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Die Wunder des lieben Gottes heissen Mirakel und die der Menschen schwarze Kunst. Ihn betet man dafür an und unsereins wagt den Scheiterhaufen. Ist das gerecht?"

"Indessen ist doch zu bemerken, erwiderte Astrau trocken, dass diese Scheiterhaufen nicht f ü r den errichtet werden der schwarze Kunst treibt, sondern v o n ihm."

"Nun dann geraten Beide in die Flammen und haben ihren Lohn dahin: der Schwarzkünstler für seine Vermessenheit und der Wundersüchtige für seine Neugier," antwortete ich munter und in heiterm Ton scherzten wir fort. Da streifte Arabella an uns vorüber. Ihr vorwurfsvoller blick machte mich traurig und ich wurde einsylbig.

"Wie Sie ungleicher Laune sind! rief Otbert unmutig; ein Nichts stimmt Sie um! mitten im Scherz verfallen Sie in Grübeleien, und plötzlich fahren Sie aus denselben mit einem Scherz empor. Es ist gar nicht mit Ihnen zu leben, und doch hat man unwiderstehliche Lust dazu. Ihr Gemal muss übermenschliche Geduld besitzen."

"Das ist wahr!" bekräftigte ich aus voller Seele.

"Ich habe gar keine mit Weiberlaunen."

"Ihre dereinstige Frau wird sie Ihnen schon beibringen!" sagte ich zuversichtlich.

"Ihre Naivetät versöhnt mich immer wieder mit Ihnen, erwiderte Otbert lachend. Halten Sie es denn für möglich, dass der Dichter auch Gatte und Familienvater sein könne?"

"Aufrichtig gestandennein! – Aber Sie sind kein DichterSie dichten nur."

"Ich bin nun einmal an die bittersten Wahrheiten aus Ihrem holden mund gewöhnt, sprach Otbert gutmütig; aber sagen Sie mir doch weshalb behandeln Sie mich härter als alle unsre deutschen Recensenten tun?"

"Car tel est notre plaisir, lieber Graf," entgegnete ich und besah meinen Fächer.

"Sie sind eine Erz-Kokette!"

"Beruhigt Sie dieser Glaube?"

"Ich bedarf keiner Beruhigung, denn Ihre im steten Halbschlaf gesprochenen Worte können mich nicht erzürnen."

Er war aber doch erzürnt, denn er fand mich nicht so einfältig wie er vorgab, und es reizte ihn heftig dass ich ihm weder Bewunderung noch Teilnahme aussprechen wollte.

"Und weshalb, fuhr er fast heftig fort, haben Sie mich vorhin ganz freundlich angesehen, wenn Sie doch nur in Ihrer kleinen falschen Seele darauf sinnen mich zu kränken?"

Ich brach in helles Gelächter aus.

"Nun muss ich mir auch noch gefallen lassen von einem kind ausgelacht zu werden!" sagte Otbert selbst lachend und mit einer Harmlosigkeit die ihm sehr gut stand.

Es war etwas das uns zu einanderzog, und sich in Scherz und Neckerei als in das unverfänglichste Gewand kleidete. Gegen das Ende der Season fragte er mich:

"Würden Sie es ungern sehen, wenn ich Ihr Reisegefährte bis Barcelona würde? Ihr Gemal und ich haben heute beim Spazierritt diesen Plan ausgesponnen. Sie haben eine unbenutzte Cabine in Ihrer Yachtwas meinen Sie dazu?"

"Dass es ein hübscher Plan ist! nun werden wir uns genau kennen lernen." "Immer wissen, immer auf den Grund gehenwie unnütz das ist! ich freue mich auf die schöne Meerfahrt, und die angenehme GesellschaftSie hoffen durch irgend ein Guckfensterchen irgend einen Abgrund in meiner Seele zu erspähen. Kann Ihnen das wirklich Freude machen?" "Die allergrösste! rief ich. Wissen wie es in den Menschenseelenbesonders in den reichbegabtenhergeht, welche Keime Blüten treiben, welche Gebilde Form finden, wie die Intelligenz arbeitet, wie leidenschaft und Wille ihre Kämpfe haben, wie heimliche Vulkane und Erdbeben sich austoben, was sie zerstören, befruchten, erzeugen – o Gott ja! das in Bildern vorüberziehen zu sehen ist mir eine Wonne." "Gnädige Frau, diese zersetzende Beobachtung macht nicht glücklich. Lassen Sie doch Ihrer Jugend das Vorrecht derselben: heitern Genuss der Erscheinung wie sie sich darbietetohne Kritik." "Ich habe nun einmal nicht die Gabe der Besinnungslosigkeit!" unterbrach ich ihn. "Leider! fuhr er fort; contemplativ und reflectirend wie Sie durch natur, Erziehung und Gewohnheit geworden sind, gönnen Sie dem Zweifel zu viel Spielraum, und der macht so müde." "Mit allen meinen Gefühlen habe ich Schiffbruch gelitten! rief ich bitter, wie sollte ich nicht an Ihnen zweifeln!"

"Die M a c h t des Gefühls haben Sie bis jetzt noch nicht gekannt, gnädige Frau; vielleicht nur dessen Ueberfülle, wilde Ranken, doppelte Blüten; – das Alles muss geknickt werden damit jene Platz finde."

Diese Worte ermutigten mich unsäglich. Ich wurde heitrer als ich je gewesen. Paul fragte mich seinerseits ob Otberts Begleitung mir nicht lästig sein würde. Ich versicherte das Gegenteil und fügte hinzu:

"Es ist mir sehr lieb dass ich auf unsrer Yacht gastfreundliche Rücksichten zu nehmen habe, denn wenn wir Beide allein sind, Paul, so sind doch alle Rücksichten für mich."

"Nun, Astrau wird sie nicht missbrauchen, entgegnete Paul, es ist so leicht und bequem mit ihm zu leben wie mit wenigen Männern, und es freut mich recht dass Du Dein Vorurteil gegen ihn hast fahren lassen."

"Ich habe nie ein Vorurteil gegen ihn gehabt! versicherte ich; sein Benehmen im Salon zwischen den Frauen gefiel mir nicht und gefällt mir noch jetzt nicht. In der Intimität ist er jedoch weit angenehmerdas finde ich seitdem ich ihn von dieser Seite kennen gelernt; allein Du wirst doch auch eingestehen müssen, dass