Ida Gräfin Hahn-Hahn
Sibylle
Eine Selbstbiographie
Erster Band
An Fürst Fritz Schwarzenberg
Ihnen, mein lieber Fritz, dies traurige Buch? – Ja, grade Ihnen! Sie können es aushalten, Sie trift es nicht: Sie haben ein Herz. Hat man das, so gibt es freilich nichts desto weniger zeiten in denen man dunkle, zweifelnde, verachtende Blicke in das Gewirr des Menschenlebens und auf das lähmende Schauspiel eigener und fremder Schwäche wirft; aber mit der dem Herzen eigenen Schwungkraft schnellt man den wüsten Ballast von Staub, Moder und Verwelklichkeit fort, gedenkt ihrer als melancholischer Warnung, und fühlt deshalb den goldenen heiligen Faden nicht abgerissen, der unser kleines Wesen an das grosse, lichte, liebende, ewige Wesen des Alls knüpft. Das Herz ist an sich selbst eine Sonne, die Licht und Wärme, die Leben gibt. Fehlt sie, so herrschen Chaos und Tod, und der Mensch, der dieser Finsterniss anheimfällt, ist unselig, und ich glaube es gibt manche solcher Unseligen in unsrer Welt, die so klug und so kalt ist. Darum, lieber Fritz, wende ich mich recht zu meiner Erquickung in Gedanken an Ihr gutes rasches warmes Herz, und ohne zu erwarten dass Sie als ächter und rechter Lanzknecht die Lanze für meine
Ida Hahn-Hahn.
Wir Alle haben sie gekannt. Sie wohnte zwischen uns, sie lebte mit uns. Bemerkt mögen nur Wenige sie haben, doch jetzt, da sie tot ist, werden Manche sich ihrer erinnern. Die Welt ist wie ein Meer: Jeder hat so viel damit zu tun das Schiff seines Lebens durch Klippen und Stürme zu bringen, dass er weder Zeit noch Ruhe noch Teilnahme genug übrig hat, um sie den fremden Lebensschiffen zuzuwenden; höchstens aus Neugier sieht er einmal flüchtig hin. Kommen aber Trümmer daher geschwommen – starrt aber von einer Sandbank ein gestrandetes Wrack schwarz und formlos empor – tauchen aber aus den Wellen Gegenstände auf, die ein untergegangenes Dasein verraten: dann fährt man auf, das Interesse erwacht, man mögte wissen welch Schiff hier von den Wogen verschlungen ward, ob es dieses war, ob es jenes war, man sieht beklommen den Trümmern nach, man denkt: so wird auch unser Ende sein! – Dann wirbeln die Wellen sie fort – und die Gedanken wenden sich wieder den eignen Wegen zu. Es kann den Menschen trösten oder ihn trostlos machen, dass er lebend oder tot keine bleibende Furche durch das Meer des Lebens zieht.
Diese Blätter sind Ueberbleibsel eines Daseins welches vor der Zeit Schiffbruch litt; – vor der Zeit, was die Jahre betrift, die uns ja bis "siebzig oder achtzig" zugemessen – für die also Zustände denkbar sind, welche ihnen Genüsse und Befriedigung verschaffen. Allein viel zu spät für die schauerliche Erschöpfung in der diese Frau ihre Tage hinschleppte. Nichts auf der Welt machte ihr Freude, nichts entlockte ihr ein Lächeln oder eine Träne, nichts erwärmte ihr Herz oder beflügelte ihren Geist, nichts ruhte sie aus, nichts regte sie an. Sie stand neben ihrem unterminirten und ausgeödeten Leben wie der Genius des Todes jetzt neben ihrem grab stehen mag: unüberwindlich gleichgültig. Gleichgültig – das war sie! aber nicht bloss für Andere, sondern mehr noch für sich selbst. Es ist ja Alles gleich vorüber! – sprach sie mit ihrer tonlosen stimme und ihrem Marmorantlitz, und Körperleiden die Andere wahnwitzig machen würden, erpressten ihr keine Klage. Als sie im Sarge lag fiel mir dieser gleichgültige Ausdruck ganz unsäglich schmerzlich auf. Die Züge der toten pflegen fast immer mit Frieden und Milde gleichsam überstralt zu werden, so dass unschöne schön – entstellte und zerwühlte versöhnt erscheinen. Ein gewisser majestätischer Ausdruck von besiegten Leiden macht das Todtenantlitz zugleich rührend und glorreich. Sie hatte ihn nicht, denn sie hatte keine Leiden besiegt, die Leiden hatten sich nur von ihr zurückgezogen; und wo kein Sieg ist keine Verklärung.
Als ich die Blätter las in welche sie ihr Leben verzeichnet hat und welche ich auf ihren Wunsch nach ihrem tod empfing, war es mir als sähe ich einen einsamen Vogel auf einer kahlen Felsenklippe im Meer sitzen, der eine melancholische monotone Weise singt, die er der Brandung rings umher abgelauscht und der Unermesslichkeit die ihn umgiebt angepasst hat. Die Eindrücke ihrer ersten Jugend, die träumerischen, sehnsuchtsvollen, unbestimmten, grossartigen Bilder, welche am Meeresufer, in Buchen- und Eichenwäldern, in Herbstnebeln an ihr vorüber gezogen sind, haben ihrer Seele die entsprechende Färbung aufgedrückt, und ihre Phantasie über alles Mass hinaus entwickelt. Sie hatte sich so gewöhnt in ihren Träumen zu leben, dass die Wirklichkeit ihr überall nüchtern und blass erschien; und weil die Phantasie ihr den Genuss des Unerreichbaren bot, so liess sie das Erreichbare matt und traurig fallen, hielt es nur für Täuschung des Herzens oder Irrtum des Verstandes, und suchte und suchte – erst mit sehnsucht, dann mit Verzweiflung, dann mit Entmutigung – d a s u n b e k a n n t e G u t , das sie überall wahrzunehmen wähnte und nirgends fand.
Nun liegt sie still und kühl gebettet in ihrer Heimat auf einem Hügel dessen runde Kuppe einen Busch von Eichen trägt. Unausgesetzt tönt das Brausen der See herüber, eben so monoton in ihrer Bewegung wie die stille grüne Landschaft rings umher monoton in ihrer Ruhe sich ausbreitet. Inmitten der Eichengruppe deckt ein Würfel von Granit ihr Grab, und auf demselben stehen die drei Worte:
"S i b y l l a w a