Benvenuta um Ihre Liebe weiss und sie erwidert," entgegnete ich mit einer Entschlossenheit die aus einer inneren Folterung entsprang.
Ein dumpfer Schrei rang sich aus Wilderichs Brust und bewusstlos sank er im Lehnstuhl zurück. Mir war zu Sinn als müsse der Himmel auf uns herabstürzen und uns alle drei begraben. Durch starke Essenzen weckte ich ihn aus seiner Ohnmacht.
"Ich will nicht leben wenn Sie mich nicht lieben!" rief er mit einem Ausdruck von unerhörter leidenschaftlicher Verzweiflung, und begrub sein eiskaltes Gesicht in meinen Händen.
Ich war keines Gefühls, keines Gedankens, keines Wortes mächtig. Krampfhaft schlugen meine Zähne an einander; mein Herz klopfte so unbändig dass ich mich dem Ersticken nah fühlte. Ein Bild aus der Hölle umschwirrte mein Gehirn: der Mann den mein Kind liebte – liebte mich! – Aber die Todesangst um dies Kind lieh mir Worte:
"Wilderich! rief ich, dies Alles ist ein Traum, ein Alp, ein Unsinn! nicht wahr, lieber Wilderich, Sie lieben meine Tochter?"
"Meine Gräfin, sagte er traurig, wie käme ich dazu Ihre Tochter das liebe Kind .... aber doch ein Kind nur! – zu lieben. Ich bin ihr gut wie einer kleinen Schwester; ich beschäftigte mich mit ihr und interessirte mich für sie auf das Lebhafteste – weil sie Ihre Tochter ist, weil es Ihnen angenehm war uns in gutem Vernehmen zu wissen, weil es eine Verbindung zwischen Ihrem Herzen und mir war, weil ich ein Mittel darin sah Ihnen immer näher zu kommen – – o, Sie sehen wohl aus diesen tausend "weil", dass nicht ein Funke tieferer Empfindung sich in mir fand! Mein Herz ist kalt für Ihre Tochter; meine Seele weiss nichts von ihr! und wie könnte das auch anders sein .... neben Ihnen! Wer von uns bemerkt ein niedliches Kind wenn eine Göttin tiefsinnig und geheimnissvoll durch unser Leben geht?"
"Aber dies Kind ist ein junges Mädchen, unterbrach ich ihn, das in der zarten Einfalt seines Herzens Ihre Freundlichkeit anders – und weit natürlicher gedeutet, und sich dieser Deutung mit tiefer warmer Innigkeit hingegeben hat."
"Davor hätten Sie Ihre Tochter warnen sollen, gnädige Gräfin!" sprach Wilderich eiskalt.
"Aber, Unseliger! rief ich händeringend, ich deutete Ihr Wesen in dem Sinn meiner Tochter! Ich müsste rasend gewesen sein um Ihren Wunsch bei uns zu bleiben, mit uns zu leben, uns wiederzusehen – auf mich zu beziehen! Die Jugend passt zur Jugend! Es ist unnatürlich in Ihrem Alter von einem sechszehnjährigen blühenden Mädchen sich wegzuwenden und zu deren Mutter hin, die zwanzig Jahr älter ist."
"Ich habe nie nach Ihrem Taufschein gefragt, gnädige Gräfin!" sprach Wilderich immer eiskalt.
"Es ist unnatürlich, fuhr ich fort, gleich beim Eintritt ins Leben die Blüte und Kraft der Empfindung in einer Richtung zu verschwenden, die mit dessen eigentlicher und ernster Bestimmung nichts gemein hat. Die Liebe soll uns tüchtig machen für die Mühsale die uns erwarten, indem sie unser Glück an ein bestimmtes Ziel knüpft: an ein gemeinschaftliches Leben mit einem geliebten geschöpf, das uns ergänzt und vervollständigt."
"Der Meinung bin ich auch, gnädige Gräfin!"
"Nun Wilderich, wenn Sie dieser Meinung sind, wie können Sie dann Ihre Liebe an eine Frau verschwenden, die durch Alter, Erfahrung, Verhältnisse und Richtung gänzlich derjenigen Sphäre entrückt ist, welche Ihrer in der Gegenwart und für die Zukunft harrt! Ich bin ermattet vom Leben – und Sie sind erwartungsvoll und dürstend nach seinen Gaben. Ich zweifle an dem menschlichen Glück – und Sie sehen es an diese Zweiflerin geknüpft. Ich glaube nicht an die Dauer der Liebe – und Sie lieben als müsse sie in Ewigkeit fortbestehen. Ich spreche nur von inneren Verschiedenheiten. Der äusseren mag ich nicht erwähnen. Sie würden erschrecken wenn ich sie Ihnen grell vor die Augen hielte."
Ich hätte lange fortreden können; aber ich schwieg, denn Wilderich starrte mich wie geistesabwesend an. Er hielt seinen Kopf in beiden Händen, und zuweilen überlief ein Zittern seinen ganzen Körper. Als ich schreckenvoll verstummte sprach er matt und tonlos:
"Es ist aber doch grässlich so missverstanden zu werden! nicht verstanden – ist schon traurig; allein so missverstanden – das ist noch nie geschehen! Sie Gräfin, Sie mit Ihrem tiefen blick und Ihrer ernsten erkenntnis, Sie konnten nicht das schlichte Herz begreifen, das sich Ihnen zu eigen gab? .... O, d a s ist unnatürlich, meine Liebe ist es nicht! – Das Schöne zu lieben sei die Glorie des Lebens – lehrten Sie mich. Ich hab' es getan .... weiter nichts."
"O Kind! Kind! rief ich mit herber Trostlosigkeit, was hilft der Tiefblick der Erfahrung und der erkenntnis, wenn er unser Herz nicht zu Rat zieht! das eigene Herz lehrt uns das fremde verstehen, und ich – Sie wissen es ja! – lebe in meinen Gedanken und Träumen, jedoch nicht mit meinem Herzen. Drum war ich nicht glücklich an der Seite des besten und zärtlichsten Mannes; – drum täuschte ich mich über Otbert in einem solchen Grade, dass ich an seine Liebe für mich glauben konnte; – drum erkannte ich nicht die mächtige flammende Liebe, die Fidelis für mich empfand; – drum wähnte ich dass Sie mit Dankbarkeit an mir und mit einer erwachenden Neigung an meiner Tochter