der Zauber des Genius ihn nicht umgiebt."
"Ich glaube überhaupt nicht, liebe Sibylle, dass der Zauber des Genius sich auf die persönliche Erscheinung eines Künstlers und Dichters erstreckt: aus seinen Schöpfungen spricht er uns an. Grosse Künstler sind oft einsylbige, unbeholfene, in sich versunkene, schweigsame, langweilige Leute – was geht uns das an? wir haben nur mit ihren Kunstschöpfungen zu tun. Ich finde es eine übertriebene Anfoderung dass sie noch ganz besonders liebenswürdig sich geberden sollen! Die Liebenswürdigkeit erheischt wiederum ihr eigenes und ganz specielles Genie. Indessen mag es Ausnahmen geben."
"Aber weshalb stellt man den M e n s c h e n in die Glorie welche dem K ü n s t l e r gebührt?"
"Weil man unersättlich ist und dadurch das klare Urteil verliert. Einer meiner Freunde verlor augenblicklich seine Passion für eine wunderschöne Figurantin der grossen Oper, als er das arme Ding einmal mit schwarzwollnen Strümpfen und derben Lederschuhen durch den Strassenschmutz gehen sah. Sein ästetisches Gefühl empörte sich diese Nymphe, Elfe und Najade in so gemeinem Aufzug erscheinen zu sehen. Und so geht es uns Allen häufig. Die prosaische Wirklichkeit wirft einen Schatten auf die poetische Gestalt; wir können ihn nicht leugnen und mögen ihn nicht dulden – das macht uns ärgerlich und ungerecht, und Dir ist es mit Astrau nicht anders ergangen."
Ich musste das eingestehen. – Wir traten sehr munter unsre Reise an. Jeder von uns hatte seine kleine Cabine, die ihm zum Schlaf- und Toilettenzimmer diente. Im Esszimmer waren Waffen an den Wänden aufgehängt; im Salon befand sich eine kleine Bibliotek und ein Pianino. Keiner von uns litt durch die Seekrankheit, Keiner fürchtete sich vor Stürmen, Keiner langweilte sich. Wir machten Musik, sangen, lasen, Otbert schrieb viel; zuweilen musste der Schiffskapitän sich zu den beiden Herren gesellen um eine Whistpartie zu machen. Ich lag meistens bei gutem Wetter in meiner Hängematte auf dem Verdeck. In träumerischer Seligkeit lag ich da .... und phantasirte wenn das schlanke Schiff mit ausgespannten Segeln pfeilgeschwind über die blauen Wellen flog. An die geflügelten Chimären die ich auf pompejanischen Wandgemälden gesehen, dachte ich: sie tragen ein Weib auf ihrem rücken – wohin? Ich schloss die Augen. Unbestimmter bläulicher Glanz flimmerte vor meinen Wimpern; war es der Aeter? waren es die Wellen? ging es in die Höhe oder in die Tiefe, in den Himmel oder in den Abgrund? .... und war es mir nicht ganz, ganz gleichgültig, wenn mich nur – meine Chimäre trug! – Und an die abendlichen Schlittschuhfahrten meiner Kindheit dachte ich, wie so anders die waren! harter Himmel, starres Eis, schneidende Luft – lauter Gegensätze zur süssen südlichen Lauheit und Beweglichkeit; und doch so viel Aehnlichkeit! dies Fessellose, Fliegende, Fortreissende! auch damals war ich ja nicht auf der Erde und versetzte mich in Regionen, welche der menschliche Fuss nicht betreten kann. – Ich rauchte in meiner Hängematte spanische Cigaritos, oder summte spanische Melodien die ich mit dem Gerassel der Castagnetten und mit dem eintönigen fronfron der Guitarre, wie die Spanier sie spielen, begleitete. Bei dem Allen aber schlief das Herz und nur die Phantasie wachte.
Otbert betrachtete mich kopfschüttelnd. Das Gegenteil hatte er gehoft, gewünscht und geglaubt. Er behauptete ich besitze die Gaben, welche zur höchsten Vervollkommnung befähigten, allein sie wären so wunderlich gemischt, dass immer die eine der andern im Wege wäre – weshalb ich denn auch eines der unvollkommensten Geschöpfe auf der Welt sei.
"Sie werden erst dann zur Besinnung und durch sie zur Energie kommen, sagte er einst, wenn Ihnen das Herz brechen wird."
"So möge es geschehen!" entgegnete ich.
"Frevle nicht, Sibylle! rief Paul und sprach zu Astrau. Missgönne ihr doch nicht ihre zarte Unerfahrenheit! es ist so selten und so schön wenn das Weib sie hat."
"Ja wohl! dann müssen aber auch die Gedanken unerfahren sein – und hier haben sie schon Kämpfe, Zweifel und Enttäuschungen durchgemacht."
Dies war so richtig dass mir Tränen aus den Augen stürzten. Paul beachtete es nicht.
"Wer im Strudel der Welt den Kopf oben behalten will muss manche Illusionen aufgeben, entgegnete er, und man wird sich deshalb nicht tiefunglücklich fühlen. Aber die herzbrechenden Geschicke sollte man nicht herausfodern und nicht wünschen! bilden sie den Menschen, so zerstören sie ihn auch eben so oft und eben so leicht."
Ich umarmte Paul und sagte: "Ich danke Dir für Deine grenzenlose Nachsicht."
Astrau sagte: "Und ich tadle Dich deshalb! Ja ja, holdeste Sibylle, ich tadle Ihren Gemal. Wozu denn die ewigen Schlummerlieder? ein Wächterruf von der Zinne wäre Ihnen heilsamer."
Mir schien als habe Astrau Recht. Mir war zu Sinn als müsse ich mich in seine arme werfen und ihn fragen: "Kannst Du mich wecken?"
Unsre Reise ging glücklich von Statten. In den Hafenstädten machten wir nach Gutdünken längeren Aufentalt, und zuweilen Excursionen tiefer ins Land hinein. Bordeaux war unsre erste Station; dann Lissabon. Andalusien fesselte uns mehr als alles Uebrige. Land, Volk, Leben, Kunst – trugen damals noch ein Gepräge von Originalität, welches bereits im übrigen Europa verwischt war, und es gegenwärtig auch dort sein mag. Astrau war ganz hingerissen.
"Andalusien ist ein Land für den Dichter! rief er oftmals; da