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das Beste gewollt und gestrebt, der allgemeinen Net entgegen zu arbeiten, und habennie Etwas für uns gewollt, oft unsere letzten Groschen hingegeben. Für einander haben wir noch manches Härtere ertragen, aber mehr noch, als dass wir selbst Eines für das Andere zu Aufopferungen fähig waren, freute und stärkte es uns, dass wir in Allem gleich dachten, dass wir miteinander all' diese Tausend Dinge besprechen konnten, welche für unsere Kameraden ein fremdes Gebiet sindund dass dann Keiner von uns einen Gedanken oder ein Gefühl aussprechen, das nicht der Andere schon gehabt hatte, oder dann wenigstens sogleich erfassen und teilen konnteund wie anders ist das jetzt geworden! Es ist, als ob wir einander gar nicht mehr verständenund obwohl wir noch allabendlich uns zusammenfinden, mit einander plaudern, so will's niemals mehr werden wie sonstund obwohl Du mich gerade immer aufsuchst, begegnet mir doch Keiner der Kameraden so hart wie Du."

"Weil eben Keiner wie ich so auf Dich gebaut und vertraut hatund sich nun so von Dir hintergangen sieht!"

"Hintergangen? Doch ich begreife, wie Du das meinstweil ich nicht Deinem unsinnigen Verlangen nachgegeben habe und unsere Genossen aufgehetzt, wie es einzelne Ausländer unter den Eisenbahnarbeitern gemacht haben."

"Nicht allein deshalb habe ich mich in Dir getäuscht, sondern weil Du auf einmal nicht einsehen willst, was allein vernünftig istDu, von dem ich immer besser dachte, als von mir selbst, den ich für verständiger hielt als mich und all' die Andern –"

"Ach, so tu' dies nur auch das eine Mal, misstraue Dir und Deiner unzufriedenen Heftigkeit, die Alles verderben wirdtraue nur dies Mal meiner ruhigen überlegungich habe das sonst nie von Dir gefordert, jetzt fordre ich's – Dich verblendet leidenschaftDu hast Dich irre führen lassen."

"Nein! Ich habe nur zum ersten Mal begriffen, wie lange ich irre geleitet gewesen bin, wie wir Alle es sind, wie die ganze Gesellschaft es istjener Brief hat mir die Augen geöffnet. Du hast es nicht hindern können, ich habe mir daraus wenigstens eine Stelle abgeschrieben, und sie Einigen mitgeteilt."

"Wilhelmum Gottes Willen, welche?"

"Diese –" sagte Wilhelm und zog ein beschmuztes Blatt Papier hervor, auf welchem stand:

"Wir wollen nicht mehr länger geduldig unser elendes Leben fristenwir haben Alle gleiche Rechte, gleiche Ansprüche auf gleiche Genüsse. Unsere Bitten rühren nicht die versteinerten Herzen der Reichen, freiwillig geben sie kein Teilchen ihres Besitzes ab. Es wird Zeit, dass wir ihnen nehmen, was sie uns nicht geben wollen. Wir haben ja Nichts zu verlieren, wir können schon einmal Etwas wagen. Ja wir können Alles wagenes ist unsre Pflicht. Die Reichen mögen sich in Acht nehmen, wir werden sie aus ihrer behaglichen Ruhe aufschrecken. Wir haben Nichts mehr zu verlieren, denn wir haben schon Alles verloren durch ihre Erpressungen, ihre Betrügereien, ihren Privaterwerb, ihr Erbrecht. Sie haben zu verlieren, was sie uns entzogenund das müssen sie verlieren. Man will uns sagen: das Bestehende dürfe nicht umgestürzt werden! – Aber wodurch ist das Bestehende gut und unverletzlich gemacht? Es ist schlecht, soll man das Schlechte beibehalten? Aendere hiesse die Ordnung stören, sagt man. Aber der jetzige Zustand ist kein geordneter, er ist eine Unordnung, da dem Einen mehr Recht gegeben ist, als dem Andern. Wäre es Ordnung, wenn Millionen hungern und mit der Armut kämpfen, während einige Tausend Reichtümer aufhäufen und mehr haben als zu einem glücklichen Leben notwendig? – Die Not wird grösser und grösseres handelt sich um Sein und Nichtsein des grössten Teils der Menschheitwir müssen siegen oder sterben! – Nicht ewig wollen wir die Diener der Reichen sein, wir haben gerechte Ansprüche an das Leben und das Leben soll uns unsern Anteil nicht länger verweigern!"

Wilhelm hatte das laut gelesen und sagte jetzt: "Und bist Du noch nicht überzeugt? Mein Wahlspruch ist: Wir müssen siegen oder sterben! Aber bisher hat unsere Loosung wie ein hässlicher Reim darauf gelautet: Wir müssen kriechen und verderben! Denkst Du noch immer so?"

"Es sind schlimme zeiten jetzt und grausame gesetz herrschen! Ich habe das offen vor aller Welt gesagt, eh' Ihr Andern noch daran dachtetaber es werden einst bessere zeiten kommen und auch die Armen werden ihre Menschenrechte findenaber nicht dadurch, dass sie dieselben verletzen und sich auch noch des letzten Scheines davon, welchen man ihnen gelassen hat, sich freiwillig entledigen. Ich weiss, dass meine Bücher allein mit ihren Bitten und ihren Anklagen Nichts ändern könnenaber sie helfen dazu beitragen, dass man unsere Sache prüfen lernt, dass hochherzigen Menschen, welche bis jetzt mit edler Begeistrung ihre Pflichten ein Volk zu vertreten, oder für die Freiheit und den Fortschritt in geistreichen Schriften zu kämpfenzu genügen glaubten, wenn sie die Sache der B ü r g e r führtendass diesen die Augen aufgehen werden, dass es noch u n t e r der klasse der Bürger eine noch tiefer gestellte gibt, welche auch einen grossen teil des Volkes ausmacht, und die sie bisher übersehen konnten, – dann werden sie auch unsre Sache führen und so wird es auf dem Wege friedlicher Fortentwicklung auch für uns besser werden."