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sagen den Menschen, und macht aus ihm, diesem erhaben-organischen Gebildeeine Maschine, die ohne Zusammenhang mit der natur, und abgelöst von der Gottesidee ist. Das rächt sich durch die sittliche Verkümmerung des Geschlechts. Das macht ehrlos d.h. bewusstlos über die wahre Ehre. O Sibylle, stellen Sie sich nicht mit so kalter Entschlossenheit in die Reihen der Welt."

Mit grenzenlosem Staunen hörte ich ihm zu, wenn unsre gespräche eine solche Wendung nahmen. Ich konnte seine Ansicht nicht in Einklang bringen mit seinem Leben, konnte nicht begreifen wie er zu derselben gekommen sein mogte. Er lebte fleissig und zurückgezogen wie ein Künstler der alten Tage, mässig wie ein Brahman, keusch wie ein Anachoret, er hatte seinen eigenen Aeusserungen zufolge nie anders gelebtwoher denn dieser feindliche Contrast mit der Welt? – –

"Sie tragen die Farben Ihres Gemäldes zu grell und hart auf, entgegnete ich, und das rührt daher, weil Sie der Welt wirklich nicht auge' in Augesondern sie durch irgend einen entstellenden Zerrspiegel gesehen haben. Es sind auch gute Elemente in ihr, und edle Geister wandeln auf ihr. Ein Mensch wie Sie, Fidelis, müsste vor allen Andern an das Gute und Wahre im Menschen glauben."

"O ich glaube daran! rief er lebhaft. Liebe und Wahrheit sind die Gottesidee in uns, und diese bildet den Keim und Kern des Ideals zu dem wir streben, dem wir nachleben, wozu wir uns möglichst entwikkeln sollen. Daran zweifle ich nicht, dass dies Aeterflämmchen die irdische Form beseeltnur daran, dass es in der Welt zu einem reinen Feuer aufflamme. Es wird erstickt im Wust und im Staube des fremden Unwerts und der eigenen Schwächedie auch unwert macht und unwert ist."

"Die auch unwert ist!" wiederholte ich wie ein bewusstloses Echodermassen trafen mich solche Worte im Mittelpunkt meines Wesens. Ich war mir so recht dieser Schwäche bewusst, die nicht im stand ist das heilige Feuer zu pflegen, weil es dabei Vigilien und lange kalte Nächte gibt.

Sedlaczech machte mich durch dergleichen gespräche ohne es zu beabsichtigen namenlos traurig indem er mich zugleich exaltirte. Ich wünschte mich zu opfern, mich beherrschen zu lassen, gar Ketten zu tragen, nur um aus dem Bewusstsein der inneren Unsicherheit gerettet zu werden. Ich betete um irgend eine entscheidende Wendung meines Lebens, die mich auf einen bestimmten Pfad und zu einem bestimmten Ziel führen müsse. Bei diesem Gebet vergass ich nur dass äussere Umstände von geringer wirkung sind, sobald die innere Entschiedenheit der Seele fehlt.

Der Winter war gekommen und hatte kältere Nächte und zuweilen Stürme gebracht. Ich wagte mich nicht mehr so viel in die Lagune hinein; dadurch fiel ein grosser teil meiner Unterhaltung fort; ich sah der langen Weile entgegen und um einen Versuch zu machen ihr zu entgehen beschloss ich etwas in die Gesellschaft einzutreten und den Brief abzugeben, den mir mein Onkel an den Gouverneur von Venedig, seinen langjährigen Freund, fast aufgezwungen hatteweil ich damals durchaus nichts von Bekanntschaften wissen wollte. jetzt schienen sie mir doch notwendig zu sein, und heimlich hofte ich dem Sylfen zu begegnen und ihn zu erkennen.

Also ich machte und empfing Besuche, ich hatte Soireen, ich nahm eine Loge in der Fenice, ich liess mich bei Hof vorstellen, als der Erzherzog Vicekönig auf einige Zeit nach Venedig kamund langweilte mich grässlich, weil ich mit Ansprüchen von Belebung in die Gesellschaft trat, welche nie in diesem grossen Getümmel gefunden werden kann. Ich kleidete mich, ich sprach, ich tanzte, ich tat wie die Uebrigen, aber mit maschinenmässiger Gleichgültigkeit. Heimlich hatte ich wohl die hoffnung gehegt irgendwo dem Unbekannten zu begegnen oder irgend etwas über ihn zu erfahren. Das schien vergeblich! nichts ereignete sich was mich an ihn hätte erinnern könnengar nichts als der eine kleine Umstand, dass die Loge neben der meinen im Teater Fenice stets geschlossene Vorhänge hatte, obgleich sie allabendlichoder wenigstens immer wenn ich in der Oper war, besucht war. Während längerer Zeit bemerkte ich es gar nicht, man sieht häufig geschlossene Vorhänge; entweder sind die Eigentümer nicht in der Loge oder sie wollen nicht gesehen sein. Endlich einmal, im Augenblick wo das ganze Publikum lauschend in den Gesang der Prima Donna vertieft war, rauschte vernehmlich, wiewol leise der Vorhang. Ich sah mich neugierig um, weil ich die Erscheinung einer schönen Frau erwartete, und bemerkte mit Erstaunen, dass der Vorhang nicht in der Mitte von einandergezogen, sondern nur nach meiner Loge seitwärts ein wenig aufgehoben worden war. Er fiel hastig herab als ich die wahrscheinlich unerwartete Bewegung machte, und ich sprach unwillkürlich zu mir selbst: Das ist e r . Mir klopfte doch ein wenig das Herz bei dieser Vorstellung. Weshalb vermied dies mysteriöse Wesen so scheu meinen blick, da es sich doch so sehr mit mir beschäftigte und den Wunsch an den Tag zu legen schien, dass ich mich mit ihm beschäftigen möge? welche Furcht entferntewelcher Umstand trennte es von mir? Mit leisem Herzpochen betrat ich nun allabendlich meine Loge. Immer lag seitdem auf ihrer Brüstung ein köstlicher Blumenstrauss; immer verkündete mir eine leise Bewegung der festgeschlossenen Vorhänge der seinen, dass mein geheimnissvoller Nachbar gegenwärtig sei. Diese stete Aufmerksamkeit war mir weder lästig noch peinlich, und streifte doch an Beides. Wer ein so unausgesetztes Interesse mir bewies musste, nach meiner Meinung, nicht in diesem seltsamen Schleier