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, war die Schwester des Arztes, eine Frau in meinem Alter, witwe und Mutter von sieben Kindern. Ihr Mann, ein wolhabender Kaufmann in Genf, hatte sich ums Leben gebracht in einem jener spleenitischen Anfälle, welche nicht selten durch religiöse Schwärmerei veranlasst werden. Die Gegner der Metodisten behaupteten, er, ein Mensch voll Lebenslust und Kraft, geistvoll, mitteilend, regsam, habe nicht gewusst wohin mit all den Gaben, die nicht zum Vorschein kommen und nicht in ihrer homogenen Richtung verbraucht werden durften. Er verkümmerte bei den Predigten und Bibelerklärungen seiner Frau. Die graue Atmosphäre frömmelnder Andacht beklemmte zuerst und lähmte zuletzt seine Fähigkeiten; und als sein Geist ganz paralysirt wargab er sich den Tod. Anders sprach seine witwe und deren Familie:

"Ihn drückten die Sünden und Uebertretungen seiner Jugend, denn ihm fehlte der Glaube an die Versöhnung und Genugtuung durch das teure Blut des Heilands. Wer schwach im Glauben ist welkt dahin wie eine Blume des Feldes."

Diese gelassene Ergebung bei einem solchen Donnerschlag des Schicksals, der zugleich den äussern Wolstand zertrümmerte, imponirte meiner Vernunft ohne mein Herz zu erquicken. Ich sah keine Träne, hörte keine Klage, fühlte keinen Pulsschlag; halb erstarrt, halb gleichgültig ward ich neben diesen vom Stoicismus ihres Glaubens umpanzerten Seelen. Weicher, lieblicher, tröstender schien mir der Quietismus der Katolischen Kirche; es wehte in ihm ein wärmerer Hauch: die Liebe zum Heiland. Tomas a Kempis, die Guyon, Fénélon, haben zuweilen Worte wie Balsam so lind und labend, Worte in denen sie gleichsam durch Tränen lächeln und der Melancholie einen Anflug von rührender Grazie geben. Das Wort Fénélons auf die Frage: "Was würdest du tun wenn du nichts von Gott wüsstest?" – J'aimerais! – ist die bezeichnende Quintessenz dieser Richtung. Der protestantische Pietismus mit seinen Bibelstudien, TraktatenLectüre und reflectirenden Betrachtungen über Tod und Genugtuung des Heilands, hatte für mich einen dürren und herben Beischmack, als hätten sich seine Anhänger zur Frömmigkeit resignirt, anstatt dass dieselbe aus ihren Seelen quellen müsste. Es war keine Frische, kein Duft, keine Anmut um sie; zuweilen etwas Respectables, in einzelnen Fällen etwas Imponirendes, häufig eine abstossende Trockenheit und Kälte welche mit ihren salbungsvollen Worten verglichen, letzteren den Anstrich von Heuchelei gaben.

Wie oft, wenn ich meinem verstorbenen Onkel zuhörte, hatte ich mit heisser sehnsucht gesagt: O welche Erquickung mit diesem liebenden Schwung glauben zu können. – Aber den zuversichtlichen Glauben meiner neuen Freunde zu teilen hatte ich nie! nie gewünscht! Ich fühlte mein Herz würde durch ihn noch mehr brach gelegt werden, als es in meinem gegenwärtigen Zustand der Fall war. Unsre Freundschaft war auch nicht von Dauer; sie warfen mir philosophische und freigeisterische Ansichten vor, wogegen ich mich nicht verteidigen konnte; – und ich ihnen Intoleranz und Inconsequenz, bei denen sie im Recht zu sein behaupteten. Ich sagte ihnen:

"Im Katolicismus setzt die Kirchedie gemeinsame Einheit im Glaubeneine unantastbare Schranke, vor welcher der Menschengeist sich beugen, oder sich daran brechen, oder sie überfliegen und dann von der Gemeinschaft abfallen muss. Im Protestantismus haben Individuen Schranken gesetzt nachdem sie selbst deren niedergerissen hatten. Ich sage nicht dass der geistige Horizont nicht beträchtlich dadurch erweitert sei; ich sage nur dass die Protestanten sich nicht wundern dürfen, wenn im Namen dieser Geisteserweiterung und Geistesbefreiung Schranken weggerissen werden, welche sie um ihren Glauben aufgebaut haben. Der Schatz der christlichen Lehren ist ein lauterer Quell. Die Katolische Kirche hat ihn mit einem feierlichen, grandiosen Tempel überwölbt und ihre Priester zu dessen Hütern bestellt. D i e schöpfen das wasser, spenden und verteilen es nach gewissem Mass und Gesetz an die Dürstenden, und wachen über dessen Gebrauch. – Der Protestantismus fand den lautern Quell in der Bibel entalten, er verwarf die Tradition und gab den Zutritt zu demselben Jedermann frei. Der Priesterstand ward fortan unnütz, denn Jeder durfte schöpfen und Jeder nach seinem eignen Bedarfviel der Eine, der Andre wenig, Dieser mit einem schönen Krystallbecher, Der mit einem unsaubern Eimer, Jener mit einer reinenund noch Einer mit einer schmutzigen Hand. Wer von ihnen darf jetzt behaupten er schöpfe das richtige Mass und mit dem richtigen Gefäss? Keiner oder Jeder. Die Katolische Kirche ist consequent: ein Priesterstand, Autorität und Glaubenseinheit. Den Protestantismus vermag ich nicht Kirche zu nennen, denn er ist ohne Priesterstand, ohne Autorität, ohne Glaubenseinheit. Dennoch gilt er für eine Kirche und herrscht als solche, aber nur durch Widersprüche und Inconsequenzen. Um sie zu verteidigen wirft er sich auf Gelehrsamkeit; um sie zu betäuben auf Fanatismus; um sie aufzuheben auf Rationalismus; und fällt dadurch immer mehr auseinander, wie seine zahllosen Secten das beweisen, die sich in Ermangelung einer Kirche jede ihr eigenes Betstübchen zurecht machen."

"Wohl uns wenn unsre Seelen in ihren demütigen schlichten Betstübchen die Ruhe und Zuversicht im Herrn finden, welche Denen stets fehlen werden die in prachtvollen Domen papistischen Greuel treiben, und Jenen die in der Welt dem rationalistischen Baal huldigen."

"Ja! wohl Euch wenn Ihr neben der Ruhe im Herrn auch Demut für Eure Seelen fändet! aber Ihr seid von geistlicher Hoffahrt besessen, die bei dem separatistischen Wesen fast unvermeidlich ist, denn die Abtrennung von der Gemeinsamkeit ruft stets ein Sichbesserdünken hervor. Ihr nennt das begnadigt sein, auserwählt sein; aber das ist doch weiter nichts als eine Art von Selbst-Heiligsprechung."

Man