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oder technische Erklärungen geben, mein ungeübtes Auge auf Fehler oder Schönheiten aufmerksam machen. Mit derselben Gründlichkeit wurden die Magazine der Modistinnen, der Juweliere, der Schneiderinnen, der Schuh- und Handschuhmacher heimgesucht. Ich trieb einen unsinnigen Luxus, denn ich hielt mich für unermesslich reich ohne zu bedenken, dass dasselbe Einkommen in Engelau für kolossalin Paris für mittelmässig gilt. Täglich eine neue und ganz exquisite Toilette um nach den Anstrengungen meines Morgens zum Diner, in das Teater und in Soireen zu gehen, schien mir ganz in der Ordnung. Nur ausnahmsweise begnügte ich mich mit dem Besuch e i n e s Teaters. Spielte Talma oder die Mars, oder tanzte die Montessu, so musste ich sie wenigstens in einer Scene oder einem pas bewundern, wenngleich ich bereits in einem andern Teater war. Häufig folgten noch Bälle den Soireenso dass ich Nachts um vier Uhr in Pauls arme sank, um Morgens um acht wieder aufzustehen und dem Maler der mein Portrait machte eine Stunde später Sitzung zu geben. Ich liess mich für meine Mutter malen, und heimlich für Paul in meinem Schlittschuhlaufer-Anzug für den er eine grosse Vorliebe hatte. Aber dies rastlose Treiben ermüdete mich gar nicht körperlich. Ich blühte erst recht auf in diesem glühenden, drängenden, genusssprudelnden Leben, und der Gegensatz schlug mich häufig nieder, dass meine physische Organisation wie von Eisen und Stahl gebildet keine Ermattung kannte, während ich geistig ach wie oft! unüberwindliche Schlaffheit in mir empfand.

Unsern Aufentalt in Paris endete nach sechs Wochen die längst befürchtete Nachricht vom tod meiner Mutter. Berauscht aber nicht befriedigt zog ich mich aus dem Tumult zurück, dem die Trauer ein Ende machte, und wir reisten nach Florenz und Rom. Aus dem Gesellschaftsrausch warf ich mich in den Kunstrauschaus der Verschwendung für Schmuck, Shawls und Kleider, in die für Gemälde, Statuen, Cameen, etrurische Vasen und Altertümer. Wo ein Atelier warich musste in ihm nach dem himmlischen Funken der Begeisterung spüren, und fand statt dessen in zehn Fällen neun Mal Eitelkeit, handwerksmässige Berufsausübung, Hunger, als Anschürer des himmlischen Funkens. Ich fand das entwürdigend für den Künstler, nachteilig für die Kunst. Ich unterstützte die miserabelsten Talente, nicht nach Massgabe ihrer Fähigkeitendie waren gering! sondern nach denen ihres Elendsund das war denn freilich oft gross. Ich machte ihnen grosse Aufträge, die entweder gar nicht oder so kümmerlich vollzogen wurden, dass ich an der Genialität meiner Schützlinge verzweifelte und den "himmlischen Funken" eine äusserst seltne Sache fand, die eben so selten im Künstler wohne, als Geist in der Gesellschaft. Aber auch manches treffliche Kunstwerk kaufte ich, das keinen andern Fehler hatte als denmeine Mittel zu übersteigen. Durch den Tod meiner Mutter war ich in den Besitz ihres ganzen Vermögens gekommen, welches mir damals eine Rente von zwanzigtausend Talern brachte, und sich erst später um die Hälfte vermehrte, als die Nachwehen des Krieges gänzlich gehoben waren, und als eine tüchtige Verwaltung an die Stelle der lässigen Vormundschaft trat, welche nach dem tod meines Vaters und während der Krankheit meiner armen Mutter die ökonomischen und finanziellen Geschäfte versehen hatte. Zwanzigtausend Taler waren für meinen Train, meine Liebhabereien und meine Mäcenatsallüren sehr wenig. Paul hatte als einziger Sohn ein grosses Vermögen von seinem Vater zu erwarten, allein vor der Hand bekam er von diesem nicht mehr als was er als Junggesell bekommenein Tropfen im Meer für unsre Bedürfnisse! – Sämmtliche Diener meiner, Mutter pensionirte ich reichlich; Miss Johnson glänzend damit sie in ihrem geliebten vaterland bequem leben könne; ebenso meinen lieben alten Hofmeister damit er sich recht schöne naturhistorische Werke mit kostbaren Kupfern anschaffen dürfe; endlich Sedlaczech, der sich in der Musik durch Reisen nach Wien, Paris und Italien ausbilden sollte. Abgesehen von diesen stehenden Ausgaben unsers Budgets, hatten wir in dem ersten Halbjahr unsrer Ehe und Reise fünfundzwanzigtausend Taler verbraucht.

Paul hatte wohl zuweilen kleine Einwendungen versuchtdoch immer umsonst. jetzt legte er mir schweigend die unwiderleglichen Berechnungen vor. natürlich war ich ausser mir vor Ueberraschung und Bestürzung. Ich warf mich in seine arme und bat beängstigt um Rat.

"Lass uns auf der Stelle zurückreisen und die andern sechs monat meines Urlaubs in Engelau zubringen, damit ich an Ort und Stelle eine Uebersicht Deiner Güter und Einkünfte gewinnen kannund ich stehe dafür, dass Alles wieder ins rechte Gleis kommt" – erwiderte er.

"Zurück? .... ohne Neapel, Sorrent und Sicilien gesehen zu haben? unmöglich, Paul!"

"Sehr möglich, liebe Sibylle, für ein Paar vernünftige Menschen, die vermeiden wollen sich von haus aus zu ruiniren."

"Guter Gott! rief ich mit kindischen Tränen, wie traurig ist es dass nichts auf der Welt zu den Bedürfnissen des Menschen ausreicht! nicht einmal das Geld!"

"Verschwendung ist kein Bedürfniss, Sibyllenur eine üble Gewohnheit, die, wie fast alle Gewohnheiten, für uns selbst und für Andere mit der Zeit höchst lästig wirdabgesehen davon dass es unsinnig ist mehr Geld auszugeben als man einnimmt."

"Aber ich habe bisjezt noch gar nicht meine Vermögensumstände gekannt, Paul! .... jetzt werde ich mich schon nach der Decke strecken. Wir wollen die Pferde abschaffen und ganz idyllisch in Sorrent leben, nicht wahr?"

Nach langer Beratung machten wir gegenseitig Concessionen. Paul bestand nicht auf die Heimkehr, ich gab die Reise durch Sicilien auf