Zeit der Mittagsruhe ist bei mir längst vorüber – aber ich bitte, kommen Sie zur Sache, unsereins hat selten viel Zeit, und ich liebe die unnötigen Worte nicht."
"Ich muss dennoch wiederholen, dass es mir leid tut, wenn ich gestört habe – man schob mich ohne Meldung in dies Zimmer, ich konnte nicht vermuten, sogleich in ein Wohnzimmer zu kommen – ich bin Geheimrat von Bordenbrücken und mein Wunsch ist einzig, Ihnen einen nachbarlichen Besuch zu machen."
"Ah, wenn es so ist, Sie sind sehr gütig, freue mich, das Vergnügen zu haben –" sagte der Wirt nun freundlicher und nötigte den Besucher neben sich auf das Sopha – "ich glaube, es sei Jemand, der mich in Geschäften zu sprechen wünsche."
Das nun endlich eingeleitete Gespräch schränkte sich eine Zeitlang um alltägliche und gleichgültige Dinge. Endlich fand der Geheimrat gelegenheit, die Unterhaltung auf den Aufstand der Eisenbahnarbeiter zu bringen.
"Ja, das Volk wird täglich unverschämter," sagte der Fabrikherr. "Wo es eine Eisenbahn zu bauen gibt, kommt auch gleich lauter Gesindel aus aller Herren Ländern herzugelaufen, verlaufene Müssiggänger, welche sonst nirgends Arbeit bekommen haben. Die Leute verdienen Viel bei leichter, gesunder Arbeit in freier Luft – da wird's ihnen zu wohl, sie werden übermütig, so ist es denn auch hier gekommen. Hätten sie schlechtern Lohn und wären sie abhängig und auf lange Zeit gebunden, so wäre es ihnen nicht eingefallen zu revoltiren, nur wo zu Viel gute Zeit ist, wird das Pack unverschämt im Fordern."
"Wie Recht haben Sie – es sind schlimme zeiten. Viel verschuldet an solchen gesellschaftlichen Uebeln die sogenannte Volksaufklärung, für welche eine gewisse Partei sich rastlos abmüht und der sogar die Regierungen viel zu wenig Hemmung in den Weg legen; dieses Streben nach Volksaufklärung ist recht eigentlich der furchtbare Krebsschaden der Gegenwart, durch den noch Viel edle Säfte zu grund gehen werden – das fehlte noch! Auch den Pöbel aufzuklären –"
"Wirklich gelingen wird dies niemals, da ist Nichts zu fürchten."
"Aber müssen nicht Erreignisse wie das letzte ängstlich machen? Es zeigt, wie der Pöbel freilich nicht leicht aufgeklärt, aber desto leichter aufgeregt ist – und dass es nicht an einzelnen Subjekten fehlt, welche ihn aufregen. Glauben Sie nicht, dass es solche Leute gibt, welche, wie es Tatsache ist, dass sie unter die Eisenbahnarbeiter sich gemischt, auch unter die Fabrikarbeiter sich mischen, und die verderblichsten Lehren verbreiten?"
"Ich verstehe Sie nicht ganz – m e i n e Arbeiter weiss ich im Zaum zu halten, das können Sie versichert sein."
"Ich meine, dass der Communismus –"
Herr Felchner unterbrach diese Meinung mit einem lauten hönhischen Gelächter und rieb sich vergnügt die hände. "Nein, mein Herr, vor einer Sache, die bloss auf dem Papiere steht, erschrecke ich nicht. Ich habe auch einmal Etwas über diesen romantischen Unsinn gelesen und die ganze Sache als ein höchst albernes Mährchen erkannt."
"Wenn auch die Verwirklichung des Communismus noch ein Mährchen ist und so Gott will, immer bleiben wird, die Communisten selbst sind leider keine Mährchenfiguren."
"Ich mögte wohl einmal ein solches Exemplar sehen, ein Exemplar von einem leibhaftigen Communisten comme il faût."
"Nun, vielleicht haben Sie nicht weit danach zu süchen, vielleicht finden Sie deren Einige unter Ihren eignen Arbeitern."
"Sie sind, wie Sie vorhin sagten, erst seit ein paar Wochen in unserer Nachbarschaft und wollen mich meine Arbeitsleute kennen lernen, in deren Mitte ich wohne, welche ich meist habe aufwachsen sehen, mit denen ich täglich seit vielen Jahren in Berührung komme und von denen ich weiss, was für Menschen es sind – und Sie wollen sie mich erst kennen lehren – das ist sehr komisch!"
"Um manche Dinge im rechten Licht zu sehen, ist oft ein entfernter Standpunkt nötig."
"Und was für Dinge gehen denn in meiner Fabrik vor? Ich bin auf Ihre Mitteilungen in der Tat sehr gespannt, klären Sie mich auf."
"Nennt sich nicht Einer unter Ihren Arbeitern Franz Talheim?"
"Einer meiner geschicktesten und fleissigsten Arbeiter, ein ordentlicher Mensch wie Wenige."
"Sie wissen, dass er schreibt?"
"Mein Gott, ja! Er ist von besserm Herkommen, als die andern Arbeiter, und hat eine gute Erziehung gehabt – darauf bildet er sich nun Viel ein, und während die Andern dumme Streiche machen, sitzt er allein zu haus, schreibt und dünkt sich vielleicht ein grosser Dichter zu sein. Das lässt mich sehr gleichgültig und geht mich Nichts an, denn er ist immer der Erste und Letzte bei der Arbeit – was er ausserdem treibt ist seine Sache."
"Was er aber schreibt, regt die Arbeiter auf."
"Davon habe ich noch Nichts bemerkt – auch können die meisten meiner Arbeiter gar nicht lesen. Und mag er ihnen seine Geschichten vorlesen – die regen sie nicht auf, denn sie handeln unter Fabrikarbeitern, und wie es da zugeht, wissen sie ja alleine – auch wird ihnen eine solche Lectüre über so Alltägliches nicht im Geringsten zusagen."
"Es kommen aber doch Stellen darin vor –"
"Nun, Sie haben ihm wohl gar die Ehre angetan, das Ding selbst zu lesen? Beruhigen Sie Sich, mein Herr, ich kenne diesen Pöbel – Bücher regen ihn nicht auf,