1846_von_Hahn_Hahn_145_127.txt

man im Späterbst unter welken Blättern findet. Ich wünschte sie nie zu vergessen. Leben Sie wohlbis zum frohen Wiedersehen!"

Ich gab ihm die Hand, und verliess den Salon. – Wie oft habe ich es später beklagt ihm jenen Kuss nicht gegeben zu haben! er hätte vielleicht Wilderichs Lippen gelöst und den wahren Zustand seiner Seele zur Sprache gebracht. Er kann Wunder tunein Kuss! kann die Herzen entsiegeln oder besiegeln die in Beklommenheit und Schwankung zitterten. Aber ich in der Verkehrteit meines Herzens verstand nie! nie! das Rechte zu treffen. Am Abend des andern Tages war ich mit Benvenuta in Ouchy. Sie war unterwegs noch viel betrübter. Sie sprach gar nicht von Wilderich was mir unnatürlich vorkam, da sie ihm nicht Lebewol gesagt hatte; aber ich liess sie gewähren, denn ich hatte Scheu etwas anzurühren oder aufzustören, was vielleicht der Stille bedurfte um klar zu werden. Es ist unsäglich schwer ein junges Wesen zu verstehen, das sich selbst nicht versteht. Die Mütter behaupten freilich immer sie kennten ihre Töchter bis in die Seele hinein; ich mögte behaupten, dass sie durch immer neue und die allergrössten Ueberraschungen zu dieser Kenntniss gelangen.

Die ganze Erziehungsanstalt war durch den Tod der Vorsteherin in Auflösung. Deren Tochter Gabriele ein durch Geist und Bildung ausgezeichnetes Mädchen, war bei einundzwanzig Jahren noch nicht erfahren genug um den Platz der Mutter auszufüllen, und die Oberlehrerin genoss nicht eines so unbedingten Vertrauens. Ich war schnell entschlossen und bot Gabrielen an als Benvenutas Gesellschafterin zu mir zu kommen. Das erfüllte beide Mädchen mit Freude und Dank. Binnen acht Tagen waren die alten Verbindungen gelöst, die neuen geknüpft, und Benvenuta bat mit freudig überwallendem Herzen:

"Nicht wahr Mama, nun gehen wir geschwind nach Grindelwald zurück?"

"Es wird sehr eng für uns drei in der Cottage sein!" entgegnete ich um zu erfahren welche sehnsucht sie dahin treibe.

"O, Gabriele und ichwir werden uns schon zusammen in einem Zimmer vertragen! wir sind daran gewöhnt. Ach Mama! es ist so lieb, so herzig in der Cottage von Grindelwald wie nirgends sonst."

"Auch nicht in Deinem geliebten Engelau?"

"Nein! – nirgends!"

"Im vorigen Herbst gefiel sie Dir doch gar nicht besonders."

Benvenuta wurde purpurrot und erwiderte verlegen und schüchtern:

"jetzt aber sehr! .... ich meine .... im Frühling sehr."

"Es wird aber jetzt nicht so munter dort sein, weil Wilderich fehlt;" sagte ich unbefangen, zum ersten Mal seit seiner Abreise seinen Namen aussprechend.

Sie erbleichte und schloss momentan die Augen, als habe sie eine heftige und schmerzliche Erschütterung empfunden. Ich sah dass sie unfähig war mir eine Antwort zu geben die arme Kleine! darum fuhr ich gelassen fort:

"Indessen wird er ja auch bald wieder kommen."

"Ist es möglich!" rief Benvenuta durch namenlose Freude über ihre Schüchternheit emporgehoben.

"Wenn Du es wünschestist es gewiss! Wilderich kommt wohin es sei, sobald ich ihm nicht ausdrükklich schreibe er solle nicht kommen; und dies würde ich nur in dem Fall tun, dass er Dir gleichgültig wäre und dass Du mir den Auftrag gäbest ihm das schonend beizubringen."

"Wenn er kommt, Mama, so ist es mir ganz einerlei ob wir hier bleiben, oder nach Grindelwald oder sonst irgend wohin gehen! sagte Benvenuta wieder ganz blöde und errötend. Aber glaubst Du wirklich dass mein Wunsch ihn wiederzusehen Einfluss auf sein Kommen oder Nichtkommen haben könnte?"

"Ich glaube es nichtsondern ich weiss es! am Abend in Bern hat er es mir gesagt. Er wünscht innig Dich wiederzusehen um Deine Neigung gewinnen und Dein Herz fesseln zu können. Und dazu hab' ich ihm hoffnung gemacht."

"O Mama! wie himmlisch gut bist Du!" rief Benvenuta und warf sich entzückt in meine arme.

Gleich nach diesem Gespräch schrieb ich an Wilderich:

"Es ist so eben bestimmt worden, lieber Wilderich, dass wir für den ganzen Sommer nach Grindelwald gehen. Sie wissen also wo Sie uns finden und dass Sie uns willkommen sein werden, in dem Fall dass Sie Ihren Entschluss nicht geändert haben. zuvor müssen Sie aber fein ruhig Ihre vierwöchentliche Badecur abmachen. Den grossen Festen des Lebens muss man gesund und kräftig entgegen gehen. Adieu, Wilderich. Eine Menge angenehmer Dinge die Sie vermutlich wissen mögten, mag ich nicht schreiben, weil sie unendlich viel lieblicher zu hören und zu sagenals zu lesen und zu schreiben sind. Gott mit Ihnen."

In Grindelwald erhielt ich seine Antwort. Sie war kurz wie mein Brief, ein unterdrücktes Freudejauchzen, ein Herzpochen der Seligkeit. Ich gab das Blatt an Benvenuta. Sie las es, küsste es mit feierlicher Rührung, faltete die hände darüber und sagte indem sie ihre schönen unschuldigen Augen tränenvoll zum Himmel aufschlug:

"Gott, wie danke ich Dir dass es wirklich wahr ist."

Uebrigens sprach sie nach ihrer Art fast gar nicht von Wilderich weder mit mir noch mit Gabrielen; allein ich sah an ihren Beschäftigungen, dass er der Mittelpunkt ihrer Gedanken war. Mein Bild unter der Tanne am Rosenlaui-Gletscher machte sie im Original und in der Copie fertig, und alle Spaziergänge die Wilderich mit uns gemacht, suchte sie als die schönsten und liebsten auf. Je näher der Tag seiner Ankunft rückte, um desto bewegter wurde