1846_von_Hahn_Hahn_145_128.txt

sie.

"Ich glaube ich freue mich zu sehr ihn wiederzusehen! sagte sie am Morgen des Tages dessen Abend ihn bringen sollte. Wenn nur dem Dampfboot auf dem Tuner See kein Unglück geschieht."

"Und wenn eins geschähe?" fragte ich.

"Dann wär' es aus und vorbei," sagte sie so merkwürdig gefasst, dass ich staunend fragte:

"Was wäre aus und vorbei, seltsames Kind?"

"O, ich weiss nicht was! .... ich denke nur .... Alles."

"Beruhige Dich, Benvenuta! das Dampfboot wird friedlich seinen Weg machen und um acht Uhr Abends, wie er es geschrieben hat, wird Wilderich hier sein; sonst gewiss morgen früh."

Um acht Uhr Abends war Wilderich nicht da; nicht um neun und auch nicht um zehn. Benvenuta war fast bewusstlos vor nervoser Unruh.

"Er hat in Interlachen weder Wagen noch Pferde bekommen könnenwie das in dieser Jahreszeit bei grossem Fremdenzudrang ziemlich häufig geschiehtmorgen zum Frühstück ist er hier," wiederholte ich wohl funfzig Mal; aber ich selbst geriet in fiebernde Aufregung und bat Gabriele Benvenuta zum Schlafengehen zu bewegen. Das geschah. Ich aber warf mich halbtodt vor Erschöpfung auf die Chaiselongue die auf dem Altan stand, und lag dort gedankenlos von unerklärlicher Angst befallen bis gegen Mitternacht.

Rasche Schritte draussen auf dem festen Wege weckten mich aus meiner Letargie. Ich sprang auf, bog mich über den Altan und fragte halblaut:

"Sind Sie es, Wilderich?"

"Freilich bin ich es," rief er und sprang in grossen Sätzen die Freitreppe zum Altan hinauf.

"Aber warum so entsetzlich spät?" fragte ich ganz matt und gab ihm die Hand.

"Der Maschine des Dampfboots geschah ich weiss nicht was für ein Unfall, der uns über zwei Stunden aufhielt. Dann fand ich kein Pferd in Interlachen. Um die Nacht dort zu bleiben fehlte mir die Ruhe; ich nahm einen Burschen der meinen Mantelsack trug, und wanderte zu Fuss von dannen. Eine unbestimmte hoffnung flüsterte mir zu, dass Ihre Gewohnheit tief in die Nacht hinein zu wachen Sie gewiss auf dem Altan festalten würde. Da konnte ich Sie sehen, oder Ihr Kleid, oder das Licht in Ihrem Zimmer .... oder doch wenigstens die liebe Cottage! – – und so bin ich hier .... selig wie nie ein Mensch gewesen ist."

Auf der Brustwehr des Altans stand eine Reihe von Nelkentöpfen. Aber nicht steif an Stäbe gebunden war die schöne Blume, sondern lang und geschmeidig, wie es der Gebrauch in den Schweizer-Bauerhäusern ist, fiel sie mit ihren feinen Blättern graziös über die Brustwehr herab und bildete eine Art von Teppich oder Behang über derselben. Ich hatte mir einen Strauss gepflückt dessen gewürziger Duft mich erquickte, und während Wilderich hastig bis zur Atemlosigkeit sprach, drückte ich mein Gesicht ein Paarmal in die frischen kühlen Blumen, denn es lastete eine gewitterhafte Schwüle auf der ganzen natur.

Als Wilderich schwieg nahm er mir plötzlich den Nelkenstrauss aus der Hand und bedeckte ihn mit Küssen. Ein namenloses Entsetzen kroch bei dieser leidenschaftlichen Bewegung wie eine Schlange an mich heran. Wir sassen auf dem Altan, der durch die Lampe im Salon und durch den überwölkten Sternenhimmel nur matt erleuchtet war, so dass ich Wilderichs Gesicht nicht deutlich sehen konnte; allein es gibt Momente wo man den Ausdruck eines Gesichtes fühlt ohne ihn zu sehen, und dies Gefühl war nicht beruhigend. Indessen gab ich seinem letzten Ausruf mit Fassung zur Antwort:

"Wir wollen über diese Seligkeit sprechen, kommen Sie herein, Wilderich."

Ich stand auf; aber er blieb sitzen, umschlang mich heftig und rief mit gepresster stimme halblaut:

"Nein nein nein! ich mag nicht sprechen."

Ich wich zurück, ging in den Salon, trat an ein Fenster und sagte:

"Wenn Sie zu müde oder zu aufgeregt sind um noch heute ein ernstes Gespräch führen zu können, so wollen wir es auf morgen verschieben. Gute Nacht, lieber Wilderich." Ich schloss das Fenster.

Er kam schnell herein. "Verzeihung, meine Gräfin! sagte er wieder mit seinem alten lieben innigtreuen Ausdruck. Draussen ist Gewitterluft; in mir ist ein wenig Fieber; ich bin die vergangene Nacht und den heutigen Tag durchfahren, zuletzt tüchtig marschirt, dann die Ungeduld, endlich die Freude! .... – – Hier sind auch die Nelken welche Sie draussen vergessen haben."

Er gab mir den Strauss zurück, schenkte aus einer Caraffe voll Limonade, die immer auf einer Console stand, ein Glas ein, leerte es und sagte indem er sich zu mir setzte:

"Worüber befehlen Sie mit mir zu sprechen?"

"Nun, über das was Sie am meisten interessirt: über Ihr Glück."

"Darüber ist schwer zu sprechen, meine Gräfin!" entgegnete er sanft und gedankenvoll und verschränkte die arme über der Brust.

"Vielleicht schwer mit mir; mit Benvenuta wird es Ihnen leichter werden."

"Was könnte ich mit Ihrer Tochter über mein Glück zu sprechen haben? Sie wissen ja dass es einzig in Ihrer Hand liegt."

"Ja .... als Mutter," sagte ich bebend.

"Wie dasich verstehe Sie nicht," erwiderte er unsicher und fuhr mit der Hand über die Stirn.

"Sie werden mich sogleich verstehen wenn ich Ihnen sage, dass