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gar sie zu heiratendas wäre sündhaft, das wäre verbrecherisch. Und dann wissen Sie ja auch, setzte er schwermütig lächelnd hinzu, dass ich kein reiches Mädchen heiraten mag."

"Sie scherzen und mir zerspringt der Kopf oder das Herz, Wilderich! .... was soll ich denn morgen meiner Tochter sagen? wie soll ich ihr gegenüber treten? wie ihre fragen, ihre Unruh, vielleicht ihre Klagen oder Vorwürfe aushalten? ich muss umkommen in dieser Qual."

"Sagen Sie ihr, meine Gräfin, ich sei tot."

"Wieder eine Lüge! .... und sie wird es nicht glauben."

"Oder sagen Sie ihr ich hätte mich als unwürdig erwiesen! ich sei ihrer nicht wertleichtsinnig, Spieler, unbeständigwas Sie wollen."

"Ich soll Sie verleumden, Wilderich?"

"O, rief er lebhaft, es ist mir ganz gleichgültig was Benvenuta von mir denkt! ich sinne nur auf Erleichterung für Sie."

"Wollen wir einmal ruhig überlegen! sagte ich da ich ihn so sehr gesammelt sah! Wilderich, erfinden Sie einen Brief von Ihrer Mutter, der Sie plötzlich zurückgerufen hätte! – Eine Unzufriedenheit mit der Neigung welche Sie in so früher Jugend fesselt, ein Verlangen zuvor Rücksprache mit ihr zu nehmen, würde nicht ganz unwahrscheinlich sein. Einige Zeit würde darüber hingehen und Benvenuta vielleicht gleichgültiger werdenoder Sie können sich ändern! Wenn Sie uns in zwei oder drei Jahren wiedersehen, staunen Sie vielleicht über Ihre jetzige Verblendung."

"Möglich, meine Gräfin! möglich!" sagte er mit einer himmlischen Sanftmut, denn ich sah an seinen entstellten Zügen und seiner leichenhaften Blässe wie sehr er litt und welche ungeheure Gewalt er sich antat um nicht in Ausbrüche von Schmerz und leidenschaft zu verfallen. Aber ich hatte kein Mitleid mit ihm; ich dachte nur an Benvenuta, nur an ein Mittel den Schlag zu lindern, der ihr bevorstand. Ich bat ihn einen Brief zu schreiben des obigen Inhalts. Er entgegnete:

"Mir ist als käm' ich von der Folterbank, der Kopf wüst und schwindelnd, die hände lahm" ... –

"Desto besser, d.h. unruhiger und schmerzvoller, also passender für unsern Zweck, wird er sein;" – erwiderte ich unbarmherzig, drängte ihn zum Schreibtisch und schob ihm Papier und Feder zu.

"Also in dieser Weise soll ich die letzte Stunde unsers Zusammenseins verbringen?" rief er.

Ich sah ihn nur bittend an. Er setzte sich und schrieb was ich ihm angedeutet hatte. Während er schrieb ging ich auf und nieder und überdachte Alles was ich an Benvenuta sagen wollte. Im September sollte eine Reise nach Italien und ein längerer Aufentalt daselbst ihren Gedanken eine ganz andre Richtung geben; und wie eine noch spätere Zeit sich gestalten würde, musste ich äussern Fügungen und inneren Umgestaltungen überlassen. Nachdem ich mich einigermassen über Benvenuta beruhigt hatte, kehrte sich doch endlich meine Teilnahme auf Wilderich. Er hatte den Brief vollendet, überschrieben und gesiegelt, und sass unbeweglich am Schreibtisch die arme fest über der Brust verschlungen. Ich legte die Hand auf seine Schulter:

"Dies ist Ihr erster Schritt ins wirkliche Leben, Wilderich, sagte ich; das erste Glied der langen Kette genannt Enttäuschung aus der wir uns heraus oder hineinich weiss nicht recht! – wickeln müssen. Das darf Sie nicht zu Boden werfen, nicht einmal momentan. Ich weiss auch dass Sie es überwinden werdenaber weil Sie doch einmal dahin kommen, so sei es lieber gleich. Werfen Sie mit einem starken Entschluss die unnütze Last ab, schütteln Sie den Druck von der Brust und die Wolke von der Stirn, und sein Sie tapfer."

"Wenn ich Ihrem Rat folgte, entgegnete er mit grossem Ernst, so würde ich mich nur als leichtsinnig nicht als tapfer zeigen, meine Gräfin. Vielleicht gibt es Naturen von so merkwürdiger Spontaneität oder von so eiserner Willenskraft dass sie auf der Stelle Herr ihrer selbst werden können. Ich kann es nicht. Ich brauche Zeit um mich zu sammeln, zu fassen und zu trösten. Die Gaben sind verschieden! Sie überwinden vielleicht in einer Minute wozu ich ein Jahr brauche. Und dann sind mir auch die Ereignisse meines Lebens wichtigmögen sie Anderen noch so dürftig erscheinen! Ich w i l l sie nicht gleichgültig bei Seite schieben oder fallen lassen und zu etwas Anderem übergehen; sondern vielmehr bis in den Kern hinein ihre Bitterkeit oder ihre Süsse kosten und mein Wesen mit ihnen nähren, damit sie in dessen Nerv, Blut und Kraft übergehen. Gefühle, Begegnisse, Empfindungen die so zu sagen aus meinem Herzblut geboren sind, kann ich nicht willkürlich von mir abschütteln wie eine Last die etwa meinen Schultern aufgebürdet wird. Sie müssen sich in mir austoben bis zu ihrem Ziel, und dieses ist n i c h t der Toddenn sie hatten ein organisches Lebensondern eine Verklärung, eine Auferstehung, eine Befruchtung neuer Keime, ein Fortschritt in der Wahrheit oder Selbsterkenntniss, ein frischer Aufschwung. So, als eine organische Entwikkelung, verstehe ich überhaupt das Leben! so finde ich Zusammenhang und Einheit darin, und wo diese sind kann jenes zu einer grossen herrlichen Harmonie ausgebildet werden. Fliegt Alles nur wie Staub an mich heran und wieder ab: so gewinnen die Gedanken und Bilder des Staubes die Oberhand, und ich werde untergewirbelt in ihrer Nichtigkeit. So bin ich beschaffen