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sich und nahm ihre Hand, sie streichelte ihm mit kindlichem Lächeln die Stirn, wie um ihn zu besänftigen. So sassen sie lange still neben einander. Es war, als ob die zärtliche Sorgfalt der Tochter ihm wirklich wohltue, ihn beruhige, aufheitre. Er nahm ihre Hand und sagte ziemlich mild zu ihr:

"Hör' einmal, Kind, Du bist ja oft unter das gemeine Volk gekommenich weiss es wohl, wie Du mitleidig hingelaufen bist in manches schmuzige Haus, wenn irgendwo Kinder und Alte krank lagenDu bist oft mitten hineingekommen unter das Gesindelund das legt seiner Rohheit keinen Zügel an, wenn auch die Tochter seines Herrn dabei istrede einmal gerade heraus: was sagt denn das Gesindel von mirund was sagst Du von ihm? – Glaubst Du, dass der Geheimrat Recht hat? Sage einmal Alles, wie Du's selber denkst!"

Pauline warf einen blick aufwärts, der ein Gebet um Kraft und Segen war. Die Stunde war jetzt plötzlich gekommen, die sie so oft ersehnt und die sie nie zu erleben geglaubt hattedie Stunde, wo ihr der Vater selbst ein freies Wort gestattete für die Unglücklichen, deren los sie täglich bejammerte, und aus welchen ihr Vater so leicht glückliche, vielleicht auch gute Menschen machen konnte.

"Mein Vater," begann sie und wünschte sich alle Beredtsamkeit der überzeugendsten Redner und wünschte, dass all' jene Hundert, für welche sie sprechen wollte, im Stillen mit ihr um Segen für ihre Worte beten mögten. "Mein Vater, die Leute sind gutund wenn Hunger, Frost, Krankheit, oder irgend eine Not sie unzufrieden macht, so murren sie gleich laut und machen sich mit Schimpfen und Fluchen Luftaber heimtückisch sind sie nicht und finstere Pläne spinnen sie nichtdazu sind sie viel zu unwissend und wie Kinder. Aber sie klagen und murren wohl, wenn ihnen von ihrem Lohn abgezogen wird und die Factoren sie schlecht behandeln, und wenn ihre Kinder bei der angestrengten Arbeit zu Krüppeln werden und erliegen. Die Not unter ihnen ist gross, mein Vater, und sie selbst sind daran unschuldigich habe es mit angesehen. – Ach, und Vater! Das Sprichwort könnte wohl einmal wahr werden: Not kennt kein Gebotdie Not der Armut lehrt nicht beten, die macht Verbrechen! Und wenn sie einmal etwas Verzweifeltes tun könntenwie der Geheimrat meintso tun sie es nur, weil sie vorher haben verzweifeln müssen. – Darum lass' sie nicht verzweifelnVater, wir sind reich genug und bleiden's auch, wenn Du die Arbeiter ein wenig besser bezahlst, auch wenn die Kinder nur den halben Tag arbeiten statt den ganzen; und wenn Du sie in eine Schule schickst, so werden brauchbare und gute Menschen aus ihnen, vor denen Du Dich dann niemals zu fürchten hast."

"Deine Vorschläge sind eben wie die eines Kindes –" sagte der Vater freundlich. – "Aber Du glaubst, dass der Geheimrat Unrecht hat?"

"Das hat er gewissaber es ist traurig, dass Du doch immer fürchten musst, diese Menschen könnten sich einmal an Dir rächen, Vater! Mein Herz hat dabei geblutetaber ich habe es hören müssen, dass sie Dich einenTyrannen nannten –"

"Mädchen!" Doch sie liess sich von der Mahnung nicht stören und fuhr heftiger fort. "Von Hunderten Trann genannt zu werden! Und es kostete Dich kein Opfer, sondern nur scheinbar wäre Deine Einnahme verringert, wenn Du durch Milde und Nachsichtder Wohltäter dieser Hunderte würdestwenn sie Dich dann ihren Vater nenntenwenn sie Dich liebten statt Dich zu fürchten."

Sie umschlang ihn innig, heftig. "Nun," sagte er, "ich sollte es einmal versuchen mit der Milde, um Dir zu beweisen, dass dieser Pöbel anders ist, als Du denkst."

"Versuch es und ich habe gesiegt!" rief sie frohbegeistert.

Er lächelte sie mild an.

Die tür ging auf und Georg trat ein und sagte: "Zwei Arbeiter haben so eben den Factor Eckert, weil er ihre unverschämte Forderung nicht erfüllt hat, im Finstern aufgelauert und ihn fürchterlich durchgeprügelt, dass er jetzt kein Glied rühren kann."

Der Fabrikherr erhob sich wütend und stiess Paulinen bei Seite: "Das sind Deine vortrefflichen Menschen, Närrin!" rief er höhnisch und heftig zugleich. – "Du wirst es wohl auch noch begreifen lernen. – Der Geheimrat hat Rechteinen Factor prügelndas sieht sehr nach communistischen grundsätzen aus, wo Alle gleich sind."

Pauline warf auf Georg einen blick voll schmerzlich bittrer Anklage und eilte hinaus.

Es war dieselbe späte Abendstunde, in welcher Franz, von Wilhelm wie von einem bösen Versucher aufgestachelt, auch in's Freie gelaufen war.

Pauline war kaum in höchster Aufregung ein Stück gegangen, als ihr Franz begegnete.

Sie wusste nicht, was sie tat, sie stürzte wie ausser sich auf ihn zu und rief: "Franz! Ich sehe Unheil über Sie kommen, über uns Alleaber Sie sind am Meisten bedroht. – Wie können Sie Sich retten?"

Er verstand sie nichtaber er hielt ihre Hand in der seinen; er sah ihr mit glühenden Blicken, wie er es noch nie gewagt hatte, in das bleiche, geängstete Angesicht.

So schnell als möglich erzählte sie ihm