, meine Gräfin, und demgemäss muss ich handeln."
Ich faltete meine hände über seinem Haupt und sagte mit massloser Traurigkeit: "O des Jammers dass Sie nicht mein Sohn sein wollen! O des Glückes mein Kind an Ihr Herz zu legen!"
Da sprang er hastig auf und sagte zum ersten Mal mit einer wilden Heftigkeit: "Dies will ich nicht hören! es ist Lästerung meines Gefühls für Sie. In einer hohen Empfindung missverstanden zu werden vom Pöbel – ist natürlich; von Gleichgültigen – ist erklärlich; aber von einem edlen und befreundeten Wesen – das ist ein scharfer Dorn, welcher den Schmerz sehr wild macht. Was soll mir dies Kind und immer dies Kind! es ist mir verhasst da ich die Mutter liebe." – – Und sich mit aufflammender leidenschaft vor mir niederwerfend rief er: "Ja ich hasse es, denn es steht zwischen Ihnen und mir! Sie würden mich lieben, wenn es nicht da stände! Sie opfern mich und vielleicht sich selbst den exaltirten Phantasien eines Kindes, das sich einbildet beim ersten Schritt aus der Kinderstube einen Geliebten finden zu müssen. Wie kommt sie dazu grade auf mich ihre Wahl zu werfen? Vier Wochen voll brüderlicher Intimität berechtigen doch warlich nicht dazu?" – –
"Ich kann Ihnen mit denselben fragen antworten, unterbrach ich ihn kühl. Wie kommen Sie dazu bei Ihrem ersten Schritt aus der Schule sich für eine Frau zu fanatisiren, die Ihnen während vieler Monate keine andre Berechtigung gegeben hat als die: eine mütterliche oder schwesterliche Freundin in ihr zu sehen?" – – – Ich hob ihn auf und fuhr sanft fort: "Nein, Wilderich! Schuld ist nicht bei Ihnen, nicht bei meiner Tochter; – nur bei mir! Weil ich ohne Herz bin – drum verstand ich Eure Herzen nicht und tappte so hin in der Dämmerung meiner uralten Träume. Vergeben Sie mir den Schmerz den ich Ihnen hätte ersparen können, mein lieber Wilderich! ich will Ihre Vergebung als ein Wahrzeichen betrachten, dass keine Rachegeister aus diesem trüben Wirrsal sich gegen mich erheben. Wiedersehen können wir uns nur unter einer Bedingung, die ich nicht aussprechen darf" .... – –
"Weil ich sie nicht erfüllen kann! warf er ein. Auf diesen Brief, meine Gräfin, werden Sie schon eine Fabel zu bauen wissen, welche Ihre Tochter auf dasjenige vorbereitet was unvermeidlich ist. Unsre Trennung ist es auch – drum sei der Abschied kurz! ich fühle dass ich matt werde."
Ein krampfhaftes Zittern flog um seine Lippen, und seine Augenlider sanken müde und krank über die trüben Augen herab. Ich dachte mit Entsetzen an die Möglichkeit dass er vor Erschöpfung vielleicht nicht mehr mein Zimmer verlassen oder auf dem Wege zum Gastof ohnmächtig werden könne.
"Kommen Sie, mein armes liebes krankes Kind, sagte ich und nahm seinen Arm; ich bringe Sie zur Ruhe."
Mit unnachahmlicher Innigkeit des Ausdrucks und der Bewegung warf er einen langen blick durch das ganze Zimmer, grüsste es mit der Hand und sagte:
"Lebewol du liebes unvergessliches Haus!"
Dann ergriff er das Bild und liess sich von mir über den Altan, die Freitreppe hinab und auf den Weg zum Gastof führen.
"Schlafen Sie ein Paar Stunden, bat ich ihn unterweges. Sie sind noch angegriffen von Ihrer Badecur und die Nerven furchtbar erschüttert. Nicht bloss den Festen des Lebens – wie ich Ihnen nach Baden schrieb – auch dessen Kämpfen und Schlachten muss man mit dem Panzer einer stählernen Gesundheit entgegen gehen. Wenn Sie mich wirklich lieben, so machen Sie mir Ehre und sein Sie stark."
"Ich werde es sein! entgegnete er. Ich werde schlafen und morgen über den Rosenlaui-Gletscher nach Meiringen gehen. Das war der Weg der mich vor dreiviertel Jahr in dies geliebte Tal zur "guten Frau von Grindelwald" brachte, und beim Rosenlaui hatte ich meinen letzten seligen Tag. Mit diesen Bildern und Erinnerungen kehr' ich heim nach Wildeshausen. Dann weiter in's Leben .... wie Gott will!"
Ueberwältigt von heimlich nagendem Gram sagte ich:
"Es wird ein mühseliges Leben sein, mein Wilderich. Solche diamantene Herzen wie das Ihre schafft Gott nicht umsonst. klar, rein, fest und schroff wie der Diamant, muss es in schwerer Arbeit sich selbst und Andere schleifen. Verbrennen kann der Diamant – nicht schmelzen wie der Rubin, der dann Glanz und Feuer verliert und trübe wird. Es gibt auch Rubinherzen, Kind! aber ein diamantenes ist höher. denke' daran."
Meine Seele zitterte in der Erinnerung an Fidelis. – –
So kamen wir zur Tür des Gastofs. Wilderich pochte und bis Jemand von Innen öfnete, sagt' ich:
"Lebwol! lebwol!" – küsste flüchtig seine Lippen und lief rasch von dannen.
Es dämmerte schon; der Morgenwind löste die nächtlichen Gewitterwolken in einen starken Regen auf, der mich durchnässte und erquickte. Ich trug ein weisses Musselinkleid, keinen Hut, keinen Shawl; mein Haar hing aufgelöst über meine Schultern herab. So kehrte ich heim, stieg die Freitreppe hinan, ging langsam über den Altan in den Salon und sank unter einer plötzlichen Erstarrung meines Herzens bewusstlos zu Boden, als Benvenuta mir freudig mit der Frage entgegen trat:
"Nicht wahr, er ist gekommen?" – – –
Mein altes Herzübel, das sich in dem verhältnissmässig ruhigen Zustand des letzten Jahres beschwichtigt hatte, brach mit neuer Gewalt