seine Besinnung raubte. So war ihm wenigstens der Schmerz des Abschieds erspart. Er ging heim mit heitern Phantasien von Weihnachtsbäumen und Engelsgesichten! – wahrscheinlich schwebte Benvenuta an dem verschleierten Spiegel seiner Seele vorüber. Er ging heim – ein Mann wie ich nie einen ehrenwerteren gekannt habe – so gut wie es der allgemeinmenschlichen Schwäche verstattet ist zu sein – bei fünfunddreissig Jahren! und ich war witwe in einem Alter wo die meisten Frauen erst ihr Leben zu beginnen pflegen, und ein Kind von wenigen Wochen war meiner Unerfahrenheit einzig und allein anvertraut. Die arme Kleine musste sogleich den übelsten Einfluss empfinden. Ich bekam heftige Nervenzufälle, konnte sie nicht mehr nähren; sie hingegen sich nicht an ihre Amme gewöhnen, so dass sie während zwei Jahre einem welken Pflänzchen glich, das in der Erde nicht Wurzel schlagen kann. Mit ihr und meinen Dienern und Untergebenen blieb ich allein in Engelau, ohne Familie, Verwandte, Freunde, einzig auf mich beschränkt – denn auch Heinrichs alter Hofmeister starb in dieser Zeit, friedlich wie er gelebt hatte am Nervenschlag, zwischen getrockneten Blumen, gespiessten Käfern und gemalten Schmetterlingen. Er war das letzte äussere Kettenglied zwischen mir und der Vergangenheit. Er hatte meine Kindertage gekannt und meine toten. Diese wehmütigen und melancholischen Capitel im Buch des Lebens konnte ich mit ihm allein durchblättern, – nun fehlte mir auch dieser Trost! ich war auf mich selbst angewiesen.
Ich lebte mit einem tiefen eisernen Ernst. Alle Geschäfte die Paul geführt, übernahm ich; was er begonnen hatte wollte ich zu Ende bringen: die Ordnung meines Vermögens herstellen um es meiner Tochter zu überliefern wie ich es von meiner Mutter empfangen. Ich lebte mit der äussersten Einschränkung, versagte mir sogar Bücher und manche Gegenstände des Comforts, brauchte nur meine schlichten Trauergewänder. Paul hatte den grössten teil unsrer Einkünfte dazu bestimmt unsre Schulden abzutragen, mit dem vierten teil hatte er leben wollen. Ich setzte es durch mit dem achten zu leben um desto früher dieser Last entledigt zu sein. Ich verkaufte äusserst vorteilhaft ein kleines Gut, das ein Hamburger Banquier zu besitzen wünschte, weil es gar freundlich am Plöner-See lag. Das half mir sehr! ein Paar gute Jahre – was der Landmann g u t nennt, d.h. einträgliche – kamen dazu; die Pachtungen wurden gesteigert, und zwei Jahr nach Pauls tod waren meine Verhältnisse vollkommen geordnet, die Schulden bezahlt, sichere Pächter eingesetzt. Ein umsichtiger und zuverlässiger Verwalter stand an der Spitze der Geschäfte. Brauchbare und tüchtige Leute hatte ich mit Glück, Geschicklichkeit und gutem Gehalt als Schullehrer, Förster, Gärtner gewonnen. Engelau war in vollem Flor, eine der cultivirtesten und gepflegtesten Besitzungen Holsteins. Der Pfarrhof, die Pächterwohnungen, die Bauernhäuser, die Hütten der Tagelöhner, die Schulhäuser – alle waren tüchtig, warm und ihrer Bestimmung entsprechend gebaut, immer reinlich, zuweilen freundlich umgeben. Der rote Backstein als Baumaterial nimmt sich gut und sicher unter den Strohdächern aus, welche allgemein die Ziegeldächer überwiegen, weil sie leichter und wärmer sind; und diese in die grüne Landschaft zerstreuten roten Punkte erheitern deren Monotonie und machen sie lustig wie Blumen eine Wiese. Täglich – das hatte ich mir zum Gesetz gemacht – auch im tiefen Winter bei Sturm, Regen und Schnee, ging, ritt oder fuhr ich aus: heute zu einem Holzwärter tief im wald, morgen zu einem Armenvorsteher, übermorgen zu einem reichen Bauern oder zu einer Schulstunde. So hatte Paul es gemacht! er hatte gesagt: Die Leute müssen sich daran gewöhnen dass der Herr sie beobachtet und zugleich Teilnahme für sie hegt; sonst kommt man nicht zu einem guten Vernehmen und hat kein Vertrauen zu einander. Das hatte er während des Jahres seiner Anwesenheit treu befolgt, und da ich Aehnliches, nur nicht so systematisch, schon als Kind getan: so wurde es mir nicht schwer. Da lernte ich die wirklichen Zustände des Landvolks kennen, welche zwar beim Tagelöhner bis zur Armseligkeit herabsteigen, aber in Elend nur in Krankheitsfällen ausarten können. Greift in solchen Momenten der Herr mit wirksamer hülfe so zweckmässig ein, dass der kleine Haushalt fortgehen kann, als ob des Mannes oder Weibes Krankheit keinen Ausfall im Verdienst zur Folge hätte: so tritt keine Zerrüttung in den kleinen Verhältnissen ein. Vernachlässigt der Herr diesen Moment, so ist der Ruin der Familie fast unvermeidlich. Durch diesen steten Hinblick auf das Geringe mit welchem der Mensch friedlich leben und zu der Brauchbarkeit tüchtig sein könne, welche sein Platz in der Welt von ihm begehrt – entwöhnte ich mich von all den entnervenden Bedürftigkeiten, welche nichts sind als niedliche Missgeburten von dem Unverstand mit der Langenweile erzeugt. Die kriechende heuchlerische Gesinnung unsrer Tage mögte es verbergen, dass sie sich vor dem Golde im Staube wälzt; sie nennt das Raffinement eines hirnlosen Luxus Verfeinerung des Geschmacks, Veredlung des Lebens; sie setzt der Erfahrung dass dieses marklos, jener blasirt, und Beide durch überreizende Genüsse verzerrt werden, die Behauptung entgegen: die zivilisation werde ganz neue und reichhaltige Elemente entwickeln um dem Dasein frische Nahrung zuzuführen. Aber bis diese Quellen aufgegangen sind, geraten die Menschen in die Sclaverei ihrer Bedürfnisse, und das ist die zersetzendste aller Demoralisationen. Wie der schärfste Frost sogar Steine sprengt, so weicht der materiellen überhandnehmenden Richtung jedes Bedenken und jede Scheu. Genuss! wird das Losungswort der Gesellschaft, und damit ist der in ihr gefesselte Tiger losgelassen.
Mir tat mein strenges Leben wohl. Ich hatte ein Ziel dem jeder Gedanke und jede Handlung sich unterordnete und das ich