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des Menschenherzens die Freistatt des Klosters geöfnet, und diese Kenntniss ist es eben, welche unsrer Kirche den Stempel einer ganz göttlichen Liebe aufprägt, denn man kann den Menschen nicht kennen wenn man ihn trotz seiner Sünden, seiner Fehler, seiner Schwächen nicht liebt. Ihre Kirche, Sibylle, belehrt den Menschen, die unsre liebt ihn. Ihre Kirche stellt ihn auf seine Füsse, gibt ihm die Bibel die Tausende nicht lesen und Zehntausende nicht verstehen, und spricht: nun mache deinen Weg. Die unsre behält ihn an der Hand sorgsam warnend und beschirmend, tröstend und erquickend, durch das Bewusstsein der Gemeinschaft ihn rettend von dem trostlosen Verzagen, das für Manchen aus dem Gefühl seiner Vereinzelung und Nichtigkeit quillt. – – Aber eben weil jenes Bewusstsein damals so lebendig in mir war, konnte ich mich nicht auf den Standpunkt meiner Mutter stellen. Mir war die Welt ein Tempel, und rein aber frei und ohne Priesteramt wollte ich in ihm dienen.

"Fidelis! sagte meine Mutter, unsre erste Liebe ist Gott und unsre letzte Liebe ist auch Gottallein .... die Liebe für die Götzen liegt zwischen beiden. Ich hatte mich früh dem Herrn gewidmet, war im Kloster erzogen und wollte den Schleier nehmen. Da riefen mich weltliche Feste ins Haus meiner Eltern. Den Vater ängstigte mein früher Entschluss; ob er wolüberlegt sei sollte sich erproben bei den Freuden und Feierlichkeiten, die zur Vermälung meiner beiden Brüder statt fanden. Dieser Glanz, dieser jubel, dieser Reichtum, diese Schönheit, diese Welterrlichkeit betäubten mich. Ihre trügerischen Wellen von Goldschaum und Blumenstaub schlugen über mein betörtes Herz und mein besinnungsloses Haupt zusammen. Es gibt immer Menschen welche unsre Schwäche zu benutzen wissen. Der Versucher fehlte auch mir nicht .... und meine Schwäche nicht ihm! – Er war gefesselt durch unzerreissbare Bande .... und meine Seele, von der Liebe zu Gott zur Anbetung des Götzen hingerissenward vergiftet! – Sieh, Fidelis! so bist Du geboren! – und dass ich es Dir sage und vor Deinem unschuldigen Auge mich mit unabwaschbarer Schmach bedecke, geschieht um Dir ein Beispiel zu geben, welche unwiderstehliche Betörung in dem Anhauch des üppigen Weltlebens liegt, weil es zu keiner höheren Richtung Deines Wesens als zu Deinen Sinnen und Deiner Eitelkeit spricht. Die priesterlichen Gelübde sind Helm, Panzer und Schild gegen sie: der Gehorsam gibt dem übermütigen Sinn die heilsame Demut; die Armut erhält den Leib in Nüchternheit und Abhärtung; die Keuschheit gibt ihm eine heilige Kraftdenn, wer sich selbst bei dem Reiz der Sinne überwinden kann, der kann die ganze Welt überwinden, und die Engel dienen ihm, mein Sohn."

Langsam glitt sie hinter dem Gitter auf ihre Knie und hob die hände gefaltet zu mir empor.

"Meine Mutter! entgegnete ich feierlich, steh' auf. Ich will Dir die Gelübde tun in denen Du eine Rüstung meiner Seele zu ihrem ewigen Heil erblickst. Ich gelobe Gehorsam gegen göttliche Gebote; Armut .... und wenn ich von den Schätzen der Könige umgeben wäre; und Keuschheit. Ich gelobe es Dir feierlich vor dem Angesicht Gottes! .... aber Priester werde' ich nicht! ich muss frei sein.

Mit einem Lächeln voll seliger Beruhigung entgegnete sie: "Wen der Herr so weit geführt hat, den führt er auch noch einen Schritt weiter in das Tabernakel hinein! – Sei gesegnet, Fidelis! und nimm und trage dies zum Gedächtniss dieser Stunde."

Den Goldreif hiess sie mich an- und nie ablegen.

"Der Karfunkel ist Dein Herz und der Saphir ist mein Auge; es wacht darüber! sprach sie. Und dies Bildchen zeigt mich Dir wie ich war vor achtzehn Jahren, ehe ich verlassen hatte meine erste Liebe. O Fidelis! verlasse Du die Deine nicht."

Und abermals rauschte der Vorhang zusammen, und abermals kehrt' ich aufgewühlt in den Grundtiefen meiner Seele zu meinen Pflegeltern zurück. Aber nun war es aus und vorbei. Nun hatte ich Alles getan was ich für die Wünsche meiner Mutter tun konnte; ferneren Bitten und Eindringen, deren Andeutung in manchem ihrer Worte lag, fühlte ich mich nicht gewachsen. Ich wollte fortund ich ging fort! ich floh, heimlich, ohne Abschied! ich konnte nicht diese Herzzerreissungen des Abschieds ertragen. Ich fühlte unbestimmt das Bedürfniss mich zu sammeln und nicht zu zerfliessen. Dass ich mir würde mein Brot verdienen können, davon war ich so fest überzeugt wie von meinem Leben. Nach England wollte ich über Hamburg. Dies Alles schrieb ich in einem zärtlichen dankbaren Brief an die Pflegeltern, versprach ihnen Nachricht und Wiedersehen, steckte meine 27 ersparten Gulden zu mir, packte mein Ränzelchen und ging in einer stillen Juliusnacht über die Berge meiner Heimat nach Sachsen hinaus.

Da gab es Krieg und Krieg, Beängstigungen und Hofnungen. Ich nahm teil daran, aber nur oberflächlich. Andre Gedanken bewegten sich zu mächtig in mir. Man widerriet mir nach Hamburg zu gehen: da wären die Franzosen, aber keine Schiffe für England. Ich ging nach Lübeck in der hoffnung eine Ueberfahrt nach Kopenhagen zu finden, und mir dort weiter zu helfen. In Lübeck las ich am Tage meiner Ankunft in den Zeitungsanzeigen, in Holstein auf dem land werde ein Musiklehrer gesucht; wer dazu Neigung habe solle sich melden bei dem Cantor der Marienkirche. Das kam mir vor wie eine Weisung ruhigere zeiten abzuwarten. Ich meldete mich – – und