aus dem der schönste Baum der Welt hervorgehen sollte, ist verschrumpft. Kann er nie mehr grünen?"
Ich warf mich vor ihm nieder und legte den Kopf auf seine Knie, während er sanft meine Stirn berührte und eben so sanft sagte:
"hoffnung lässt nicht zu Schanden werden! Bete, meine Tochter! Es ist viel Gutes in Dir; ein grosser Durst nach Wahrheit und ein mächtiges Ringen; nur ist es zu himmelstürmerisch, zu sehr äussere Mittel verwendend. denke' an den Kern des Orangenbaums, gönne ihm Stille, Schatten und Sammlung. Durch sie musst Du den Mangel einer innerlich religiösen Erziehung zu ersetzen suchen; sie hat Deiner Kindheit und Jugend gefehlt. Die Lücke die dadurch in der Seele entsteht, kann in spätern Jahren nur durch gewaltige und meistens zerreissende Umwälzungen gefüllt werden."
Ich sah das ein; aber auch, dass diese Einsicht mich um nichts förderte. Ich sollte beten, ich sollte in frommer Stille harren; – – ja, hätte ich das gekonnt, so wäre mir freilich geholfen gewesen. Ich sagte meinem Onkel was ich früher zu Fidelis gesagt hatte:
"Meine Seele ist auf die Frage gestellt. Der fragende Ton ist der unsrer Zeit. Es wird Alles zur Frage gemacht: Gott in seinem Himmel, die Macht auf ihren Tronen, die menschlichen Zustände in ihren Höhen und Tiefen – Glaube, geschichte und Tradition. Aber so verwegen man fragen, so geschickt und spitzfindig man antworten möge, welche subtile Erklärung oder stupide Negirung von Kanzel und Kateder erschallen mögen, wie man sich aufblase in dem Bewusstsein durch den Geist al pari mit Gott zu stehen und durch die Vernunft das Schöpfungswort der Welt, die Grundursach der Dinge erfasst zu haben – dennoch, mein Vater, dennoch geht eine Geisterstimme über den majestätischen Wust unsrer Weltweisheit dahin und fragt ebenso heimlich als vernehmlich: Warum? Weshalb? Wohin? – Aber die Zwillingsstimme welche ihr sonst antwortete: Glaube, hoffe, liebe! ist übertäubt und verstummt durch die Lehren der Weltweisheit, welche doch für jene fragen keine genügende Antwort haben. Und so hallt wie ein Klageruf voll unendlichem Weh jene Geisterstimme fort und fort, und unsre Hymnen an das Licht und an die Freiheit gellen unter ihr dahin. O mein Vater! die Erde war immer dunkel; – aber da wo an unserm Gesichtskreis der Himmel sie zu berühren scheint, schwebte sonst ein Genius im silbernen Gewande, mit goldnen Flügeln, mit einer Sonnenglorie ums Haupt, und bei seinen leisen Schwingungen quoll solch ein Strom von Glanz herab, dass die Erde davon verklärt wurde. Der Glaube war's. Nun heisst's ein Popanz sei es gewesen und Eure Priester hätten ihn aufgestellt. Das ist nicht wahr! was sie Popanz nennen ist nur ein Spiegelbild der höchsten und allmächtigsten sehnsucht in jeder Menschenbrust, und haben Eure Priester verstanden diesen Wiederschein in eine himmlische Form zu gestalten: so waren sie es wert Führer und Lehrer langer Generationen zu sein."
"Wenn Du jetzt dies Vertrauen zu unsrer heiligen Kirche hast, warum trittst Du nicht in ihre Gemeinschaft? – Welche Befriedigung kannst Du in der Deinen finden?"
"O nicht die geringste, mein Vater! der Protestantismus ist in meinen Augen keine Kirche, sondern das reflectirende, opponirende, kritisirende Element, welches scharfe Wache neben der Katolischen Kirche hält. Deren immanente r e l i g i ö s e Lebenskraft fehlt ihm gänzlich. Er lebt von der ewig regen und tätigen Verstandesrichtung im Menschen, und wird in dieser immer fortbestehen. Eine Kirche auf ein unantastbares durch fast zwei Jahrtausende unbewegtes Dogma gegründet, bildet er nicht! höchstens Kapellen stiften seine zahllosen Secten! die Einheit fehlt ihm, dies Symbol der Göttlichkeit! das Gehirn des Menschen ist seine Basis; die der Katolischen Kirche ist das Herz. Aber ich, mein Vater, im Protestantismus geboren, in einer protestirenden Zeit zum Bewusstsein gekommen, ich habe eben nur die Fähigkeiten zu denen er den Impuls gibt: ich begreife Eure Kirche, ich knie vor ihr – allein .... ich glaube nicht an sie."
Damit war Alles gesagt und mein Uebertritt unmöglich. Das sah mein Onkel auch klar ein. Er beklagte mich aufrichtig, doch ohne die geringste Beimischung von Verachtung oder Selbstüberhebung. Er hielt sich mir gegenüber als Katolik keinesweges für besser; nur für glücklicher. Und so betrachtete ich ihn auch, aber so veredelt durch inneres Glück, als ich verfinstert war durch innere Desolationen und Zwiespältigkeiten. Meine teologischen Studien setzte ich fort so lange ich in Würzburg war. Es fehlte nicht viel so hätte ich mich auf die orientalischen Sprachen geworfen, auf hebräisch namentlich um das Alte Testament in seiner wahren Sprache zu lesen, denn ich kannte genug fremde Sprachen und ihre Uebersetzungen um zu wissen, dass diese sich zu jener verhalten, wie eine Litographie zu einem Oelgemälde.
Aber der Tod meines teuern Onkels gab meinem äussern Leben eine andre Richtung. In den ersten schönen Frühlingstagen entschlummerte er am geöfneten Fenster sitzend, durch welches Maiengrün, Blütenduft, Vogelsang und der Gold- und Rosenglanz des Abendhimmels ihn überströmten. Die Kinder wollten sich eben zurückziehen und küssten ihm die Hand zur Guten Nacht. Wie immer segnete er sie zärtlich, lehnte sich zurück, schloss lächelnd die Augen – und war nicht mehr. Sein Antlitz schwamm in der Verklärung zu der seine Seele aufstieg. Ich erkannte sogleich dass er tot war. So himmlisch sieht das Leben nicht aus.
"Er ist bei Gott