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Apatie und fliehen es so lange bis sie sterbensmüde am vorzeitigen Ende ihrer Laufbahn zusammenfallen, auf dieselbe zurückschauen, und auf dem e i n e n Punkt wie gebannt den blick ruhen lassen. Und warum auf dem einen? – Weil er in dem langen Wirrsal voll kurzer Entzückungen, voll langer Schmerzen, voll ewiger Unruh, voll dauernder Reuein diesem nachtschwarzen Gewebe, welches einzelne Faden von Gold und Purpur regellos durchschiessenweil jener Punkt unwandelbar licht ist. Nicht flammend, nicht glühend, nicht stralend, nicht rosig, nicht prismatisch! nur hell! hell wie der Tag, hell wie ein liebes Lächeln, hell wie ein guter Gedanke, wie ein unschuldvolles Auge, wie eine wolwollende Tat ..... hell, wie das ächte Glück! – Dann seufzen sie: Ja, da war es! – aber dann ist es zu spät! die verwegene hastige Hand hat voreilig den Baum des Lebens entlaubt; das Paradies ist verloren. – – –

Eine lange hoffnung sollte uns endlich erfüllt und ichMutter werden. Bei dieser Aussicht regte sich in mir ein wunderliches Gemisch von jauchzender Seligkeit und von Gewissensbeängstigung. Ich warf mir die Schatten der Gedanken vor, die zwischen mir und Paul gewesen waren, und ich verhehlte mir nicht dass diese hoffnung mir vor einem Jahr wenn keine grössere doch eine frischere Freude gemacht haben würde. Es rächt sich jede Unlauterkeit die man an seiner Seele begeht. Rohe Naturen bemerken das nur wenn sie eine äussere wirkung zur Folge hat; feine nehmen es an der leichtesten Nüance von Frische und Zarteit wahr um welche ihr Empfindungsvermögen ärmer geworden ist.

Paul war rührend in seiner Freude. Jedes persönliche Interesse trat für ihn in den Hintergrund. Er gab seine Laufbahn und das Leben in England ohne Bedenken auf, obwol er seit zehn Jahren sich gewöhnt hatte es als das einzig ihm zusagende zu betrachten. Er entschloss sich das einsame und ein bischen langweilige norddeutsche Landleben zu führen.

"Denn, sagte er lächelnd, hier fehlen uns die Verlockungen zur Verschwendung, denen wir nun einmal in London nicht widerstehen können, und die nicht u n s e r Vermögen sondern das unsers Kindes zerrütten würden."

Es war sehr grossmütig dass er "wir" sagte! – – Sein Vater sah ihn ungern seine Carriere verlassen, und meinte da ich unverständig genug sei um mich nicht mit meinem so reichlichen Einkommen in London einrichten zu können, so müsse Paul etwa sechs Monate des Jahres als Junggesell allein dort leben und ich mit dem kind in Engelau; die andern sechs Monate dürfe er dann bei mir zubringen. Er unterstützte diesen Vorschlag mit verschiedenen teils scherzhaften teils cynischen Gründen, welche beweisen sollten dass eine solche Trennung für das gute Vernehmen in der Ehe höchst vorteilhaftund für die Vergrösserung der Familie äusserst zweckmässig seiso dass zu gleicher Zeit die Ansprüche der Liebe und die Interessen der Carriere bei dieser Einrichtung berücksichtigt würden. Aber Paul ging nicht darauf ein. "Können Mann und Frau sechs Monate ganz heiter und wolgemut von einander getrennt leben, so können sie es auch sechs Jahr und sechszig Jahr. – Man muss sich den Glauben zu bewahren suchen, dass man zu einem frohen und zufriedenen Leben einander notwendig in der Häuslichkeit sei."

"Ich glaube Du bist noch verliebt, entgegnete mein Schwiegervater etwas geringschätzig; das finde ich stark, Paul, und ich kann es nur mit Deiner ersten Vaterfreude entschuldigen."

Paul nahm scherzend den Vorwurf hin ohne sich in seinem Entschluss irre machen zu lassen. Er richtete seine ganze Zukunft für Engelau ein. Ich sah freudezitternd der nächsten entgegen. – – –

Und wieder am Tage Aller Seelen gab es ein Geburtsfest. Ohne vorhergehende Furcht, ohne lange Qual gebar ich eine Tochter. Wir hatten aber Beide, und ich besonders, auf einen Sohn gerechnet. Hundertmal hatte ich gesagt zu Pauls höchstem Ergötzen:

"Nur kein Mädchen! kein Mädchen! zwölf Knaben sind nicht so schwer durch die Welt zu bringen als ein einziges Mädchen!"

Der Name, die kleinen Anzüge, die PatenAlles war auf einen Knaben berechnet. Benvenuto sollte er heissen; – und nun war es keiner! Ich empfand im ersten Augenblick einen dummen unsinnigen Schmerz darüber, der erst dann wich als Paul das Kind auf den Armen hielt und es freudig: "Benvenuta!" nannte. Ich nährte es selbst. Es war eben so frisch und gesund als ich. Ich befand mich leiblich und geistig in einem Normalzustand, ohne Excentricität oder Phantasterei irgend einer Art. Das Kind beschäftigte mich zu sehr, zu praktisch um nicht meine Grübeleien zu ersticken. Ich musste sorgen, pflegen, nachdenken, überlegen. Das Alles hätte ich auch einigermassen als Hausfrau und Gattin tun können; aber Paul hatte mich nicht sowohl als Frau, sondern mehr als Kind und Schmuck des Hauses behandelt und keine sorge von mir begehrt. Das kleine hülflose geschöpf war aber auf mich allein angewiesen, und meine Aufmerksamkeit musste ersetzen, was mir an Erfahrung und Ratgebern fehlte. Dadurch war ich auf dem Wege mich an eine gewisse innere und äussere Disciplin und mein Gefühl an gesunde Nahrung zu gewöhnen. Jene hätte meinem Leben Haltungdieses ihm Tüchtigkeit gegeben; Beides meine Kraft geweckt, meine Schwäche überwinden helfen. Da trat die fürchterlichste Katastrophe ein! – – Um Weihnachtseinkäufe zu machen fuhr Paul nach Kiel, erkältete sich bei der Heimkehr und starb binnen drei Tagen an einer Gehirnentzündung, die ihm Gottlob! von Anbeginn