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durch nichts an dieselbe erinnert werden?"

"Weil ich mein Leben bereits verbraucht habe und zu nichts Tüchtigem mehr brauchbar bin – – als höchstens .... um die gute Frau von Grindelwald zu sein."

"Kann man mehr sein als gut?"

"O ja! man kanns auf dem rechten Fleck, zu rechter Zeit und Stunde, am rechten Ort sein. Die gute Herrin von Engelau, die gute Gattin, die gute Mutter zu sein: das wär' ein Lob. Jenes ist keins. Ich bin gutwas man hier gut nennt, nämlich woltätigweil ich es angenehmer für mich als das Gegenteil finde."

"Ich verstehe Sie zuweilen gar nicht! entgegnete Wilderich. In Ihren Handlungen sind Sie ein hohes und edles Herz, in Ihren Wortenwelche man schwer von Ihrer Gesinnung trennen kann, da Sie nicht lügenhaben Sie gar kein Herz."

"Daraus sehen Sie dass ich die Kraft zum t h u n .... nicht die zum s e i n habe. Ich habe vielleicht weniger Unrecht getan als Tausende meines Gleichen und dennoch weniger Befriedigung als eben sie."

"Das ist unnatürlich!" rief er.

"Davon bin ich vollkommen überzeugt! entgegnete ich gelassen. Mein Dasein ist wie eine Tropfsteinhöhle: darin stehen allerlei schöne Sachen, Altäre, Kapellen, Heiligenbilder .... aber versteinert und in Finsterniss; und das sollte nicht sein."

"Und warum ist es so?"

"Weil der Geist der Liebe fehlt."

"Das ist ja aber eine fürchterliche Gleichgültigkeit!" sagte er fast mit Entsetzen. Und wie kann man sie mit Ihrer Barmherzigkeit, mit Ihrem Mitleid in Einklang bringen?"

"Barmherzigkeit auf und über der Weltvon Ewigkeit zu Ewigkeit gehendist das Eine woran ich glaube."

"Weil Sie sie üben!"

"Nein! .... weil ich ihrer bedarf."

Ich sprach zwar immer wenn unsre Unterhaltung eine Wendung auf mich nahm in einem möglichst kalten Ton von mir selbst, aber er machte dennoch auf Wilderich Eindruck.

"gibt es viel Frauen wie Sie?" fragte er einst.

"Ganz wie ichvielleicht Keine! mir ähnlichUnzählige! – natürlich werden sie das aber nicht eingestehen. Verstand und Phantasie werden übermässig entwickelt, und das Herz vertrocknet. Solch Missverhältniss macht elend. Da soll nun die Oede durch Emotionen ausgefüllt werden: die Einen werfen sich in die Andacht, die Andern in die Studien und schönen Künste, noch Andre ins Weltleben mit seinen blasirenden Genüssen. Es muss immer etwas getan werden! natürlich läuft zwischen all dem unsinnigen und abgeschmackten Tun zuweilen auch etwas Gutes mit untergrade wie bei mir! – aber es ritzt Alles nur die Haut, höchstens die Nervennicht das Herz."

"Gott! rief Wilderich, und an dies Geschlecht sind wir mit unsrer Liebe gewiesen!"

"Nun! entgegnete ich lachend, Eure Liebe wird es wohl noch erwidern können! Und dann gibt es ja immer Ausnahmen, und die Geliebte, mein Wilderich, ist ein für alle Mal eine Ausnahme."

Tat ich ihm wohl oder weh? ich vermute das Letztere. Nichtsund auch ich nichtwar so wie er es geträumt, wie es seinen Idealen entsprach.

"Was soll ich glauben, lieben, hoffen, wollenda neben dem Allen der Zweifel steht! rief er einmal in schmerzlicher Aufregung. War die Welt gut wie sie bisher gegangen istwarum legt sie sich denn auf die andre Seite? War sie schlechtwie hat sie so lange bestehen können? – O wie beneide ich die, welche an einen unbedingten Fortschritt glauben und daher im stand sind aufrichtig mit der Vergangenheit zu brechen. Ich kann es nicht! ich finde nicht mehr Lebensweisheit, mehr Tugend, mehr Glück, mehr Freude in den Lehren welche unsre Tage beherrschen und unsrer Zeit als Richtschnur dienen und als Ziel vorleuchtenals in früheren Epochen. Ich finde nicht dass die Menschheit hochherziger und kernhafter wirdnicht dass die Aufklärung sie klar macht über das was ihr Not tut, über Bestimmung und Pflicht. Klüger wird sie insofern als sie mehr lernt, und zwar bis zum letzten Mann des volkes herab, und als mancher Aberund Wahnglaube z.B. an Gespenster, Hexen und Zauberei schwindet. dafür glaubt sie jedoch an politische, sociale, wissenschaftliche Charlatanswas doch ein sehr verdumpfender Glaube ist! und ob sie an Gott glaubtdas ist wohl nicht unbedingt zu bejahen. Die Weltweisen sprechen zwar von einem Gott in der geschichte, von einem Gott im eigenen Bewusstsein: das ist ein Gott ungefähr so wie ein Kartenkönig einen König von altem Schrot und Korn vertritt. Ich meineGott, den Lenker des Weltalls, den Vergelter des Guten und Bösen, den Vater der Barmherzigkeit, ohne dessen Willen mir kein Haar gekrümmt werden kann! Gottwie der Mensch ihn braucht, zu welchem ich schreien kann in meinen Schmerzen, jauchzen in meinen Freuden, und zu dem ich den Glauben habe, dass er mich hört und e r h ö r t zu seiner Zeit! Gottzu dem das Herz und der blick emporfliegt bei grossen Geschicken, weil es einen Dank und eine Klage gibt, die man nur vor ihm aussprechen kann und weil diese Geschicke, so reich oder so schwer sie sein mögen, immer