– dafür, mein Kind! Sind Andre schwach gewesen, so nimm es Dir zur Warnung und sei um desto stärker; sind sie gefallen, so hüte Dich zu straucheln; haben sie gesündigt, so bleibe Du gottgefällig und gottgetreu."
Wie Morgentau nach einer versengenden schwülen Sommernacht fielen diese guten klaren Worte in mein Herz und beschwichtigten die Extasen welche dasselbe neben meiner Mutter und bei dem Gedanken an sie durchzitterten. Ich legte meine beiden hände auf ihre Schultern, sah dankbar in ihre unaussprechlich guten Augen und sagte:
"Mutter! Du bist meine Mutter, Du verstehst, Du tröstest, Du belehrst mich, Du weisst wie mir zu Mut ist! s i e weiss es gar nicht, die betende büssende Heilige hinter ihrem Kerkergitter – aber .... ich liebe sie doch!"
"Liebe sie, Fidelis, ich gönne es ihr und Dir!" sagte meine Pflegemutter.
Mit grenzenlosem Eifer gab ich mich fortan dem Studium und der praktischen Uebung der Musik hin. Sie war meine Vocation und in jeder Weise wollt' ich mich für sie ausbilden. Da ich mir durch sie nicht bloss den zukünftigen Ruhm – sondern für näherliegende zeiten auch Unterhalt und Fortkommen verschaffen musste, so versuchte ich Unterricht zu geben – und auch das gelang. Mein Pflegevater war karg mit Lob; aber er musste mich loben. Mein Talent begann sich zu emancipiren, selbständig zu werden. So jung ich war hatte ich doch schon einen unwandelbaren Entschluss gefasst und eine bestimmte Richtung ergriffen: das ist die Basis aller Selbständigkeit. Mein rastloser Fleiss und meine geliebten arbeiten brachten mich über die unruhvolle Epoche des Eintritts in die Jünglingsjahre hinweg. All die drängenden gährenden Kräfte brauchte ich als Sporn für meinen Eifer, als Stärkung für meinen Willen. Wie im Sturm ward ich vorwärts getrieben.
Mit Pater Melchior hatte ich häufige, lange gespräche an denen ich aufrichtige Freude hatte, sobald sie sich nicht meinem in Frage stehenden geistlichen Beruf zuwendeten, was immer seltner geschah. Ich war nicht bloss religiös, sondern durch und durch gläubig. Mit inbrünstiger Andacht hing ich an den Lehren der Kirche, und sie selbst, diese heilige Kirche war für mich den einsamen, den Ausgestossenen, so recht die heimatliche Freistätte auf Erden in deren Schooss ich die Gemeinschaft mit allem Geliebten fand. Mein Herz fasste all ihre süssen und tiefsinnigen Mysterien, ihre Wunder, ihre Opfer, ihre Gnadenmittel mit Liebe auf, und weil ich mich in Liebe ihnen hingab, so erquickten sie mich unsäglich und bildeten mir eine Himmelsleiter auf der ich schüchtern und selig heilige Boten wandeln sah, die mein armes dürftiges strebendes Wesen mit dem Allerreinsten und Allerhöchsten in eine ebenso geheimnissvolle als gewisse Verbindung brachten.
Aber Priester wollte ich nicht werden. Ich fühlte mich dazu nicht stark, nicht selbstlos genug. Er – unter dessen Gebeten das Sacrament des Altars sich vollzieht; er – in dessen Ohr Tausende von Sündebeladenen, von Gramgebeugten das Elend und die Aengste ihrer Seelen durch die beichte ausschütten; er – der über alle Trauer- und Freudenfeste unsers Lebens Worte des Heils und des Segens ruft und selbst ein Fremdling bleibt in den Wonnen und Schmerzen zu denen er weiht; er muss sich durch Gott selbst zu seinem erhabenen Amt berufen fühlen – und dieser Ruf war nicht an mich ergangen.
Das Alles erklärte ich dem Pater Melchior öfters mit dem Ton warmer überzeugung und Wahrhaftigkeit, und ich durchdrang ihn dermassen mit meiner Unerschütterlichkeit, dass er mir unaufgefodert die Zusage gab: er selbst wolle meine Mutter zu bewegen suchen ihren frommen Wünschen für mich eine andre Richtung zu geben.
So wurde ich siebzehn Jahr alt, als ich wieder mit Pater Melchior nach Prag berufen wurde. Mit gefasster ernster Sammlung ging ich diesem Wiedersehen entgegen. Zu jedem Opfer der Liebe war ich entschlossen – nur nicht zu dem Einen. So stand ich vor ihr. Wieder erfüllte mich ihre Erscheinung mit wunderbarem Entzücken. Ich meinte sie schwebe auf Wolken; ich meinte in einer Glorie von Engeln ruhe ihr Haupt; – so äterisch sah sie aus! – Es zog mich zu ihren Füssen nieder. Sie blickte mich lange an, traurig, zärtlich, stumm.
"Das waren zwei schwere Jahre! sprach sie endlich mit bebender stimme. Fidelis, hast Du denn nie mein Angstgebet gehört?"
"Ja, meine Mutter, und es hat mich stark gemacht! Du willst mein Heil .... lass es mich finden auf meinem Wege."
In diesem Sinn hatten wir ein langes Gespräch, das uns Beide heftig erschütterte ohne den einen teil zur überzeugung des Andern hinüber zu ziehen. Ihre schwärmerische Seele war e i n e Opferflamme: und um so heisser wallte sie empor, als sie Busse dafür tat, dass der Altar ihres Herzens nicht immer dem Höchsten geweiht gewesen war. Die klösterliche Abgeschiedenheit, ihre Einsamkeit mit traurigen Erinnerungen voll Reue und Leid, das ewig wache Liebesbedürfniss einer zärtlichen Seele, das heisse Verlangen zur innersten Versöhnung mit Gott und ihrem Gewissen zu gelangen, das eben so heisse ihr Kind gerettet zu sehen vor den, wie es ihr schien, unwiderstehlichen Verlockungen – dies Alles ungestört durch lange Jahre mit Tränen, Gebeten, Buss- und Andachtsübungen genährt, hatte meine Mutter in jene tiefe religiöse Schwärmerei versetzt, in welcher Wesen wie sie vielleicht einzig und allein ihre Befriedigung finden können, weil sie zu schwach für den Kampf mit der Versuchung – und zu rein sind um ihr ohne Verzweiflung zu unterliegen. Für solche Wesen ist mit tiefsinniger Kenntniss