestimmtes und Begrenztes zu hoffen und zu wünschen: ich war fast glücklich!
Ich ging Abends in die Fenice. Die Nachbarloge war leer, weitgeöfnet der Vorhang. Wo konnte e r nun sein? mein blick schweifte gedankenlos über die Menge dahin; was war sie mir? was war ich ihr? ein buntgefärbtes Nebelbild ohne Wesen, ohne Wahrheit; eine vergängliche Erscheinung, die heute gefällt und morgen vergessen ist. Dein Leben oder Tod .... Dein Glück oder Leid wiegt keines Sandkorns Gewicht in dem Dasein dieser Menge – sprach ich zu mir. Ist denn solche schauerliche Vereinzelung – Leben zu nennen? Leben ist Reflex des eignen Seins im andern, Gegenseitigkeit, Wechselwirkung, entwicklung. Wo das fehlt – existirt man in einer Schattenwelt, und ihr ist der Tod vorzuziehen, der wenigstens ungestörte Ruhe bringt. Aber mein Wesen im fremden Herzen gefasst und getragen – das lebt, und lebt ewig; denn die Liebe zieht die Unsterblichkeit gross.
Am nächsten Tage ging ich in die Marcuskirche, nicht zur Messe, nur zum Gebet. Bisweilen wurde mir unaussprechlich wohl in diesen ernsten, heiligen Räumen, die sich seit langen Jahrhunderten feierlich über die geheimsten und tiefsten Gedanken zahlloser Geschlechter und Generationen schweigend gewölbt hatten. Wie beseelt von Allem was sie gehört und gesehen, kamen mir die majestätischen Gestalten der zahllosen Mosaikbilder vor. Es tat mir wohl mit so viel Tausenden vor mir und nach mir gemeinschaftlich in ihren Schooss mich zu betten, und sie in das geheime Elend meines Lebens schauen zu lassen, welches selten, selten! ein Mensch vor dem Andern entüllt. Denn vor unsers Gleichen schämen wir uns unsrer Sünden, unsrer Torheit, unsers Elends mehr, als vor höheren Naturen. Unsers Gleichen kennen wir als schwach, und ach! die Schwäche im Bewusstsein ihrer Unmacht wappnet sich mit Strenge und Härte gegen Andre. Die höhere starke natur, welche die Schwäche nur kennt, aber nicht teilt, ist barmherzig. Hierin liegt die tröstende Macht der katolischen beichte auf das Gemüt. Aber gibt es denn Menschen, die so stark und so gut sind, dass wir uns mit unserem Elend nie vor ihnen gedemütigt fühlen? –
Tief in diese Gedanken versunken hatte mich ein Kapuziner nicht gestört, der ganz in meiner Nähe sein Gebet verrichtete. Endlich erhob er sich, trat zu mir heran und bat um Almosen für die Armen seines Klosters. Ungeschickter Weise trug ich nie Geld bei mir, und Gino, der bei meinen Excursionen mein Schatzmeister war, lag mit der Gondel an der Piazzetta. Ich zog eine goldne Nadel mit einem Knopf von Perlen und Türkisen aus dem Haar und gab sie ihm indem ich sagte:
"Verkaufen Sie dies, mein Vater, geben Sie den Ertrag den Armen .... und beten Sie für mich."
Er stand gebückt vor mir, beugte sich noch tiefer und fragte:
"Sie sind jung, gesund und reich, Signora ... um was soll ich beten?"
"Um Ruhe, mein Vater, und um Kraft."
"Dies ist das Allerwelts-Leid, Signora."
"Ja, mein Vater, aber es drückt den Einzelnen darum nicht minder schwer! Es ist vielgestaltig und nimmt jede Form an .... daher sieht es für Jeden anders aus, so wie auch Jedem die Versuchung in andrer Form naht."
"So jung .... und schon so nachdenkend!" sagte er.
Es machte mich lächeln, dass ihn eine ganz oberflächliche Bemerkung frappirt habe und ich fragte:
"Glauben Sie denn dass man nur im Kloster und bei fünfzig Jahren die Kunst des Nachdenkens üben könne?"
"Ich glaubte nur dass