Empfehlungsbriefe hatte. Astralis war jetzt grade neun Jahr alt. Es wurde mir sehr schwer mich von dem lieblichen kind zu trennen, aber Arabellas Wunsch bestimmte mich: sie sollte in ihrer Kirche erzogen werden, d.h. sie sollte sich nicht dermaleinst in der Welt zur Katolischen Kirche halten und bekennen, sondern vielmehr schon jetzt in der Kindheit jene religiöse Erziehung empfangen, welche den Menschen befähigt eine organische Pflanze auf dem Erdboden seiner Kirche zu werden. Nachdem ich Astralis jener Erziehungsanstalt übergeben, und um ihre neuen Verhältnisse kennen zu lernen einige Wochen in Freiburg zugebracht hatte, ging ich mit Benvenuta an den Leman um mir dort irgendwo ein Plätzchen zu suchen wo ich Hütten bauen könnte.
Das war aber unsäglich schwer wegen der verschiedenen Rücksichten welche zu beobachten waren. Pestalozzis grosser Name hat der Schweiz eine pädagogische Berühmteit verliehen, und bedeutende Institute zu Genf, Lausanne und Yverdun rechtfertigen sie. Ich wünschte mich in einer kleinen Villa bei Genf oder Lausanne niederzulassen und rechnete darauf alle Lehrer zu finden, welche Benvenuta nötig hatte. Ich hatte mich in Bern, im Oberland und in den UrKantons sechs Wochen – dann wieder in Freiburg aufgehalten; so kamen wir Anfang August aus der schönen frischen Berg- und Wiesenluft in die erstikkende Hitze von Genf. Kein Landhaus, nicht einmal das einfachste Gartenhaus war für uns zu finden – Alles von Einheimischen und Fremden überfüllt. Wir wohnten im Hôtel des Bergues das eine wunderschöne Aussicht auf den See hat; aber Benvenuta, ungewohnt des städtischen Treibens, des Gastofs, der beschränkten Räumlichkeit, vielleicht hauptsächlich ihrer eigenen Einsamkeit in der Fremde, bat mich schüchtern aber mit heissen Tränen die Stadt zu verlassen, und am nördlichen Ufer des Sees nach einem Landhause zu suchen. Dort fand ich nun wohl einige die mir sehr zugesagt hätten, aber zu fern von Lausanne und Genf um mir Lehrer verschaffen zu können. Am nördlichen Ufer war es übrigens noch heisser! von dem Rebgelände des Jorat prallten die Sonnenstralen auf das Ufer herab und reverberirten mit scharfer Blendung aus dem See. Der Aufentalt in den kleinen Städten – so lieblich ihre Lage – und in deren Gastöfen – so gross ihre Bequemlichkeit war – wurde mir und meiner Tochter ganz unerträglich. Mein Herzkrampf regte sich wieder – und halbtodt vor Ermattung und Anstrengung fiel ich förmlich in der kleinen kühlen Villa paisible, eine Stunde von Vevay nieder, welche durch ein glückliches Ungefähr zu mieten war. Vor der Hand musste ich durchaus Ruhe und Erfrischung haben. Ich richtete mich ein und fühlte mich während der ersten drei Tage ganz behaglich – aber da erkannte ich, dass diese einsame Existenz wohl für mich, doch nicht für meine Tochter zu ertragen sei. Zum ersten Mal war sie ganz allein mit mir. Mezzoni war von Würzburg nach Italien, die Schütz nach Holstein zurückgegangen; Astralis in Freiburg geblieben! mit tiefer anhänglichkeit umfasste Benvenuta Lehrer und Gespielin – und urplötzlich fand sie sich von ihnen Allen getrennt und einsam bei ihrer melancholischen Mutter! – Sie gab sich unendlich viel Mühe ihre Traurigkeit zu bemeistern, und ich gab mir noch grössere Mühe sie zu zerstreuen; ich übte sie nach der natur zu zeichnen, übertrug ihr kleine häusliche Geschäfte und die Aufsicht über den Garten; überwand mich sogar genug um Musik mit ihr zu treiben – Musik die ich gänzlich verlassen hatte seitdem Fidelis abgereist war! – allein ich konnte weder ihren Tag noch ihr Herz genügend füllen. Sie war in dem Alter wo das Gefühl leicht eine krankhafte Färbung annimmt weil die Nerven in gereizter Spannung sind; – sie wurde im November vierzehn Jahr. Sie durchweinte halbe Nächte und härmte sich dermassen ab, dass ich sie oftmals mit Tränen bat mir zu sagen was ihr fehle und was sie wünsche – es solle Alles geschehen. Da wünschte sie denn bald nach Engelau heimzukehren, bald ein Paar Lachtauben, bald einen Besuch von Astralis, bald eine Fahrt nach Chamouny; häufig auch gar nichts. Armes Kind! sie wusste eben nicht was sie wünschen sollte. Ich hatte sie von je her mit Sorglichkeit und Liebkosungen überstürzt. Ich wollte durchaus sie sollte glücklich sein und nicht meine freudenlose ernstafte Kindheit haben. Allein ich verweichlichte sie anstatt sie glücklich zu machen. Dazu kam noch ein grosser Uebelstand: ich hatte eine namenlose Scheu sie in meine Seele blicken zu lassen, die von so manchem Erdbeben verwüstet war. Kinder jedoch sehen klar und scharf! und so strengte ich mich übermässig an im Gespräch mit ihr stets auf meiner Hut zu sein um keine Bemerkung zu machen, die ihre junge reizbare Seele in Unruh hätte versetzen können. Das veranlasste mich häufig meine überzeugung nicht unumwunden auszusprechen, und dadurch verfiel ich oft in Widersprüche. Denn da ich meine wahre Meinung nicht gesagt hatte, so konnte' ich mich nicht immer besinnen ob ich sie halb oder dreiviertel – mit himmelblauer oder rosenfarbener Färbung ausgesprochen. Das befremdete und verstimmte das Kind – und mit Recht! aber ich konnte' es nicht ändern, weil ich mich selbst nicht ändern konnte.
Hätte Benvenuta die geringste Vorliebe für die katolische Kirche an den Tag gelegt: so würde ich sie mit Astralis zusammen dem Institut zum Sacré Coeur anvertraut haben. Ich fragte sie darüber und mit kindlicher Pietät entgegnete sie: sie wünsche bei der Kirche ihrer Eltern und ihrer Heimat zu bleiben. Was diesen Punkt betraf durfte ich, meiner überzeugung zufolge, mir keine Einmischung erlauben. Bei Fidelis hatte ich so recht gesehen wie ein heftiges Eingreifen der Eltern, sogar in der allerbesten Absicht, die Kinder in beängstigende Unruh