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oder ein Troubadour der von seiner Dame den Preis erhält; und hatte ich eben das holde fräulein dargestellt, so verwandelte ich mich schleunigst in die Aehrenleserin Rut, welche durch die Hand des Boas beglückt wird, oder in Arria, die sich mit einem majestätischen "Non dolet" den Dolch ins Herz stösst. Tancred und Clorinde war unser Lieblingsspiel zu Pferde; der Moment meines Todes rührte mich bis in die innerste Seele! aber nichts, nichts übertraf unser beider Entzücken, wenn mein Bruder den geblendeten Belisar und ich den Knaben seinen Führer darstellte; dann irrten wir Hand in Hand durch die verwachsenen waldigen Partien des Parks, oder auf den schmalen Fusssteigen zwischen den Feldern, oder im hohen Wiesengras umher, langten auf irgend einem jener baumbewachsenen Hügel an, die man dort zu land Hünengräber nennt, setzten uns nieder, – und nun musste ich dem blinden Belisar die Landschaft beschreiben, welche sich vor uns ausbreitete; aber nicht die holsteinische Landschaft die ich wirklich sah, sondern Byzanz mit seiner Propontis, oder Rom mit seiner Campagna, oder Neapel mit seinem Golfwozu mein Bruder mir durch Bilder und Erzählungen zuvor das Material geliefert hatte. Bisweilen war ich zerstreut und unaufmerksam; dann fiel mein Belisar aus der Rolle und half mir zurecht um nicht Capri und Ischia mit den Prinzeninseln zu verwechseln; hatte ich ihn aber durch eine treue Schilderung seiner inneren Bilder ergötzt; so versetzten wir uns aus dem Traumleben der Gegenwart in das der Zukunft, und mein Bruder schilderte mir wiederum die Reisen die er zu machen beabsichtige, wenn er seine Studien vollendet habe.

"Aber Du musst mich mitnehmen, Heinrich!" rief ich wehmütig wenn er so recht im zug war mir Gott weiss welche Herrlichkeiten auszumalen.

"Das versteht sich, Sibylle! entgegnete er zuversichtlich; wenn Du fünfzehn Jahr alt bist ziehen wir in die weite Welt."

Und in meinem Sinn schnürte ich schon mein Bündelchen und sah mich um nach einem Wanderstab.

Der Winter war unsre seligste Freudenzeit! dann froren die Canäle zu, welche in allen Richtungen den weitläuftigen Park durchschnitten, und wir liefen darauf Schlittschuheine Uebung die mein Bruder mir gleichfalls beigebracht hatte. Abends, wenn die weisse Erde, der blaue Himmel, die bereiften Bäume und das spiegelblanke Eis vom Mond und vom Frost wie versilbert flimmertendann hinaus! Heinrich rechts ich links auf den Canälen, ein Punkt bestimmt wo wir zusammentreffen wollten und dann fort wie der Vogel, wie der Wind! Ach, das war ein jubel! Oder wir verfolgten, jagten und haschten uns, und fuhren dann Hand in Hand weiter, oder Arabesken und unsre Namenszüge in das Eis hinein. Oder wir führten dann Elfentänze auswie wir unsere Evolutionen nannten, denn ohne phantastische Spiele in unsren Vergnügungen hätten uns diese nur die halbe Freude gewährt.

Die Eltern, ein alter Hofmeister, ein junger Musiklehrer, eine Engländerin halb Gouvernante halb Gesellschafterin, und wir drei Kinder, endlich eine Menge von Dienstboten wie man sie auf dem land in reichen Häusern oft recht überflüssig zu halten pflegtdas war unsre Hausgenossenschaft. Besuch kam selten, und noch seltener wurde eine Gesellschaft zum Mittagsessen gebeten. Beides war ein Ereigniss in unserm stillen Leben, aber für mich ein höchst widerwärtiges. Bei den Diners wurde ich von der Tafel ausgeschlossen und einsam in die Kinderstube verbannt; und den fremden Besuchen gegenüber verging ich fast vor Angst und Schüchternheit. Hätte ein Tancred oder ein Hector, eine Fee oder eine Prinzessin mich angeredet, so würde ich schon geantwortet haben, allein mit diesen Menschen, die mir Alle so bekannt aussahen und so fremd waren, fühlte ich mich grenzenlos verlegen. Zeit und Verhältnisse waren auch nicht von der Art um eine fröhliche Geselligkeit zu begünstigen: die Franzosenherrschaft lastete auf Deutschland wie die Schwüle eines Gewitters. Jeder fühlte so könne und dürfe es nicht bleiben, während er sich doch bang nach der Explosion umschaute, welche einem besseren Zustand vorhergehen musste. Ich war zu jung um die traurigen und finstern gespräche der Erwachsenen über diesen Punkt zu verstehen; aber meine Schwester mag wohl eine sehr trübe und freudlose Jugend gehabt haben.

Plötzlich wurde aber Alles anders! es hiess nun gebe es Krieg gegen die Franzosen. Ein Neffe meiner Mutter, ein Hannoveraner, der grade bei uns zum Besuch war, verlobte sich im Gefühl künftiger Siege mit meiner Schwester, und eilte die Rosen der Liebe mit dem Lorbeer des Helden zu durchflechten. Alles war in Begeisterung, Alles jauchzte der Befreiung entgegen, Alles war bereit Blut und Leben dran zu setzen. Wir feierten die gewonnenen Schlachten, bewunderten die verbündeten Monarchen, priesen Landwehr, freiwillige Jäger, hanseatische Legion, kosacken; vergingen in Angst und Mitleid bei der Belagerung Hamburgs, und jauchzten bei dem Einzug in Paris. Es war solcher Schwung und solche Bewegung in das wirkliche Leben gekommen, dass mein Bruder und ich unser Phantasieleben darüber vergassen, und unsre Helden des Altertums und der Romantik in den Schatten stellten neben all den glorreichen Namen von lebenden Fürsten und Feldherren.

Paul, der Verlobte meiner Schwester schrieb aus Paris wie aus einem Wunderlande, einer Feenwelt. Im Lauf des Sommers kam er zurück und brachte mir Bonbons mit von so unbegreiflicher Schönheit, dass ich sie wie Kunstwerke anstaunte ohne den Mut zu haben auch nur einen einzigen zu verzehren. Ebenso reizend waren die Geschenke, welche er meiner Schwester machte, und seine Erzählungen übertrafen nun gar Alles was ich je von Herrlichkeiten geträumt hatte. Nur das Wort zu hören