Auges, das Lächeln Ihres holden Mundes, jeden Händedruck, jedes Wort, jede Frage, jedes Zeichen von Teilnahme mit und nach mienem Herzen zu deuten, und da ich Sie liebe, so wäre das ganz aber ganz unaushaltbar."
"O bleib .... aus Erbarmen!" rief ich und fiel halb besinnungslos auf meine Knie und hob flehend die arme zu ihm empor.
"Welch eine Folter! sagte er dumpf. Sibylle, wenn ich bleibe, so bleib' ich aus unheilvoller Schwäche der Liebe .... n i c h t aus Erbarmen."
"Er bleibt! o Gott, er bleibt!" rief ich jubelvoll.
Er riss mich auf vom Boden und in seine arme.
"Willst Du denn durchaus dass ich zu Deinen Füssen sterben soll?" fragte er mit erstickter stimme.
"Nein nein! o nein!" jauchzte ich, bog seinen Kopf zu mir herab und küsste seine Stirn.
– – O ich unseliges Weib! armer Fidelis! – – – – – – –
"Lebewol!" sagte ich mit vernichtender Kälte.
"Sibylle!" schrie er mit einem Ton als würde ihm ein Dolch in die Brust gestossen. Er lag zu meinen Füssen; er wollte meine Hand nehmen; ich zog sie zurück. Die Vergötterung, die Andacht waren dahin! geliebt hatte ich ihn nicht; – er war mir nichts mehr als ein ganz gewöhnlicher Mann. Auch an ihn glaubte ich nicht mehr! – "Erbarmen! nur jetzt kein Lebewol! nur nicht in diesem Augenblick!" flehte er.
"Lebwol, Fidelis! sagte ich mit unbeweglicher schauerlicher Kälte, die mein ganzes Wesen paralysirte; – lebwol! und kannst Du auch noch beten, Fidelis?"
Er stand langsam auf. Er trat von mir zurück mit einem unbeschreiblichen Ausdruck in welchem Zorn und Schmerz, Entsetzen und Liebe kämpften, und über welchen eine namenlose Wehmut wie ein schwerer Trauerflor gebreitet war. So sagte er:
"Ob ich beten kann fragst Du? ich weiss es nicht, Sibylle! .... aber das weiss ich: Du – wirst es nie und nimmer können! – Lebwol."
Langsam ging er der Tür zu. Auch ich war aufgestanden, hatte meine arme um eine Säule geschlungen die einen Candelaber trug, und lehnte meine Stirn an den Marmor. Ich sah nicht mich um, nicht ihn an! ich sah nichts .... als jenen schwarzen Abgrund vor mir, in mir, in welchem Alles! Alles! untergewirbelt wird. Aber er blieb stehen. Er konnte nicht in Groll und Zorn von mir scheiden. Er wollte nicht dass ich den Dolch in seiner Brust sehen sollte. Er kehrte zurück, legte die Hand auf mein Haupt und sagte mit seiner tiefen von Empfindung vibrirenden stimme:
"Sibylle! nicht für mich, aber für Dich, Du ewiggeliebtes geschöpf, werde' ich dennoch beten können. Lebwol."
Er drückte meine Hand an seine Stirn und Lippen, und ich fühlte an dem eisernen und doch bebenden Griff der seinen in welcher Bewegung er war. Aber kein Wort, kein blick, keine Regung verriet ihm Teilnahme oder Trost. Da sagte er abermals mit jenem unsäglich schmerzhaften Ausdruck:
"Oh! Sibylle!" und verliess mein Zimmer. Er ging.
Durch mein Cabinet, durch das Musikzimmer, durch den Salon hört' ich seinen raschen Schritt hallen – und verhallen. Dann hört' ich nichts mehr. Ich horchte .... horchte .... umsonst! .... nichts mehr! – Da machte es sich um mich herum wie eine ungeheure Leere zurecht. Ich glitt an der Säule nieder und ächzte:
Er kann beten, denn Er liebt! – aber ich nicht! Und
der wilde Schmerz am Herzen, der mich bei grossen Emotionen mit der Gewalt eines Starrkrampfs packte, bemeisterte sich auch jetzt meiner.
Ich habe Fidelis nicht wieder gesehen.
––––
jetzt folgen zwei Jahr von denen ich eigentlich gar
keine andre Erinnerung habe, als dass ich körperlich litt! Bei der geringsten Anstrengung einen ganz lähmenden Schmerz! Ich lag auf dem Ruhebett und – litt. Die Kinder, die Geschäfte – Alles ging wie es ging! ich konnte mich um nichts kümmern, denn mir fehlte die Kraft meine Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu richten. Missachtet hatte ich immer das Tun und Treiben der Menschen; das war übel! – jetzt verachtete ich mich; das ist am schlimmsten! Vielleicht war das die Eisscholle die mir auf dem Herzen drückte und in dessen Wunden immer scharf und frisch hineinschnitt. Ich kann nicht sagen, dass ich Fidelis verachtet hätte; aber ich bemitleidete ihn. Ich hatte den Sohn der Sterne zum Sohn des Staubes gemacht! ich konnte' es ihm nicht vergeben, dass er nicht stärker gewesen, dass er für und durch mich aus seiner Glorie herausgetreten war, zu der ich aufgeschaut hatte mein Lebenlang mit der einzigen wahren Andacht meiner Seele. Und andrerseits konnte' ich ihm nicht vergeben dass ich ihn verloren hatte, dass sein belebender, geist- und seelenvoller Umgang, dass die Nähe eines zuverlässigen, rücksichtslos ergebenen Freundes mir fehlte – dass ich ihn in meinem an Entbehrungen ü b e r reichen Leben auch noch entbehren musste. Ich hatte nun gar nichts mehr; denn ich besass nicht einmal das, was alle Menschen in ihr späteres Leben mitnehmen: Erinnerungen. Sie waren tot