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Miss Johnson in England, Sedlaczech auf Reisen! wie viel Gräber unterund leere Plätze auf der Erde! Nur unser alter Hofmeister empfing uns, aber sehr niedergeschlagen, denn er fühlte sich verwaist an dem Ort der ihm zwanzig Jahre lang lieb wie eine Heimat gewesen war. Der Tod meiner Mutter berührte mich hier viel tiefer, als in dem Augenblick wo ich die Nachricht empfing. Damals machte er mir nur den Eindruck eines schmerzlichen, jedoch unvermeidlichen und längst vorhergesehenen Ereignisses; hier, an diesem Ort wo sie stets gelebt und den sie so heiss geliebt hatteder Alles umfing woran je ihr Herz gehangen: hier war mir zu Sinne als stände ich immerdar an ihrem grab, als wäre ganz Engelau der grosse traurige Sarg, der ihren Staub umschloss und der selbst bald in Staub zerfallen müsse. Urplötzlich von Sorrents lachender Küste im Späterbst an die stürmischen Gestade der Ostsee versetzt, grauete mir vor den Nebeln, den kahlen Bäumen, dem Gekrächz der Krähen, dem hohlen Sausen des Windes, der grauen Färbung der Landschaft. Hier hatte ich leben, lieben, fröhlich sein können? .... ich begriff es nicht mehr! mein verwöhntes Auge blickte befremdet umher und traf überall auf Kälte und Leere. Ich drängte Paul zur Abreise nach England; ich stellte ihm vor, dass in dieser Jahreszeit mit jedem Tage die Unbehaglichkeit der Ueberfahrt wachse, dass sie gefährlich werden könne; dass er Gefahr laufe ganz aus der Carriere zu kommen, wenn er sich so wenig pünktlich und eifrig im Dienst erweise. Paul wünschte um Nachurlaub zu bitten und den Winter mit mir in Engelau zu verbringen, teils um die Verhältnisse meines Vermögens und die Art kennen zu lernen in welcher dasselbe verwaltet würde, teils um in Folge unsrer übermässigen Reiseausgaben auf dem land eingeschränkt zu leben. Aber unsre sorrentinische Einsamkeit hatte mich auf lange Zeit mit der Einsamkeit überhaupt abgefunden, und überdas war in mir der tumultuarische Drang das Leben nach allen Seiten hin kennen zu lernen, welcher sich nun einmal nicht in Engelau befriedigen liess. Paul gab nachwie immer, mit einer Güte, einer freundlichen Nachsicht, wie nur der Starke sie für den Schwachen haben kann. Aber es rührte mich nicht! ich glaubte nur Recht zu haben. Ich hatte eben kein Herz und lebte nicht mit und von dem Herzen, sondern für meine Träume.

Wolbehalten langten wir in London an. Ich hatte die besten Vorsätze gefasst mich von jedem Luxus fern zu halten und mich in der Einrichtung meines Hauses und meiner Toilette auf die schlichten Ansprüche des Anstandes zu beschränken. Den Luxus der Pracht glaubte ich vermeiden zu können und mied ihn auch; aber ach! der Luxus des Comfort war viel verführerischer und auch viel unwiderstehlicher, weil er wie eine notwendigkeit aussah. Unser Haus war weder gross noch prächtig; allein ich mögte es in seiner koketten Elegance mit dem Anzug einer schönen Frau vergleichen bei welchem von der Haarnadel an bis zum Schuh herab die feinste und ausgesuchteste Wahl geherrscht hat. Ebenso ging es mit meiner Toilette. Ich wollte durchaus nichts Prächtiges; nur Stikkereiennur Spitzennur jene allerliebste leichte Waare, welche die französische Sprache so ausserordentlich bezeichnend "Chiffons" nennt. Was die Kostbarkeit dieser Sächelchen erhöhte war, dass ich sie nun gar aus Paris kommen liess, weil mir der englische Geschmack in dieser Richtung nicht zusagte.

Ich war schön, elegant, fand mich mit grosser Leichtigkeit in den englischen Manieren zurecht, sprach geläufig englisch; meine grosse Jugend interessirte einige ältere Frauen der ersten Gesellschaft für mich, welche mich protegirten und hoben bis ich auf eigenen Füssen stehen konnte, wasDank jenen Eigenschaften! – sehr bald geschah. Als diese gleichsam materiellen Erfodernisse nach allen Seiten hin überwunden warensah ich mich um: Was nun? – – Ich hatte gar keinen genügenden Wirkungskreis; meine selbstgewählten Beschäftigungen waren keinesweges aus innerer notwendigkeit hervorgegangen; Lectüre und Harfenspiel füllen müssige Stunden, aber kein leeres Leben, Besuche, Spazierritte, Soireen sind mehr Zeiteinteilungen als Ausfüllung der Zeit. Ich wünschte glühend für Paul etwas tun, ihm nützlich sein zu können. Ich war ihm behülflich die Zeitungen zu lesen und aus diesen englischen, französischen, deutschen Papiermassen die Notizen auszuziehen, die irgend ein Interesse boten. Hätte mein Verstand eine positivere Richtung gehabt, so würde er sich unzweifelhaft bei meinem Heisshunger nach Beschäftigung auf die Politik geworfen und in deren Combinationen ein Feld für die geistige Regsamkeit gefunden haben. Aber für mich waren Whigs und Tories nichts Anderes als die weissen und die schwarzen Figuren welche sich auf dem Schachbrett Treffen liefern, die von List, Feinheit, Intrigue, Benutzung fremder Schwäche dirigirt werden. Meinem armen Kopf fehlte die Capacität um Staatsfragen verfolgen zu können. Doch habe ich, vielleicht veranlasst durch Pauls Vorliebe oder auch durch den ersten Eindruck den in dieser Beziehung meine Unerfahrenheit hier empfingeine grosse achtung, einen fast unwillkürlichen Respect vor den englischen Staatsformen bekommen und bewahrt. Dadurch dass die englische Adels-Aristokratie nie ihre Reihen schliesst, und Männer von wahrem und ernsten Verdienst, gleichviel von welcher Herkunft, bereitwillig zwischen sich aufnimmt, ist sie eine durchaus organische Institution, die im Schooss des Volkes, im Grund und Boden des Landes Wurzel geschlagen und dessen edelste Kräfte in würdiger Weise sich einverleibt hat. Sie ist nicht zu einer Kaste mumificirt, sondern frische Säfte und junges Blut strömen unablässig ihr zu, und weil sie so kräftig ist, darum ist sie auch populär, denn sie flösst Vertrauen ein