wäre – indessen jener den möglichsten Vorteil soweit Pflicht und Ehre es gestatteten, beabsichtigt hätte. Nicht die leiseste Anwandlung von kindlichem Vertrauen fühlte ich bei meinem Schwiegervater, den ich doch seit meiner Wiege kannte – und ein unsägliches überflutete mein Herz meinem Onkel gegenüber, den ich in meinem Leben etwa vierzehn Tage gesehen hatte. –
Ich fühlte zuweilen ein Verlangen in Würzburg bei meinem Onkel zu bleiben, zu seiner Kirche überzutreten, Benvenuta in derselben zu erziehen, und wenn sie erzogen und verheiratet sei in einem ernsten edlen Kloster den Schleier zu nehmen. Ich sprach sogar mit meinem Onkel über diese Möglichkeit. Er entgegnete sanft:
"Liebe Tochter, Deine unruhige Seele wirft sich an Alles was sie noch nicht kennt, und wendet sich von Allem ab, was sie kennt. Unsre Kirche ist Dir gleichsam eine neue Bekanntschaft, welche Dich durch innere Gediegenheit und äussere Schönheit anzieht. Aber für jetzt bist Du nicht ruhig genug um den Kelch des Labsals, welchen sie den wahrhaft Durstenden bietet, mit fester Hand ergreifen zu können. Ein solcher Schritt will mit tiefer Besonnenheit getan sein; wo nicht – so ist er kindisch oder sündhaft zu nennen. Unsre Kirche gibt Frieden Denen die ihn aufrichtig suchen; aber Du, mein Kind .... Du suchst ihn nicht."
"Teurer Onkel! rief ich heftig bewegt, das erste und das letzte Schmachten jeder Seele, so gross oder klein, so weise oder töricht sie sei – strebt nach Frieden, und ich allein sollte dies Bestreben nicht haben?"
"Du strebst nicht nach Frieden, erwiderte er mit unerschütterlicher Sanftmut – sondern nach Befriedigung."
So war's. Er las in meinem Herzen. Er fuhr fort:
"Wer den Frieden sucht, weiss was er sucht, nämlich das Eine: sich hingeben der Hand Gottes und ihrer Führung, ohne Angst, ohne Hast, mit unerschütterlich demütiger Seele. Wer Befriedigung sucht, sucht etwas Unbestimmtes, Namenloses – etwas das hier sein könnte oder auch dort – etwas das in himmlischen Dingen zu finden sein dürfte oder auch in irdischen – etwas das dem Ewigen angehören mögte und zugleich dem Vergänglichen. Wer Frieden begehrt will zu Gott kommen, wer Befriedigung – zu sich selbst."
Mir war als würde mein Herz aus der Brust geschält und durchsichtig vor meine Augen gehalten. Ich sagte:
"Ganz Recht! aber nur der, welcher bei sich selbst und in sich zu haus ist, vermag sein Ziel und den Weg zu demselben ins Auge zu fassen, weil er einen f e s t e n Standpunkt hat. Befriedigung muss der Erdboden sein auf dem die Palme des Friedens gedeiht. Befriedigung sammelt uns in uns selbst und schmilzt unsre sich verflüchtigenden Kräfte zum Goldkorn der Einheit zusammen. Glauben Sie nicht dass eine höhere Hand das Gepräge göttlichen Friedens auf ein solches Goldkörnchen drücken könne?"
"liebes Kind, entgegnete liebreich mein Onkel, das heisst fragen ob ich an die Barmherzigkeit Gottes glaube! – Ich sagte Dir nur .... und Deine Worte bestätigen es .... dass Du nicht genug innere Sammlung besitzest um vor der Hand den Uebertritt zu unsrer Kirche machen zu können. Dergleichen darf nicht im Sturm geschehen. Habe Geduld – auch mit Dir selbst."
Er drückte mir väterlich die Hand und ich küsste die seine mit zärtlicher Ehrfurcht. Dies war nicht das einzige Mal dass wir über diesen Gegenstand sprachen; aber stets äusserte sich mein Onkel in gleicher Weise, und ich kam endlich nicht mehr darauf zurück. Allein es war mir dabei zu Sinn, als sehe ich einen Nachen sich entfernen, den ich herbei gewinkt um mich vom sandigen öden Strande an ein jenseitiges blumen- und schattenreiches Gestade zu tragen.
Bald wurden meine Gedanken auf einem andern Gebiet beschäftigt. Ich empfing folgenden Brief:
"Sibylle! ich habe Ihren Willen geehrt – dann Ihr Glück – dann Ihre Trauer; vergessen habe ich Sie nie ..... nie Ihr verheissungsvolles, verschleiertes, ich weiss nicht ob ü b e r menschliches, doch gewiss n i c h t menschliches Auge, in dem sich Ihre ganze Seele spiegelt! Ist diese Seele zum Bewusstsein gekommen durch Zeit, Leid und Erfahrungen, welche alle Menschen reifen und entwickeln? Darf ich Sie demnach um Antwort auf eine einzige Frage bitten? Glauben Sie mich lieben zu können? – Diese Frage würde vermessen sein, wenn Sie nicht die heimliche überzeugung meiner Liebe für Sie hätten – und würde matt sein, wenn ich den Talisman besässe, der mich befähigte wozu noch kein Mensch befähigt worden ist: in Ihrer Wolkenseele zu lesen. Antworten Sie mir die volle Wahrheit, ohne Rückhalt, bestimmt und klar. Oder müsste ich noch immer sagen wie damals: Sibylle, wach auf! – Otbert Astrau."
Ja, ausserordentlich beschäftigten mich diese wenigen Zeilen. In Jahren hatte Astrau mich nicht gesehen und nichts von mir gehört als was zwei g e d r u c k t e Schreiben ihm sagten; und dennoch dachte er an mich, wusste er von meinem Aufentalt, hatte er sein Gefühl für mich bewahrt, hofte er auf Erwiderung. Das ergriff mich mächtig. Aber konnte man das Liebe nennen? Ich besann mich acht volle Tage; endlich schrieb ich:
"Sie sagten mir einst ich wisse nichts von der Liebe. Da ich in dieser Beziehung keine Erfahrungen gemacht habe, und noch auf demselben Punkt stehe wie damals, so muss ich Ihnen mit voller Wahrheit