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Bordenbrücken einmal mit tiefster Indignation geäussert hatte, dass er der einzige Geheimrat in der Residenz sei, welcher keinen Orden habe, was Schuhmacher zu der Bemerkung Anlass gab, dass dies gerade so ein Gefühl sein müsse, wie wenn man in einer Gesellschaft geschwänzter Affen der einzige sei, welcher keinen Schwanz besitze, oder was dasselbe sei, unter lauter Herren, welchen der Zopf hinten hängt, kurz geschorenes Hauptaar habe.

Der Geheimrat hatte vorzüglich zwei Aufträge zu besorgen, zwei Pflichten zu erfüllen: Sich in Szarinys Nähe zu drängen, ihn wo möglich zum Hausfreund und Anbeter seiner Gemahlin zu machen und dadurch gelegentlich auszuhorchen, und dann bei dem Fabrikherrn Felchner selbst sich Eingang zu verschaffen, ihm einige Warnungen zukommen zu lassen und sich durch ihn selbst über den Stand der Dinge in der Fabrik unterrichten zu lassen und von seinem Standpunkt aus sich darin zu orientiren

Während dem war Schuhmacher auf einige Tage an den Ort gereist, wo die Eisenbahnarbeiter wieder friedlich und geduldig wie vorher um denselben Lohn arbeiteten und wo man drei der sogenannten Rädelsführer vor der Hand durch Einsperren unschädlich gemacht hatte. Um diese drei war es Schuhmacher vorzüglich zu tun. Einer seiner Freunde und geheimen Bundesgenossen in solchen Sachen, wo auch die Regierung selbst die geheimen Bundesgenossen, die in Nacht und Dunkel für ihre Wohlfahrt wachen, nicht verschmäht, hatte ihm geschrieben, dass aus dem sitzenden Kleeblatt auch nicht das Mindeste heraus zu bekommen sei, als was alle Welt schon wisse, und dass der Grund hierzu sonst in Nichts Anderm zu suchen sei, als dass die drei wirklich nicht schuldiger als die Anderen wären, und dass sie also gar Nichts auszusagen hätten. Dieser Brief seiner Creatur mit dieser Bemerkung kam nun Herrn Schuhmacher äusserst bedenklich und gefährlich vor, denn seine Marime war stets die, da, wo aus Mangel an Tatbeständen und Stoff überhaupt sich Nichts feststellen liess, durch ein geschicktes Verhör so Viel als möglich herauszuklügeln und dann doch noch bogenlange Protocolle zu erhalten, wo man erst ganz hatte an allen Aussagen verzweifeln wollen. Um über diese edle Kunst seinem Vertrauten einige sachgemässe Winke zu geben, reiste er selbst zu demselben.

Die zwei von Vordenbrücken übernommenen Aufträge gewissenhaft zu erfüllen, war nicht so leicht, als es auf den ersten Augenblick den Schein haben konnte, denn Jaremir schien ihm wenig geneigt zu sein und hatte wenigstens seitdem die schmachtenden Blicke seiner Frau ganz unbemerkt gelassen. Gleich an demselben Tag, wo dem Geheimrat der neue Auftrag zugekommen, hatte er erfahren, dass Jaromir nach Schloss Hohental geritten sei, und dies bestimmte ihn, sogleich dort mit seiner Gemahlin auch einen Besuch zu machen.

Wenn nun auch an diesem Tage weder er, noch seine Frau Fortschritte in der Gunst des Grafen machten, vielmehr Beide wie gewöhnlich von ihm ziemlich so gut wie ganz ignorirt blieben, so brachte der Geheimrat doch heraus, dass Jaromir und Elisabet sich der Eisenbahnarbeiter angenommen und überhaupt zu Gunsten der armen Leute und der arbeitenden Classen gesprochen hatten und namentlich über die Nachricht von der Requirirung des Militairs sehr aufgebracht gewesen wären. Als fabelhaftes Curiosum teilte Aarens dem Geheimrat diese wahre Nachricht mit.

Ein paar Tage später machte er eine Spazierfahrt nach der Fabrik und fragte nach Herrn Felchner.

Herr Felchner war nicht ganz wohl und lag in der Wohnstube auf dem Sopha. Pauline sass am Fenster mit einer mühsamen Arbeit im Stickrahmen beschäftigt. Ein Kätzchen schnurrte zu ihren Füssen und spielte mit dem kleinen Schlüsselbund, das von Paulinens Gürtel herabhing.

Der Geheimrat ward von einer Magd draussen sofort und ohne weitere Meldung hereingeschoben. Er stand darüber etwas verdutzt an der tür und machte sein Compliment, indem er, sein Wort an Paulinen richtend, welche aufgestanden und ihm mit einer leichten Verbeugung entgegengekommen war sagte:

"Ich habe wohl die Ehre, mit fräulein Felchner zu sprechen? Habe ich das Vergnügen, Ihren Herrn Vater daheim zu treffen, so mögte ich Sie bitten – –"

Herrn Felchners Anzug bestand nämlich in seinem alten grauen Rocke, seinen niedergetretenen und zerriss'nen gestickten Schuhen, über welche graue Sokken herabhingen, um den Hals ein strickartig zusammengedrehtes weisses Tuch, ohne Vorhemdchen und Weste; und so hatte er sich jetzt nur halb vom Sopha erhoben und den Eintretenden mit seinen kleinen blitzenden Augen angeschielt, dessen Gruss nur mit einem leichten Kopfnicken erwidernd.

Jetzt aber stand der Genannte auf, schlug die arme à la Napoleon ineinander und tat einige Schritte nach dem Geheimrat zu, warf ihm aus seinen grauen Augen einen durchbohrenden blick voll Stolz und Ironie zugleich zu und sagte seine Rede unterbrechend: "Mein Herr, was beliebt?"

"Mein Vater ist selbst hier!" sagte gleichzeitig Pauline als Antwort auf den Herzutretenden zeigend.

Der Geheimrat suchte sich schnell von seinem Staunen zu fassen, dass dieser kleine dürre Mann in diesem schmuzigen Anzug hier der Hausherr sei, der Besitzer der Fabrik, der Besitzer von Millionen! Der Erstaunte sagte mit höflichem Kratzfuss: "Es sollte mir leid tun, wenn ich vielleicht in der Mittagsruhe gestört –"

Der Fabrikherr war Menschenkenner genug, um zu bemerken, dass ein adeliger, ein sogenannter vornehmer Herr vor ihm stand, aber es war immer seine grösste Lust, wenn er einen von diesen Leuten demütigen konnte, und dass dieser jetzt sein Herrn Felchner's unhöfliches Liegenbleiben auf dem Sopha zu seinem Gunsten mit der Mittagsruhe entschuldigen wollte, fiel ihm der Fabrikherr beinah ärgerlich in die zierlich wohlgesetzten Worte, indem er hastig sagte:

"Ich bitte, mein Herr, keine Umstände, ich habe nicht geschlafen, die