. Wir verkauften die sieben Pferde, welche wir bei unsrer Ankunft in Florenz gekauft, entliessen die überflüssigen Dienstboten; ich nahm Bestellungen von ich weiss nicht welchen Kunstgegenständen zurück, und in den ersten Tagen des Mais verliessen wir Rom und gingen, Neapel nur flüchtig berührend, nach Sorrent. Uebersättigt vom Gesellschaftstaumel verliess ich Paris – vom Kunsttaumel Rom. In Sorrent warf ich mich in den Liebesrausch. Währte er nicht länger als die beiden anderen, so war er wenigstens süsser. Wir mieteten für den ganzen Sommer ein kleines schlichtes Haus, das von einem Orangengarten umgeben und von der Stadt abgesondert war. Die Terrasse vor demselben breitete sich auf einem Felsen aus, der unmittelbar und schroff ins Meer hinabfiel. Der zauberische Golf von Neapel, die reizenden Küsten des Landes, die wilden Formen der Insel Capri, die phantastischen Felsen, Grotten und Hölen des Sorrentinischen Ufers – waren die feenhaften Bilder, welche sich vor unserm Häuschen ausbreiteten. Damals verband keine Chaussee Sorrent mit Castelamare; nur zu Fuss und zu Maultier auf köstlich wilden Felsenpfaden, oder im Nachen konnte man es erreichen. Die Reisenden versäumten freilich nicht Sorrent und Tassos Haus zu besuchen, nach Capri zu schiffen und über das Gebirg nach Amalfi zu ziehen – allein es geschah ohne den brutalen und alltäglichen Tumult einer staubigen Poststrasse, ohne Wagengerassel und Peitschenknall, ohne die grässlichen Bequemlichkeitserfindungen der gegenwärtigen Menschentransporte. Es gab Momente, Tage, in denen man sich abgeschieden von der Welt da draussen fühlen konnte, verzaubert auf irgend ein seliges Atlantis; und kamen Reisende, so liehen ihre Züge der Gegend ein gewisses malerisches Interesse: hier sassen elegante Frauen ganz befremdet auf Eseln – dort trieben kecke Reiter vergeblich bedächtige Maultiere zu schnellerem Schritt an – dort sass unter einem Oelbaum eine Gruppe von malenden und zeichnenden Dilettanten – hier wanderten rüstige Fussgänger mit dem Ränzelchen auf dem rücken – da kletterte ein Botaniker oder ein Mineralog mit den Ziegen um die Wette über Felsabhänge – hier hatte ein studirender Landschaftsmaler unter einem riesigen Sonnenschirm sein kleines ambulantes Atelier aufgeschlagen – das Alles betrachteten wir aus der Ferne als Staffage des wundervollen Gemäldes, mit dem ich, was Reiz und Lieblichkeit betrift, kein anderes vergleichen kann.
O ihr Tage von Sorrent! ihr wart die süssesten meines Lebens. Ja ja, ihr müsst es gewesen sein, denn in der Erinnerung und mit der unerbittlichen Kritik der Gleichgültigkeit vermag ich nichts aufzufinden was euch entzaubern könnte. Als ihr mich umfingt suchte ich nicht das unbekannte Gut, das mich zu rastloser, wilder, törichter Pilgerschaft zu irgend einem geträumten Heiligenbilde trieb. Bei euch hatte ich die Oasis gefunden, in der sich die lechzende Seele auf Blumen bettete. über euch wehten erquickende Lüfte, euch umrieselten frische Bäche, um euch gingen lichtere Gestirne auf. Ich vergass zu fragen ob es Schöneres und Höheres gebe; ich genoss unbefangen das Dasein: darum war ich glücklich. Es war ein Sinnenglück – ja! eine Schwelgerei in den materiellen und doch äterischen Essenzen, welche die Seele umfliessen und tragen – ja! ein Genuss der Schönheit, die durch alle Poren wie ein magnetisches Fluidum drang und das Wesen in tiefere mystische Verbindung mit dem Wesen der natur brachte – ja! Ich war ganz allein mit Paul; wir sahen Niemand, wollten Niemand kennen lernen. Die natur mit ihren immer wechselnden Schauspielen ist keine Zerstreuung für zwei einsame Menschen, sondern bewirkt ihre innigere Vereinigung. Im contemplativen Genuss einer Mondnacht, eines Meersturmes, eines Sonnenuntergangs – oder bei Streifereien durch Schluchten und Täler, über Felsen und Klippen – bei Wasserfahrten auf den phosphoreszirenden Wellen in heisser stiller Mitternacht – welche magische Berührungen gehen da von Seele zu Seele! mit einem Augenblitz, einem tieferen Atemzug, einem Wink des Fingers fliegen ganze Gedankenreihen, ganze Gefühlsketten mit elektrischer Spontaneität aus dieser Brust in jene! mit einem leise geflüsterten Wort tut sich eine Unendlichkeit für die sehnsucht, ein Paradies für die Erinnerung auf! mit einem Kuss senken sich Extasen aus übersinnlichen Sphären in die Sinnenwelt hinein, wie Mond und Sterne sich zitternd ins Meer senken um verklärt daraus hervor zu stralen – wie die Sonne sich in lichte Wolken senkt um sie in Rosen und goldne Kugeln zu verwandeln – wie eine mystische Essenz in den Felsenspalt dringt um als Diamant daraus aufzuleuchten. – O ihr Liebenden! warum verlasst ihr die Einsamkeit! nur einsam könnt ihr das Leben der Liebe leben – sobald ihr vom Leben der Welt gefangen seid, werdet ihr zu dessen Sclaven. Ihr müsst aufstehen und schlafen gehen wie die Andern, essen und trinken, euch kleiden und euch unterhalten, loben und tadeln, denken und sprechen, lieben und hassen wie die Andern! ihr müsst Besuche machen und empfangen, spazieren fahren, Billets schreiben, Romane und Zeitungen lesen, Toilette machen, Fadaisen hören, Banalitäten sagen – und das Alles verabscheut die Liebe! Bleibt doch einsam! – – – Und wenn wir's bleiben, wird sie uns nicht verlassen? – – Versucht es! – Vielleicht ist euer Herz ein "Gefäss der Ehrer" in welchem sich die himmlische Manna in primitiver Frische erhält. – – –
S o lebten wir: mit der sinkenden Sonne begann unser Tag. Die Terrasse war durch Segeltuch in ein geräumiges Zelt – und dies Zelt durch bequeme Sessel und Ottomanen, durch grosse Tische mit Büchern und Portefeuilles, durch eine Harfe und viele Blumentöpfe in einen sehr bequemen Salon verwandelt. Da frühstückten wir um sechs Uhr Abends, und machten einen Spaziergang nach irgend einem Lieblingsplatz um den Sonnenuntergang zu sehen und