durchaus erreichen wollte: vollenden was Paul begonnen. Ich erreichte es wirklich. – Aber was nun weiter? – In meiner ganz praktischen Richtung, immer beschäftigt, umsichtig sorgsam, geregelt tätig, hatte der Gram nicht in mir aufkommen können. Auf den ersten wilden Schmerz folgte gelassene Trauer. Die Vergangenheit lag hinter mir wie ein Garten durch den ich nur selten Musse hatte zu wandeln. In der Gegenwart stand ich wie auf einem feld das ich zu bebauen hatte. Aber recht wie der Landmann der mit seiner Arbeit immer an die Zukunft und die hoffnung gewiesen ist, so knüpfte sich auch Alles was ich wollte, tat und trieb an die Zukunft. Anfangs hatte ich nur die meiner Tochter im Auge; allmälig mischte sich die meinige hinein. jetzt weiss ich dass ich sehr gut meinen Geschäften vorstehen und mein Haus führen kann; sprach ich zu mir selbst; – und mit dieser erkenntnis wich jeder Reiz aus meinem Leben. Ich war zu ehrlich gegen mich selbst um eine Rückkehr zur Trauer um Paul zu erzwingen. Ach, in meiner ersten Jugend hatte ich das ja umsonst bei der Erinnerung an Heinrich versucht! Ist ein Gefühl wie ein Ast abgestorben, so grünt es nie wieder; anders – wenn's abgehauen ward. Ich fiel wieder meiner alten Unruh anheim. Statt mein Leben nach seinem eingeführten Zuschnitt fortzusetzen, gab ich es auf. Das Uhrwerk in gang zu bringen hatte ich als eine heilige Aufgabe betrachtet. Zusehen wie es sich regelmässig abrollt schien mir zu geringfügig. Ob ich nicht auch in der Fremde verständig und ohne jugendliche Verschwendung werde leben können? fragte ich mich. Es lockte mich unwiderstehlich hinaus sobald ich mir gestattet hatte über meine enge Begrenzung in die Weite und Ferne zu schauen. Wieder sass ich stundenlang auf dem Hünengrabe oder auf den Kieselwällen des Strandes, und dachte mir wie das schön und glücklich sein müsste alle Küsten des vor mir ausgebreiteten Meeres zu kennen, und ob man auf diesen Wanderungen nicht die Inseln der Glückseligkeit entdecken müsste. Und bei Ausmalung dieser Glückseligkeit verfiel ich in Träumereien und vergeudete meine Seele und ihre Kräfte, statt sie mit Gefühlen und Handlungen zu nähren. Das Herz dörrte ich mir förmlich dabei aus, so dass ich mich erschöpft und trostlos fühlte, wie Ixion der die Wolke statt der geliebten Göttin in seine arme schloss.
Ich komme um! rief ich ganz laut eines Abends als das Gefühl unbestimmter erwartungsvoller sehnsucht übermächtig in mir rege geworden war. Ich traf meine Anstalten; ich wollte reisen, wollte mich zerstreuen von dem einsamen Einerlei; wollte verhüten dass Benvenutas erwachendes Seelchen die Färbung annähme, welche die meine hier empfangen hatte. Heitre bunte Bilder sollten sie umgeben, ein milderes Klima ihr Gedeihen fördern. über Würzburg wollte ich nach der Lombardei, die ich bei meiner ersten italienischen Reise nur im Durchflug gesehen hatte.
Acht Tage später reiste ich ab. Ich besuchte meinen Schwiegervater der mich ziemlich trocken empfing und meine Reise noch trockener missbilligte. Ich könne ja im Sommer in ein Bad gehen, den Winter in Hannover, Frühling und Herbst in Engelau zubringen: das sei eine vernünftige und passende Lebensweise, wie sie sich für eine Frau in meinen Verhältnissen schicke. Er mogte nicht Unrecht haben, aber ich sträubte mich heftigst gegen diese Tretmühle des Hergebrachten, und erklärte in einer so kleinen Stadt wie Hannover nicht leben zu können. Das nahm er grenzenlos übel, nannte mich "mauvaise tête", und mit grosser Kälte trennten wir uns. Um desto wärmer und freundlicher empfing mich der Bischof von Würzburg. Sobald diese geistlichen Herrn das Bewusstsein ihres Berufs und ihrer Stellung haben, schöpfen sie aus demselben so viel Würde und die Umgebung erhöht diese so sehr, dass ihrer Erscheinung eine gewisse Weihe eigentümlich werden kann, die ganz unabhängig von grossen oder überwiegenden Gaben ist. So war mein Onkel. Er war kein philosophischer Kopf, kein brillanter Geist, kein majestätischer charakter. Er war ganz Milde und Güte; – nicht Güte der Schwäche, sondern des Wolwollens. Dieselbe Milde lag im blick seines guten Auges, in jedem Wort seines Mundes, in jeder Handlung seines Lebens. Seinen Wahlspruch hatte er von St. Augustin gelernt: "In omnibus caritas." Er tat mir wohl bis ins Herz hinein. Mein Schwiegervater auch ein Greis, auch mit ehrwürdigem weissen Haar, war so recht ein alter gescheuter Mann, den die Welt charmant und respectabel findet. Freilich war er Beides! aber mir kam er vor wie jene Leiche des Klosters auf dem St. Bernhard: ganz menschlich wolerhalten in der eisigen Luft; – während mein Onkel mir den ächten Eindruck des "guten Hirten" machte. Als ich ihm Benvenuta brachte, segnete er sie und mir war zu Sinn als sei das Kind nun erst recht der Obhut Gottes anvertraut. Allabendlich wenn sie ihm zur Gute-Nacht die Hand küsste, berührten seine Finger segnend ihre Stirn, und ich konnte nicht anders als mir etwas Gutes und Frommes dabei vorstellen.
"Gedenken Sie Benvenutas in Ihrem Gebet!" bat ich ihn mit Rührung. Meinen Schwiegervater würde ich nur gebeten haben ihres Vermögens zu gedenken. Uebrigens wäre mein Onkel ein ebenso treuer Haushalter desselben gewesen; aber eben nur als ein H a u s h a l t e r , nicht als E i g e n t h ü m e r betrachtete er jeden irdischen Besitz – und darum hätte er ihn so verwaltet, dass er mit seiner Rechnung vor dem Herrn, dem barmherzigen Gott bestanden