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in meinem Dienst. Aber ich hatte ausser Gino und den drei Gondolieren noch einen französischen Koch bei meiner Einrichtung in Venedig genommen, und einen jungen Menschen, der dem Kammerdiener bei seinen Geschäften zur Hand ging und Sedlaczech insoweit bediente, als dessen einfache Gewohnheiten es nötig machten. Ich wollte schon irgend einen Verdacht von Bestechung oder sonstigen Umtrieben auf ihn werfen, als Gino kam und mich tausendmal um Verzeihung bat für den "fanciull" – wie er den grossen starken Nino zu nennen pflegte. Der poveretto habe natürlich keine Ahnung von meinem gestrigen Befehl gehabt, und daher heute früh ganz unschuldig die Nelken in Empfang genommenund obenein die Verwegenheit gehabt eine derselben zurück zu behalten und über's Ohr zu stecken. Künftig sei nichts mehr von seiner Unwissenheit zu befürchten; er habe ihm meinen Befehl deutlich gemacht.

Es schien als habe auch der Unbekannte ihn verstanden, denn die Blumensendungen unterbliebenbis nach acht Tagen Gino mir erzählte, es habe sich abermals die Gärtnerbarke mit einer Blumenfracht gemeldet, sei jedoch von ihm zu allen tausend Teufeln geschickt worden. Seitdem kam das nicht mehr vor. Mich frappirte weit mehr eine gewisse Gondel, die seit einiger Zeit allnächtlich, wenn ich von meinen Wasserwanderungen heimkehrte, an der Einfahrt meines Hauses lag. Hier war kein Traghetto.1 – Man fuhr durch eine gewölbte Grotte, aus der eine Treppe in den kleinen inneren sogenannten Hof führte, in mein Haus hinein. Für Fremde war da weder Landungsnoch Hafenplatz. Der Gondolier jener festverschlossenen Barke sass vermummt in seinem braunen Capot auf deren Boden und schien zu schlafen.

"Was machst Du hier? Weg da! fuhr Gino ihn das erste Mal an. Hier ist kein Traghetto! Pack Dich fort zu Deiner Madonna."

Statt in dem nämlichen rauhen und zänkischen Ton zu antworten, wie das die Weise der Gondoliere ist, die sich in fünf Secunden zum wütendsten Wortstreit, der aber nie in Tätlichkeiten ausartet, steigertentgegnete der fremde Gondolier gelassen:

"Ich bin hier schon im Schutz meiner Madonna."

"Das mag eine rare Hündin sein .... Deine Madonna!" kreischte Gino, der in Schimpfreden dieser Art all' seine Genossen übertraf.

Eine solche Herausfoderung zu Zank und Schmähung wird immer angenommen, und mit dem sanften lispelnden Dialect Venedigs der so klingt als sei er von Kinderlippen erfunden, schreien sich dann beide Helden die grausigsten Verwünschungen und Verspottungen zu. Als Jener nichts auf Ginos Apostrophe erwiderte, sondern sich stumm noch tiefer in seinen Capot wickelte, fuhr mir der Gedanke durch den Sinn, dies sei kein Gondolier sondern ein Verbannter, ein Flüchtling, ein verarmter Sohn des stolzen Hauses Gradenigo, der vielleicht sein Leben wage um eine Nacht unter dem Dach seiner Väter zuzubringen, und hastig rief ich:

"Schweig, Gino! hier hat Niemand zu befehlen als ich! Hält jene Barke sich ruhig, so darf sie bleiben."

"Sia benedetta, Madonna!" rief der fremde Gondolier mit Ton und Geberden, die es ungewiss liessen ob mir oder der heiligen Jungfrau der Segenswunsch gelte.

Aber nicht Einmal, sondern hinfort allnächtlich bei meiner Heimkehr lag dieselbe verschlossene Gondel mit demselben vermummten Gondolier auf demselben Platz! Und sobald ich die Treppe erstiegen hatte, die aus der Einfahrt ins Innere des Hauses führte, hörte ich den leisen Ruderschlag womit sie sich fortbewegte. Trat ich in meinem Cabinet auf den Balkon um ihr nachzusehen, so bemerkte ich nur dass sie nach der Kirche Maria Salute ihre Richtung nahm. Einmal fragte ich Gino ob er nicht wisse was es mit ihr für eine Bewandniss habe.

"Da 'Lustrissima ihr die Station vor Ihrem Palast verstattet haben, so werden Sie das wohl besser wissen als ich," entgegnete Gino mit so tiefer Demut in Ton und Haltung, dass es unmöglich war ihm die Impertinenz der Worte vorzuwerfen.

"Nein, Gino, ich weiss es nicht! entgegnete ich; und ich würde mich auch nicht weiter darum bekümmern, wär' mir nicht eingefallen dass der vermummte braune Mann ein Spitzbube sein könnte."

Gino brach sehr unehrfurchtsvoll in ein schallendes Gelächter aus.

"Sangue di Cristo! rief er, ein Barcarole soll ein Spitzbube sein. Man sieht wohl dass 'Lustrissima keine Tochter Venedigs ist, sonst würde sie wissen, dass der Barcarole neben tausend unleugbaren Fehlern auch eine eben so unleugbare Tugend hat: die Ehrlichkeit. Nein! was d e n Punkt betrift, dafür steh' ich ein."

"Und nur der ist wichtig, Gino! übrigens geht mich jene Barke nichts an."

"Ganz wie 'Lustrissima befehlen!" sagte er wieder mit der tiefsten Unterwürfigkeit.

Venedig war von jeher die Stadt der Geheimnisse, sprach ich zu mir selbst, das liegt in ihrer Atmosphäre. Aber unwillkürlich beschäftigte sich meine Phantasie mit jenem geheimnissvollen Unbekannten, den ich bald zu einem verbannten Anhänger der giovine Italia, baldund noch lieberzum dürftigen Nachkommen eines glänzenden Geschlechts machte. Dass Einer oder der Andre sich trotz seiner tragischen Geschicke dennoch in mich verliebt haben könne, erschien mir nicht unnatürlich; erstens: weil dergleichen einer Frau niemals unnatürlich, sondern ziemlich in der Ordnung erscheint; zweitens: weil ich wohl wusste wie schön ich war. Die Blumensendungen brachte ich auch mit jenem Unbekannten in Verbindung; – doch blieb mir das Alles bis jetzt nur eine Spielerei für meine unbeschäftigte, ewig rege Phantasie, und wochenlang ging das so fort.

Einst kam ich zu haus gegen drei