jetzt ist es halb drei."
Benvenuta machte sich emsig an ihre Arbeit. Mehrmals sah sie fragend zu Wilderich hinüber, der die Uhr in der Hand hielt und immer den Kopf verneinend schüttelte. Ich liess ihr den Spass, ich weiss nicht wie lange. Endlich sprang ich auf und sagte:
"Die Viertelstunden scheinen unter diesem Baum verzaubert zu sein.
"Ja, sagte Benvenuta lieblich, das hat ein guter Geist mir zu Gefallen getan, denn die Zeichnung ist weit genug vorgeschritten um sie zu haus vollenden zu können."
"Warlich, ein guter Geist! rief Wilderich. Meine Uhr steht noch immer auf halb drei – ist also vermutlich abgelaufen."
"Die meine ist vier! sagte ich. jetzt zu Pferde."
Während des ganzen Heimrittes bat Wilderich Benvenuta um dies Bild. Sie wollte es nicht geben.
"Bedenken Sie doch welch eine dreifach liebe Erinnerung sich für mich daran knüpft, bat er: an Ihre Mutter, an diesen Tag .... und an Sie."
"Genau so geht es mir auch!" entgegnete sie.
"Aber Sie haben dabei eine Erinnerung weniger."
"Nicht doch! Sie waren der gute Geist der die Zeit still stehen hiess damit ich überhaupt das Bild vollenden könnte."
Endlich vereinigten sich Beide darüber, dass Benvenuta das Original behalten und für Wilderich eine Copie machen solle. Zufriedengestellt langten wir in Grindelwald an. Da erwartete mich ein Brief aus Ouchy mit der Nachricht, dass die Vorsteherin des Instituts plötzlich an einer Brustentzündung gestorben sei. Ihre Tochter schrieb tief traurig an Benvenuta, welche mich sogleich mit heissen Tränen bat zu ihrer betrübten Freundin zurückkehren zu dürfen. Ich sagte ihr ich würde am nächsten Tage mit ihr abreisen und Wilderich, welcher Zeuge dieser Scene gewesen war erklärte: dann würde er nach Baden gehen. Sein Entschluss war mir sehr lieb! hatten er und Benvenuta Neigung zu einander, so musste sich diese in der Ferne entwickeln und bestärken. Geschah das nicht, so war die Trennung doppelt notwendig, indem ein Zusammenleben aufhörte, welches durch seine Intimität unerfahrne Herzen in einen Traum von Liebe hätte verwickeln können.
Wilderich fragte mich nach meinen Plänen. Ich hatte keine vor der Hand. Er sah ganz verstört aus und bat mich um erlaubnis mir aus Baden schreiben zu dürfen, was ich gern bewilligte. Ich zählte fast mit Gewissheit auf seine Werbung um Benvenuta. Die grosse Jugend und Unerfahrenheit Beider abgerechnet war es mir ein lieber Gedanke. Ich hatte Wilderich sehr lieb. Vielleicht sind uns immer die Menschen lieb denen wir wolgetan, so wie wir selten die leiden können gegen die wir ein Unrecht begangen haben. So paradox das klingen möge hängt es dennoch eng mit unserm Bedürfniss zusammen uns selbst achten zu können.
Wirklich fuhr ich am andern Morgen mit Benvenuta fort, und Wilderich begleitete uns bis Bern, wo sich unsre Wege trennten. Es war keine heitre Fahrt! Benvenuta schwamm in Tränen. Wilderich im Wagen ihr gegenüber sitzend, starrte sie stumm und beinah finster an. Ich, nur dann gesprächig wenn ich eine innere Auffoderung dazu empfand, war von natur, durch Gewohnheit, Richtung und Schicksal schweigsam, konnte tagelang schweigen und fühlte mich gar nicht berufen jetzt gesprächig zu sein. Dieser Tag war so recht ein schneidender Contrast zu dem vergangenen! wir waren die nämlichen Menschen; wir befanden uns in einer der schönsten Gegenden der Welt; wir fuhren leicht und bequem durch die herrlichen Täler von Grindelwald und Interlachen, am Ufer des Tuner Sees, und über die anmutige Ebene von Tun nach Bern; – aber Niemand beachtete es, und Jeder wickelte sich in seine traurigen Gedanken einsam ein – während wir uns gestern in glänzender Heiterkeit und inniger Teilnahme einander nah fühlten. Solch ein Wechsel – ist leben! sprach ich heimlich. Aber es musste halblaut gewesen sein, wie mir das in tiefen Gedanken zuweilen begegnete, denn Wilderich sagte:
"Jedoch ein trauriges Leben."
"Der Wechsel ruht aus und erfrischt – heisst es."
"Auch Sie?"
"Nein, mich nicht! im Gegenteil! mich zehrt er auf, mich verbraucht er stückweise – denn ich will immer etwas das ohne Ende sei! es brauchte nicht grade Glück .... es dürfte auch Schmerz sein .... und ohne Ende! Dass Alles ein Ende hat, das frohe Gestern, das trübe Heute, so Alles! Alles! .... das konnte ich eben nicht ertragen, und deshalb habe ich wenig Ruhe genossen im Leben. Phantastische sehnsucht schmachtete nach dem Unendlichen; frühe Erfahrung liess mich überall das Ende sehen oder ahnen! Eine Hand streckte ich nach geliebten Chimären aus; die andre streute erblasste Bilder gleichgültig in den Wind. Und dies Alles rührte daher weil ich nicht stark genug war das Leben wie es ist und wie Gott es uns gegeben hat – nicht bloss zu tragen, sondern zu ehren."
"Das Leben ehren mit seinem schaalen Wechsel, seiner dumpfen Verwirrung, seiner schreienden Ungerechtigkeit, seiner gekrönten Erbärmlichkeit – mit seinen Qualen der leidenschaft und des Zweifels, der sorge und der Schwäche – ist das möglich?"
"Das Leben ehren, Wilderich! denn so lange Ihre Augen offen stehen, Ihr Herz klopft, Ihre Hand sich regt – können Sie das Gute tun und das Schöne lieben! und dies nenne ich das Leben ehren wie Gott es uns gegeben hat."
"Das Schöne lieben und das Gute tun,