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" – was wir farblos nennen würdenstill, gleichsam horchend, unter breiten, schweren Augenlidern, welche bis fast zur Mitte des Sterns herabgedrückt waren und eine Art von Vorhang über dem blick bildeten, damit derselbe sich nicht zu sehr an die Aussenwelt verlieren möge. Er war klein und nervig, aber so mager dass er unansehnlich und dass besonders sein Kopf zu gross für seine Gestalt erschien. Oberflächlichen Leuten konnte er unbedeutend vorkommen; aber wer auch nur eine Ahnung von dem Zusammenhang zwischen Wesen und Erscheinung hatte, musste durch ihn frappirt werden. Ich ward es im allerhöchsten Grade. Sein blick fascinirte mich, obgleich er mich gar nicht ansah; ich strengte mich an um die Gegenstände zu gewahren, die er zu schauen schien. Vor lauter Betrachtung kam ich gar nicht recht zur Aufmerksamkeit auf seine Worte.

"Also eine feste Anstellung haben Sie nicht gefunden?" fragte ich ganz zerstreut in einer Pause.

"Eine solche wie ich sie wünsche und wie ich glaube sie ausfüllen zu können, findet sich nicht leicht, weil sie immer von Tüchtigen gesucht, und vermutlich durch den Tüchtigsten besetzt wird. Meister bei einer Kirchenkapelle, wie Mozart bei St. Stephan zu Wiendas mögt' ich werden! allein ich bin noch Schüler und kein Meister, und muss noch arbeiten und studiren um so weit zu kommen. Andre Anstellungen, als Kammermusikus etwa, reizen mich nicht. Man liebt heutzutag so wenig die Kammermusik und so sehr die Oper mit ihrer stupiden Augenlust, dass ich gewärtig sein müsste mein Leben in Rossinis und Aubers Opern zu verklimpern. Da bleibe ich lieber unabhängig, verdiene mein Brod durch Unterricht geben, und widme mich der Composition."

"Durch Unterricht geben?" fragte ich höchst erstaunt, weil ich glaubte ihn durch sein Jahrgeld von dieser Pein befreit zu haben.

"Ihre Güte kommt mir dennoch zu gut," antwortete er mehr auf meine Gedanken als auf meine Worte.

"Und gewiss auf eine weit edlere Weise! rief ich. O das bezweifle ich nicht! Da ich jedoch aus früherer Zeit weiss welche eine Marter Ihnen die Lectionen waren" .... – –

"Nein, nein! unterbrach er mich; das schien Ihnen nur so, weil sie Ihnen ein Greuel waren! Ich lebe wie ich nun einmal lebe, aus freier Wahl und aus Liebe: denn ich erwerbe mir selbständig mein Brot und gönne meinem Herzen die süsseste Befriedigung die es geniessen kann."

"Sind Sie verheiratet?" fragte ich hastig. Mir schien dass man nur einem weib, einem kind solche Opfer bringen könne.

"Nicht doch! entgegnete er gelassen; ich habe ewige Messen gestiftet für eine geliebte Seele."

Das war mir unverständlich; und da man leicht geneigt ist zu seiner eigenen Beruhigung das Unverständliche kurzweg unverständig zu nennen: so verfehlte auch ich nicht dies Verfahren höchst unsinnig zu finden.

"Welch eine seltsame Art von Befriedigung! rief ich geringschätzig. Und wie ist denn der Genuss den Ihr Herz dabei empfindet?"

Er besann sich eine Weile und sagte dann unbefangen:

"Ich denke es ist der jener Magdalene, welche die Füsse des geliebten Heilandes mit köstlichen Narden salbte."

"Und Judas bedauerte dass das Geld für die Narden verschwendetund nicht lieber den Armen gegeben würde," sagte ich mit einem bittern Rückblick auf mich selbst, denn neben dieser Gesinnung kam mir die meine roh und niedrig vor.

"Ich verstehe Sie nicht!" sprach er aufrichtig.

"Desto besser! rief ich; – doch nun sagen Sie mir wohin Sie Ihren Wanderstab setzen wollen?"

"Nach Italien. Ich kam von Wien hieher nur um den ehrwürdigen Bischof einmal wieder zu sehen, und diese Pietät ist mir gelohnt, da ich Sie gefunden habe. heute Abend geht die Post nach München, da will ich fort."

"O ich bitte Sie, nicht so sehr flüchtig! bleiben Sie ein Paar Tage hier! wir haben so viel zu plaudern .... von Engelau .... von der Vergangenheit .... undich will auch nach Italien; da reisen Sie mit mir."

"Ja, das tue ich gern, rief er lebhaft; mir ist wohl bei Ihnen! zu Ihren eleganten Gesellschaften und zu Ihren Kunstgenüssen werden Sie mich wohl aus Barmherzigkeit nicht verdammenund sonst werden wir uns recht gut mit einander vertragen."

"Zuweilen werden Sie mich aus Barmherzigkeit gute Musik hören lassen?" fragt' ich lächelnd.

"Was nennen Sie gute Musik?"

"Nun, solche welche mich von dem Kampfe innerhalb meines engen Selbst befreit und mich in eine Welt führt wo Geisterschlachten geliefert werden an denen meine Seele teil nimmt.

"Sind Sie so ernst?" sagte er zweifelnd.

"Ich bin eine Tochter des Nordens und Sie fragen ob ich ernst sei! mein Gott, das ist ja die Mitgift welche uns in die Wiege gelegt wurde. Ich gehe nach Süden um etwas heiterer zu werden und um das Kind in eine fröhlichere Atmosphäre zu bringen."

"Ist die Seele ernst, so wird sie durch die fröhliche Umgebung nicht fröhlich. Höchstens zerstreut sie sich, und das tut ihr nicht immer wohl. Der ernste Mensch sollte darauf bedacht sein sich zu sammeln um sich dann resigniren zu können."

"Resigniren? aber wozu?"

"O zu Allem! zu seinem Glück wie zu seinem Leid."

"