. Rastloses Streben liegt in der natur des Menschen; aufwärts streben veredelt sie; diesen Spielraum nach oben hat die englische Aristokratie den übrigen Classen der Gesellschaft gelassen, und daraus entspringt für diese der Sporn des Ehrgeizes. In Deutschland hat der Adel nicht verstanden diese edle und weise Stellung einzunehmen und ist durch Käuflichkeit der Adelsbriefe völlig erniedrigt. Das macht ihn unpopulär; dadurch versiegt ihm der Zufluss der Lebenskräfte, und indem er sich selbst gleichsam die Wurzeln in mütterlicher Erde abgeschnitten, hat er auf die übrigen Classen fürchterlich nachteilig gewirkt: er hat ihnen Neid eingeflösst! Können sie nicht aufwärts – wolan, so zerren sie abwärts! Diese Richtung entadelt beide Teile. Weil A l l e s a l l g e m e i n sein soll, drum wird es g e m e i n : das ist die Basis des Nivellirungsystems! in starrer Abgeschlossenheit scheelsüchtig und missgünstig, ohne Atem zum Wettlauf verharrt der Adel in einer Stellung die hunderttausend Blössen bietet.
Dieser schiefen Position wegen fühlte sich Paul höchst unbehaglich in Deutschland. Seine Gesinnung war viel zu hoch und viel zu klar um ihn zum Ueberläufer zur Partei der Demagogen zu machen, welche damals an der Tagesordnung war. Diese Projecte von Republiken, von Bürgertum widerten ihn an, weil er in diesen Staatsformen nur den Uebergang zu absoluten und despotischen Monarchien sah, gegen welche die Aristokratie eine heilsame und notwendige Schranke zieht. Darum hielt er immer das aristokratische Princip aufrecht; allein er verhehlte sich nicht, dass man es in Deutschland nicht verstand oder missverstand, und dass in Hofjunkern und Landjunkern kein belebendes Element der Aristokratie zu suchen sei. Sein Lebensplan war der: sich in England durch seine diplomatische Stellung gleichsam einzubürgern und alle zwei oder drei Jahr nach Deutschland zu gehen um seinen Vater zu besuchen und um die Güter in Holstein zu inspiciren. Die Vorstellung war ihm unerträglich die Beamten-Carriere machen oder in den Hofdienst treten zu müssen, oder in diplomatischer Stellung an einen deutschen Hof zu kommen. Das wusste ich, denn es war der Gegenstand häufiger gespräche; ich teilte Pauls Ansichten, ich bestärkte ihn darin; ich dachte es mir grässlich auf Paris, Rom und London einen Aufentalt in kleinen Landstädtchen wie Cassel etwa oder Carlsruh folgen zu lassen. Dennoch richtete ich den Zuschnitt unsers Hauses und unsers Lebens so kostspielig ein, dass die Unmöglichkeit ihn durchzuführen vorauszusehen war. Was half es dass ich jeden Morgen mit unserm Steward und jeden Abend mit meiner Kammerfrau Rechnung hielt und abschloss! Was half es dass ich jede Ausgabe höchst pünktlich in mein Rechnungsbuch eintrug! – Nicht das genaue Verzeichniss der Ausgaben, sondern die Beschränkung der unnützen macht die gute Hausfrau aus. Paul war zu nachsichtig gegen mich; jeden Einfall liess er hingehen; immer gab er seine Ansicht, seine Wünsche gegen die meinen auf.
Nachdem im ersten Jahr unsers Londoner Aufentaltes das Parlament geschlossen und die Season vorüber war, schlug er mir vor auf drei Monate nach Engelau zu gehen; aber ich bat um eine Reise durch Schottland – und wir machten sie. Im zweiten Jahr wünschte er dringend die Reise nach Holstein, aber ich noch viel dringender den Besitz einer kleinen Privat-Yacht. Sie wurde gekauft, bemannt, eingerichtet, und wir machten mit ihr eine Reise längs der französischen Küste von Boulogne bis Brest, und die Fahrt rund um Irland herum. In den Hafenstädten verliessen wir die Yacht und machten Streifzüge ins Land hinein. Im dritten Jahr bereisten wir auf gleiche Weise die Küsten der pyrenäischen Halbinsel. Als wir im Spaterbst nach London zurückkamen empfingen uns die übelsten Nachrichten aus Holstein. Es war ein schlechtes Jahr gewesen, die Schulden hatten sich gehäuft, ein Paar Gläubiger waren misstrauisch geworden und verlangten Auszahlung ihrer Capitalien, zwei Pächter hatten den Jahreszins nicht gezahlt, der Verwalter des Hauptgutes Engelau hatte sich dem Trunk ergeben während seine Frau ihr Schäfchen ins Trockne gebracht und sich in Meklenburg ein schönes Landgut gekauft hatte; kurz die volle Verwirrung der Zustände war eingetreten, die mit Verschwendung und Verwahrlosung von Seiten des Herrn überall Hand in Hand geht. Mein Geschäftsführer schrieb mir warnende Briefe, mein Schwiegervater schrieb fulminirende an Paul; der Sinn von dem Allen war – dass uns ein Concurs bedrohe.
In vier Jahren hatte ich es dahin gebracht! bei neunzehn Jahren hatte ich es möglich gemacht mein Vermögen, das Vermögen einer alten wolbegüterten Familie zu compromittiren, und vielleicht – Pauls Zukunft zu zerstören!
Paul machte mir keine Vorwürfe und berührte mit keinem Wort weder diese Möglichkeit noch die Vergangenheit. Ich umschlang ihn ganz bewildert und rief:
"Aber Paul, was können wir denn tun?"
"Wir müssen nach Deutschland und in Engelau leben – – sagte er sanft und fügte beruhigend hinzu als mir die Tränen aus den Augen stürzten: Nur vor der Hand .... wie ich glaube, meine Sibylle."
"O Paul! rief ich, warum hast Du Deine bessere Einsicht nie mir gegenüber geltend gemacht?"
Er sah mich traurig an und erwiderte:
"Weil ich schwach gegen Dich bin."
"Leider!" flüsterte ich vor mich hin.
"D u machst mir diesen, Vorwurf!" rief er schwankend zwischen Zorn und Schmerz.
"Ja Paul, sagte ich und küsste seine Hand, das ist immer so: wer Unrecht hat mögte die Schuld von sich ab und auf einen Andern wälzen."
"Wer könnte Dir zürnen, Engel? entgegnete Paul. Wenn es ein Fehler ist z u liebenswürdig zu sein,