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Ehre tödtlich verletzt.

Er bekam einmal die Verlobungsanzeige seines Vetters mit einer Banquierstochter, und geriet darüber in solche Trostlosigkeit, namentlich über ihren grossen Reichtum, dass ich ganz ernstaft ihn fragte ob er den Verstand verloren habe um über ein so alltägliches Ereigniss zu jammern.

"Wenn sie arm wäre könnt' ich's verzeihen, entgegnete er, aber reichsehen Sie, das finde ich nichtswürdig."

"Sie sind unsinnig, Wilderich! Aehnliches geschieht täglich in England, denn da ist die Aristokratie nicht bloss stolz und würdig, sondern auch klug und praktisch, und versteht es frisches Blut und frisches Geld sich zu assimiliren. Dadurch ist sie ein immergrüner Baum. Der deutsche Adel abervon einer Aristokratie dürfen wir Norddeutschen schon gar nicht sprechen! – hat es nicht verstanden den Zufluss jener Lebenselemente sich offen zu erhalten; drum stirbt er ab."

"Da sei Gott vor! rief Wilderich. Dann ginge ja die Ehre verloren! – Was fragt der Büreaukrat, der Industrielle, der Speculant, der Gelehrtenach der Ehre! Nach ihrer persönlichen Ehre, oder dass ihnen die gebührenden Ehren widerfahren – o ja! danach fragen sie sehr! Aber die Ehre des Standes, der Genossenschaft kümmert sie nicht, denn sie haben keine Genossen, sie sind nicht von einer gemeinsamen idee beseelt, von d e r idee: d i e B e s t e n s e i n z u m ü s s e n w e i l s i e d i e E r s t e n s i n d . Sie sind nur durch ihr Interesse zusammengehalten, sei es für ihre Carriere oder ihren Geldbeutel, und ein solches Interesse ist nur äusserlicher Art. Jeder vertritt seine person, seine Meinung, seine Stellung, und was ihn zuweilen zur Gemeinsamkeit schaart istOpposition gegen uns! das ist jedoch kein Lebensprincip. Wir aber vertreten die idee der Ehre, und Individuen gehen unter, allein Principe leben ewig! drum kann der Adel nicht absterben, denn die alte Tradition kann nicht untergehen."

"Er hat aber keine Basis mehr in den Zuständen! versicherte ich unermüdlich. Ihm fehlen seine eigentümlichen und wesentlichen Bevorzugungen und Verpflichtungen seitdem er seinen lebenskräftigen charakter als Grundherrschaft verloren hat und als solche um die alten Rechte gekommen ist, die ehedem zwischen dem Herrn und den Untertanen bestanden haben. Ihr seid Alle die ersten Bauern auf Euern Besitzungen und weiter nichts. Herren seid Ihr gar nicht mehr! die Regierungdas ist der Herr! die schreibt Euch aufs Genaueste Euer Verhalten vor Darüber müssen Sie sich keine Illusion machen: adlige Bauern, das seid Ihr."

"Warum bemühen Sie sich so sehr mich herab zu stimmen? fragte Wilderich. Gönnen Sie mir doch wenigstens meine idee und die Begeisterung für dieselbe! in der Wirklichkeit ist wenig genug wofür ich mich entusiasmiren könnte."

"Ich mögte nicht dass Sie Ihre Begeisterung so zu sagen schlecht unterbrächten. Ihre Gesinnung: "weil wir die ersten sind müssen wir die Tüchtigsten sein," ist durchaus aristokratisch, ist das Band zu der edelsten Gemeinschaft die nur zwischen den Menschen statt finden kann; aber verabsäumt nicht die Mittel, die im stand sind Eure Gesinnung durch äussere Macht zu unterstützen. Sie betrachten den Reichtum als ein Mittel zur Unabhängigkeit. Ihn zu erwerben ohne kaufmännische und industrielle Speculationen ist heute zu Tage unmöglich; Sie fühlen keine Neigung für dieselben, oder Ihre Stellung, Ihre Laufbahn gestatten sie Ihnen nicht; Sie finden ein schönes angenehmes Mädchen, deren Erscheinung Ihnen gefällt, deren charakter und Bildung Ihnen zusagtund Sie wollen sie nicht heiraten weil sie eine reiche Banquierstochter ist: lieber Wilderich, in dieser Ansicht finde ich mehr Subtilität als Zartgefühl."

"Reiche Frauen sind mir überhaupt unerträglich! sagte er. Ich meines Teils werde nie ein andres Mädchen heiraten als aus einem guten alten haus und ohne Vermögen" .... – –

"Wie das gewöhnlich bei uns Hand in Hand geht!" setzte ich lachend hinzu.

Was ich ihm dringend rietwaren Reisen in fremden Ländern, zu fremden Völkern, um das deutsche Spiessbürgertum abzuschleifen, dieses kleben und klauben an Formen, deren Inhalt ausgestorben ist, diese Devotion vor dem Fremdländischen, diese Ueberschätzung der Magistergelahrteit, diesen matten Dünkel auf Geist und Bildung.

"Das muss man gestehen, Sie sind nicht blind eingenommen für Deutschland! rief Wilderich. Haben Sie denn je in der Fremde eine stolze Wallung bei dem Gedanken gehabt eine Deutsche zu sein?"

"Ja, eine sehr stolze!"

"Nun bei welcher Veranlassung?"

"Wenn ich eine Symphonie von Beetoven aufführen hörte .... dann war ich stolz, denn so aufgefasst und so ausgedrückt ist nie der Geist des deutschen volkes als von ihm! Er hat ihn wiedergegeben den T i e f s i n n i n d e r V e r k l ä r u n g . Sonst aber erinnere ich mich keiner Veranlassung."

"Und das sagen Sie so gelassen! ich würde darüber verzweifeln."

"O all diese schlaffen Verzweiflungen muss man sich abgewöhnen! Man muss die Welt nehmen wie sie ist; und warum soll man nicht eben so stolz sein auf einen Genius der Symphonien componirt als der über Staatsökonomie schreibt?"

"Wenn man sich in der Welt wie sie ist zurechtfinden muss, warum denn, gnädige Gräfin, sind Sie in diese Einsamkeit geflüchtet, wo Sie