, schlüpfte leise herauf, kauerte mich auf dem Divan zusammen und blickte mit einem unentwirrbaren Gemisch von sehnsucht und Befriedigung ihm nach. Aber die sehnsucht oder vielmehr d e r R e i z d e s V e r b o t e n e n behielt die Oberhand, und mit glühenden Tränen fragte ich halblaut: Wohin geht er jetzt? – Wo wird er jetzt sein? – Und Er – war nicht Paul, sondern Otbert.
Endlich schlief ich erschöpft auf dem Divan ein, und so schwer, dass ich erst erwachte als Paul heimkehrend vor mir stand. Es war tiefe Nacht. Bewildert und schauernd fuhr ich zusammen als er meine eiskalte Hand nahm.
"Schlafe nicht im Freien, es ist schädlich, sagte er. Dein Haar, Dein Pelz sind ganz feucht."
"Es war so beklommen in meiner Cabine, stammelte ich und setzte hinzu um jeder Erörterung vorzubeugen: Und .... ich wartete."
Das war meine erste Lüge. – –
Am andern Morgen gab mir Paul wirklich einen ganz wunderschönen Fächer. Also doch! dachte ich. – Ich fuhr mit Paul zur Stadt. Wir sahen Astrau nicht, und es war mir ganz lieb. Aber drei Tage vergingen und ich begegnete ihm nicht in der Stadt und er kam nicht an Bord – das versetzte mich in fieberhafte Spannung. Endlich kam er mit Paul; die Abreise nach Sevilla war beschlossen und auf den andern Tag festgesetzt. Ich jubelte und liess meine geliebten Castagnetten freudig rasseln. Die Freude galt Otbert, aber ich liess sie auf Sevilla deuten. Kein Wort, keine Andeutung streifte an unsre Abendscene. Ich war selig dass Otbert überhaupt wieder in meinen Gesichtskreis gekommen war.
Wir machten die Reise zu Pferde und sehr angenehm. Auch unser Aufentalt in Sevilla und später in Granada war es bis zur Bezauberung. Paul hatte ein wenig den Kopf und die Haltung verloren. Die frische Grazie, die aufrichtige Koketterie, die feurige Schönheit der spanischen Weiber war ihm so neu, fremd und überwältigend, dass ihm der Strudel über das Herz fortging. Er überliess mich mir selbst und Otbert. Dieser nahm sich wohl in Acht mich wieder in meine angstvolle Scheu zurückzujagen. Mit tiefem Vertrauen sollte ich mich an seine Seele schmiegen und ein Herz zu ihm fassen. Er sprach das unbefangen aus.
"Es gibt Frauen, die den Mann hassen, welcher sie betört hat und es ihm nie vergeben, weil sie es sich selbst nie vergeben für ihn schwach gewesen zu sein. Das ist für beide Teile Schmach und Elend – und das fliehe ich. Liebe muss glücklich machen, zuversichtlich und stolz."
"Ach! entgegnete ich, den Stolz begreife ich nicht in der Liebe. Doch Zuversicht und Glück gehen für mich stets Hand in Hand! ich ahne ihre Möglichkeit .... aber nicht für mich."
"Wer sie ahnt – ahnt sie auch für sich, denn Ahnungen beziehen sich auf geheimnissvolle Möglichkeiten im innersten Wesen, welche eine second sight nebelhaft andeutet. Aber Sie wollen immer eine gleichsam verbriefte Gewissheit. Nicht im Sturm – sondern langsam nur sind Sie zu gewinnen, Sibylle. Aber ich werde Sie gewinnen, Ihr tiefstes heiligstes Vertrauen rechtfertigen; und wenn Sie glücklich sind .... werde ich selig sein."
Er beherrschte sich in der Tat auf eine so ausserordentliche Weise, dass ich begann von einer platonischen Liebe zu träumen und mit sehr ruhigem Gewissen tausend Untreuen des Herzens und der Gedanken beging. Ich liess Paul seine Freiheit ungestört geniessen; er benutzte sie auf seine Weise; weshalb sollte ich es nicht in der meinen tun? Es war plötzlich ein Reiz, eine Lockung in mein Leben getreten. Ich behandelte sie mit geheimnissvoller Scheu, das war mir ganz fremd, denn es berührte Regionen des inneren Wesens, die ich bis dahin noch nicht gekannt. Das Erlaubte, das Gestattete hatte mich beschäftigt, und ich erschöpfte und verschwendete dabei mich in den Gegenstand bis ich bemerkte, dass ich ihm müde und mit leerer Hand gegenüber stand. Den sinnlichen und geistigen Freuden des Lebens hatte ich mich zu rücksichtslos entgegen gedrängt um sie nicht schleierlos – und folglich dürftig zu finden. Sie lagen wie zerpflückte Blumen, wie geknickte Schmetterlinge zu meinen Füssen; ich sah sie mit einem Gemisch von Niedergeschlagenheit und Gleichgültigkeit an und sprach zu mir selbst: Es muss doch noch ganz andere Schönheiten und Seligkeiten unter der Sonne geben! – Ich erwartete innerlich unendlich viel; ich war so recht darauf vorbereitet mich dem Unbestimmten hinzugeben und in seiner schwülen Atmosphäre die leidenschaft gross zu ziehen. Dies Unbestimmte nahm die Gestalt der Neigung für Otbert an. Ich vermied es mir Rechenschaft zu geben wohin sie mich führen könne. Höchst sophistisch gab ich mir selbst folgenden Vorwand: Die Ergründung hat bisher immer Nüchternheit in mir zur Folge gehabt, und sie macht mutlos weil sie das Leben entzaubert; aber ohne frischen Mut, ohne animo führt man eine unnütze Existenz! ich will suchen mir fortan jene zu bewahren.
Ich gab mich der Gegenwart hin, und die war so poetisch, feenhaft, anmutig-schwelgerisch und seelenberauschend, dass ich nicht hätte das feinorganisirte, reichbegabte geschöpf sein müssen das ich war, um unter ihrem Einfluss kalt zu bleiben. Ich hatte damals in Sorrent mit Paul ebenso phantastische Tage verbracht; aber das flammende sprudelnde Sinnenleben der eben entfalteten Jugend hatte den ersten Platz in ihnen behauptet, und ihnen trotz aller Phantasterei einen Stempel von Wahrheit aufgedrückt. jetzt