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"O! rief er heftig, Du liebst mich nicht .... aber wirst Du mich denn niemals lieben? Gieb mir hoffnung, Sibylle! sprich Ja!"
Er umschlang mich stürmisch mit dem rechten Arm, hob mit der linken Hand mein Gesicht zu sich empor und sah mich so dringend, forschend, glühend an, dass ich mich magnetisirt fühlte und ganz träumerisch sagte:
"Ja Otbert .... das weiss ich nicht."
Ein Blitz des Zornes glitt über seine Züge, er schleuderte mich aus seinem Arm und eilte fort. Dies geschah in dem sogenannten Gärtchen der Lindaraja. Ich war entsetzt, Herz und Nerven taten mir weh. Immer wenn ich traurig war zog es mich zur Erde herab, wenn froh – in die Lüfte empor. Ich setzte mich auf die Erde und weinte bitterlich. Otbert hatte ein Paar Gänge durch den Löwenhof gemacht und kam beruhigt wieder. Er hob mich liebreich auf und sagte in dem scherzhaft hofmeisternden Ton den er oft gebrauchte um mir Wahrheiten zu sagen:
"Excentrisches Kind das Sie sind, Sie müssen mich nicht so fürchterlich quälen wenn Sie mich nicht lieben. Es ist freilich Frauenart mit dem blick zu verheissen, mit dem Wort zu verneinen – allein man entdeckt doch bald welches von beiden die eigentliche Meinung ist. Bei Ihnen ist das unmöglich! Sie sind nicht falsch, aber Sie sind auch nicht aufrichtig. Sie nähren absichtlich Widersprüche in sich und verstehen keinen derselben durch einen Entschluss zu brechen. Es wühlt ein Kampf in Ihnen und Sie bringen es zu keinem Siege, denn – Sie lieben nicht. Sibylle, wach auf."
Mit diesen Worten führte er mich nach meiner wohnung zurück und ich war unfähig ihm etwas zu erwidern – dermassen hatte er durch seine richtige erkenntnis meines inneren Alles in mir aufgewühlt. Arabellas "ewige Fessel" war für mich das betörende Wort gewesen unter dessen Einfluss ich mich bewegte.
Als wir bald darauf nach Malaga zurück gingen wo unsre Yacht im Hafen lag, fand Astrau Briefe vor, die ihn in möglichster Eil zu seiner Mutter beschieden. Er hatte mit ihr in Nizza zusammentreffen und den Winter verleben wollen; nun aber hielt ihre schlechte Gesundheit sie in Genf fest. Sie hatte den Mut verloren über die Alpen zu gehen, während die ärzte nur in dieser Reise ihre Rettung sahen; Otbert sollte diesen Zwiespalt vermitteln. Ohne Zaudern entschloss er sich zur plötzlichen Abreise, da ein Schiff segelfertig für Marseille im Hafen lag. Ich war ganz betäubt! Um fünf Uhr Abends waren wir in Malaga angelangt, um fünf Uhr Morgens sollte er fort! Die Ausfertigung seiner Pässe, die Umschiffung seiner Sachen beschäftigten ihn ausschliesslich; Paul war ihm dabei behülflich und ich – allein. Meinetwegen! sprach ich mit stumpfer Gleichgültigkeit, und ging zu Bett.
"Sibylle, wachst Du? ... Astrau will Dir Lebewol sagen – darf er?" – fragte Paul gegen Morgen und öfnete die Tür meiner Cabine nachdem er mich durch leises Anklopfen geweckt hatte.
Otbert trat hastig ein, nahm meine hände, presste sie an seinen Mund, legte die Rechte auf meine Stirn und sprach bewegt:
"Leben Sie recht wohl .... und auf Wiedersehen, denn wir sehen uns wieder! – Vergebung, dass ich Sie im Schlaf gestört! ... schlafen Sie fort und träumen Sie süss."
Fort war er! – Eine stille Betäubung legte sich über meine Seele, und verliess mich auf der ganzen Reise nicht mehr. Mir war als sei ein Vorhang zwischen mir und der Aussenwelt herabgelassen. Mechanisch sah ich Valencia und Barcelona; mechanisch zeichnete ich hier einen Baum, da ein Gebäude, dort einen Menschen; mechanisch blieb der Körper bei seinen Verrichtungen und Gewohnheiten. Ich kann nicht sagen ob unsre Heimreise nach England traurig oder langweilig war. Meine Gedanken hatten ihre unablässige Beschäftigung: sie waren bei Otbert. Paul benahm sich sehr gut, sanft ernst und ruhig. Er mogte sich wohl einen leisen Vorwurf über die Unbesonnenheit machen Astraus Reisegesellschaft angenommen zu haben.
Die Holsteinschen Angelegenheiten wirkten bei unsrer Heimkehr wie ein Sturzbad auf mich: ich kam zur Besinnung und Paul trat wieder in den Vorgrund meines Lebens, ohne dass ich jedoch in mir Otbert überwunden hätte. Ich verschleierte ihn gleichsam nur. Paul zeigte sich bei diesem Ereigniss, welches zerstörend in seinen ganzen Lebensplan eingriff, so nachsichtig und grossmütig – er wusste mir das drükkende Bewusstsein dass mein Leichtsinn es herbeigeführt so zu erleichtern – er fand sich so mutig und gefasst in Engelau und in den gebotenen Verhältnissen zurecht – er ordnete die Verwirrungen so umsichtig in allen Richtungen, dass ich begann eine wahre achtung vor ihm zu haben. Die leichte Kälte welche sich in der letzten Zeit zwischen uns gelegt, schmolz wie ein Nachtreif vor der natürlichen Innigkeit, die aus einem abgeschlossenen Leben mit gemeinschaftlichen Interessen erfüllt, in gutgearteten Menschen von selbst entspringt. Ordnete Paul die Geschäfte im Grossen, so wollte ich es im Kleinen tun. Ich beaufsichtigte das Hauswesen, schaffte kleine Missbräuche ab, sorgte für hinreichende Beschäftigung der Dienstboten, nahm mich der Kranken und Armen auf meinen Besitzungen mit Rat und Tat an – kurz ich entwickelte einige Anlagen eine vernünftige person werden und zu innerer Ruhe und Befriedigung gelangen zu können. Ununterbrochene Gewohnheit sanfter Pflichterfüllung, durch Teilnahme belebt, durch Wolwollen verschönt: das ist die lautre Quelle des wahren, d.h. des dauernden Glückes. Die leidenschaftlichen Seelen, die Kinder des Sturmes nennen es