die Abenddämmerung zu geniessen. War es finster geworden, so kehrten wir heim; unser Zeltsalon war mit Lampen erleuchtet; ich spielte die Harfe, Paul las; wir trieben eifrig das Studium der italienischen Sprache in ihren Dichtern; wir übersetzten zuweilen eine Stanze Ariostos oder Tassos, ein Sonett Petrarcas; wir sangen zusammen deutsche Lieder und französische Romanzen. Nachts um drei Uhr speisten wir zu Mittag, bestiegen dann einen leichten Kahn und erwarteten den Aufgang der Sonne auf dem Meer. Mit dem Tage kehrten wir zum land zurück und machten einen grösseren Spaziergang, bisweilen einen Ritt auf Eseln in die Berge. Die Hitze des Tages führte uns ins Schlafgemach. Es lag ein unsäglicher Zauber in dieser Existenz, die sich so ganz von der Alltäglichkeit losgerungen hatte und sich so sehr in einer poetisch traumhaften Region bewegte, dass alle Berührungen mit dem gewöhnlichen Leben von selbst aufhörten.
Dies dauerte so lange wir es ertragen konnten! es ist aber sehr gewiss dass man in dieser wechsellos glühenden Atmosphäre des feinsten Sinnengenusses die Energie verliert, welche des Genusses fähig macht. Ich ertappte mich zuweilen auf dem heimlichen Wunsch: Könnte ich doch urplötzlich in Kamtschatka sein und nichts um mich herum sehen als Schneefelder! das würde mir Nerven und Augen erfrischen. – Nerven und Augen schob ich vor; im Stillen fühlte ich dass dies die Aeusserung eines noch grösseren intellektuellen Bedürfnisses sei, das nach irgend einer Darlegung der Tatkräftigkeit lechzte. Bemerkte ich in Paul eine ähnliche Regung, so kränkte sie mich. Ohne ein volles Genügen zu finden begehrte ich doch dass er es finden solle. In andern Augenblicken hingegen, bei Gesprächen über Aussichten für seine Laufbahn oder über Zukunftspläne – wenn er da nicht ganz auf meine hochfliegenden Träumereien einging weil er die Verhältnisse richtiger beurteilte als ich – oder wenn er sagte:
"Lass uns nicht die Paar süssen friedlichen Tage durch Unruh des Ehrgeizes verkümmern;" – so schien mir wiederum seine geistige Spannkraft erschlafft, und ich fand darin einen bittern Vorwurf der Unvollkommenheit unsrer Liebe. Einmal hub ich an:
"Paul, sage mir: liebe ich Dich?"
"Ich hoffe es!" entgegnete er lächelnd.
"Und liebst Du mich, Paul?"
"Gewiss, Sibylle!"
"Woran erkennst Du dass Du mich liebst?"
"Daran, dass Du mein dominirender Gedanke bist, Sibylle – dass mein inneres Leben in Deinem Besitz zu einem Abschluss mit sich selbst gekommen ist und eine Regel gefunden hat: Dein Glück."
Ich schwieg und starrte vernichtet in die See hinaus, denn ich vernahm eine in mir flüsternde stimme: Aber du Paul bist nicht mein dominirender Gedanke – aber mein inneres Leben hat in deinem Besitz keinen Abschluss mit sich selbst gefunden! .... Wie ein entstellendes Echo hallten diese Worte in mir wieder. Mir war als sei ein Schleier von einem Abgrund in mir selbst weggezogen, und betäubt starrte ich in ihn hinein. Ach, es war ganz richtig! Paul hing mit seinem Herzen an mir – darum beherrschte ich ihn; und ich hing an der idee der Liebe – nicht an Paul. Ich wollte durch die Liebe die ganze sinnliche und übersinnliche Welt ergründen, erkennen und umfassen; sie sollte mich wie Dante in mystisch erhabene Geheimnisse weihen, mich Ariosts zauberische Verführungen, Tassos romantischen Schwung, Boccaccios lokkende Ueppigkeit lehren und sie geniessen lassen; sie sollte mir Lorbeer- und Stralenkrone, unter welchen sich Dornen verbergen, ums Haupt flechten, wie dem Petrarca. D a s erwartete ich von der Liebe; s i e war meine dominirende idee. – Wie soll das werden? murmelte ich vor mich hin.
"Hast Du Dich besonnen dass Du mich liebst, mein Engel?" fragte Paul nach einer Weile.
Ich konnte nicht antworten, ich war gelähmt, erstickt durch das plötzlich erwachte Bewusstsein eines grossen inneren Elends. Ich hatte meinen Kopf an die Harfe gelehnt auf der ich gespielt, und an die ich mich jetzt mit beiden Armen klammerte, weil mir war als tue sich der Felsen unter mir auf. Paul sprang auf, lehnte die Harfe zurück, richtete mich in seinen Armen empor und führte mich zur Balustrade der Terrasse damit ich freiere Luft schöpfen möge.
"Kind! Kind! sprach er zärtlich, Du ängstigst mich! es gehen Dir Stürme von leidenschaft durch die Seele, die Dich zerbrechen müssen."
"Das ist wahr! entgegnete ich beklommen, aber lass sie nur austoben! jeder Mensch muss durch die Gewitterjahrszeit seines Lebens hindurch. In mir ist unmässig viel Unklarheit – das erzeugt eben die Gewitter. Aber glaube nur Paul, dass Eines mir klar ist: Dein Glück soll auch die Regel m e i n e s Lebens sein."
Und gleich jedem unsrer gespräche ging auch dieses am Kuss unter. – – – Aber mich überfiel seitdem in Pauls Armen zuweilen ein mass- und namenloses Entsetzen, ein Grauen das mich bis in die Haarspitzen durchrieselte, weil ein Gespenst in mir auftauchte das lautlos doch vernehmlich sprach: Du liebst ihn nicht! – Ich verfiel darüber in unsinnige Traurigkeit, ich erschöpfte mich in Beweisen der Zärtlichkeit, ich ersehnte schwierige trübe Zustände um sie in andrer Form ihm zu betätigen. Unsre holdselige Abgeschiedenheit wurde mir ganz lästig, und als wir Sorrent Anfang Oktobers verliessen, war ich übersättigt vom Liebesrausch!
Wir kamen nach Engelau. Ach, wie war es dort so einsam und traurig. Eltern und Geschwister tot, die Freunde und Pfleger meiner Jugend fort,