so kam ich hieher."
Mit fieberhafter Bewegung, bald abgebrochen, bald bei einzelnen Momenten verweilend, hatte Fidelis gesprochen; Schweisstropfen perlten auf seiner Stirn und seine Lippen zitterten; der Doppelausdruck seines Gesichts, die geistige Kraft und die Macht der leidenschaft, war noch nie so lebendig mir entgegen getreten. Hinter seiner äussern Ruhe und schüchternen Zurückgezogenheit mogte es, wie hinter dem Nonnenschleier seiner schönen zärtlichschwärmerischen Mutter, nicht so gelassen zugegangen sein, als man es nach der ewigen Selbstbeherrschung glauben durfte, mit der er sich selbst im Zügel zu halten gewohnt war. Wohl hatte ich ihn in der letzten Zeit von jenen Orkanen des Gefühls durchstürmt gesehen unter denen das Herz wie der Frühling nach Wiedergeburt ringt. Doch so wie heute sah ich ihn nie! Er lag am Boden, der Titane war gefesselt, überwunden und zerbrochen. Meine elende Seele erschrack vor ihm und vor seiner fürchterlichen Liebe, die gleichsam mit Gott um seine Seele rang. Also auch er, dieser Mensch von Stahl und Gold, war nicht unerschütterlich, harrte nicht aus bei dem Einen, kämpfte nur so lange es eben ging – und ergab sich dann! – Und wem? – Mir! – Einem weib das die Verwirklichung einer Chimäre suchte, und gänzlich unfähig war seine Liebe in gleichem Mass zu erwidern.
Er schwieg und ich schwieg auch. Ich dachte an meine Verblendung neben ihm in Venedig ein Bild meiner Phantasie, einen Otbert zu lieben! – ich dachte daran wie mein Herz seitdem so morsch, so hohl in diesen Enttäuschungen geworden sei, dass es wohl noch sich nach Liebe sehnen, aber nicht mehr sie empfinden, ja nicht einmal die seine begreifen könne. Ich hielt in diesen wenigen Secunden Gericht über mich – aber in dem Augenblick wo ich den Stab hätte brechen sollen warf ich mich in Todesangst in die aufschwellende Flut des Gefühls und dachte: Vielleicht trägt sie mich dennoch an ein lieblicheres Gestade! leiden ist nichts; – lieben ist Alles! –
"Nun weiter, Fidelis!" sprach ich sanft und nahm seine Hand.
"Es gibt nichts weiter, entgegnete er. jetzt wäre nur noch von den Resultaten meiner jugendlichen Entschlüsse und Bestrebungen zu reden, und die sind dürftig genug. Ich bin allerdings ein ziemlich tüchtiger Musiker, aber sehr fern von der früher geträumten Grösse. Und was die Freiheit betrift von der ich mein höchstes Heil erwartete: so habe ich erkannt, dass ich derselben nicht fähig war. Eine Liebe – die unsinnigste und zugleich die göttlichste, hat mich unfrei gemacht! Sie war verboten .... aber zugleich durch eine solche Kluft von Unmöglichkeiten von mir getrennt, dass diese mich sicher machten. Wie auf den schwindelnden Brückenstegen des Hochgebirges fühlte ich mich: Hält dich der wankende Steg über dem Abgrund – wolan! so zeugt das von Mut, Macht und Glück; trägt er dich nicht, so geht deine Schuld vielleicht in dem Sturz unter! – Aber weil ich mich von dieser Liebe umstrickt fühlte, so hatte ich keine feste Zuversicht zu mir selbst. Ich misstraute mir und meinen Leistungen. Ich glaubte in ihnen allen die Fessel wahrzunehmen, die mich zu zeiten dermassen band, dass Kunst und Genie mir Puppenspiel und Fratze schienen, und ein Wort, ein blick der Liebe – Wahrheit und Heil! Ich glaubte sie trügen den eisernen Reif, der sich zu zeiten um meine Stirn und Brust schmiedete und sie unzugänglich für den labenden Anhauch aus einer höheren Welt, unempfindlich für die frischen Lüfte aus geistigen Regionen machte. Die stolze Jugendfreude an mir selbst, an der Welt und dem Leben ging mir unter, und ohne diese Freudigkeit – welche den tiefen Melancholien jeder schöpferischen Richtung die Waage halten muss – ist es schwer, wohl gar unmöglich Ausgezeichnetes zu leisten. Meine Liebe machte mich schüchtern, und der Genius will auf einem sichern Boden die Grundlage seines Tempels gründen. In ein Meer von Verworrenheit und Wirrsal, von Anziehungs- und Abstossungskraft, von Selbstbeherrschung und Erschlaffung, von Feigheit und Tollkühnheit bin ich durch sie geraten, und tausendmal hab' ich gedacht: Wer doch den Rat seiner Mutter befolgt und sich aus diesem Wellenstrudel zu dem Crucifix auf der Felsenklippe gerettet hätte! – Aber nichts da! Unüberwindlich lockte mich die Lorelei .... nur sie! Dieselbe Allmacht welche bewirkte dass sie mich unangetastet in ihrer Zauberwelt hielt, machte auch dass ich mich von ihr nicht losreissen konnte. Durch lange Jahre der Trennung herrschte sie! in den bittersten Erkenntnissschmerzen meiner Torheit und Nichtigkeit herrschte sie! über meinem künstlerischen Tun und Treiben herrschte sie! über meine Entschlüsse, meine Richtung, meine Gedanken, meine Seele herrscht sie dermassen, dass keine Vernunft, noch Kraft, noch Uebung stark genug waren – um ihr in meinem Herzen stumm zu huldigen und sie stumm darin zu begraben. Dies ist das "Weiter" wonach Sie fragen."
Immer wenn Fidelis schwieg erschrack ich. jetzt wird er hoffen dass ich ihm etwas Aehnliches sage – dachte ich mit Herzpochen – ach, Du Unselige, weshalb hast du ihm ein geständnis abgelockt? Veranlasst eine Frau einen Mann zu solchem Vertrauen, so ist es ein Beweis dass sie bereits durch ihn gerührt ist. Erheuchelt sie die Rührung, so ist sie eine erbärmliche Kokette! Aber ich hatte sie nicht erheuchelt, nur ersehnt. Was ich eigentlich wünschte war: unter dem Tropenhimmel seiner Liebe meine Erstarrung zu verlieren. Seine Wärme tat mir wohl, sein Schwung hob mich, seine Kraft labte mich – das