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? Bist Du rasend?" "Mögt' es bald fein, Franz, rasend vor Wutseit Du nicht mehr der ehrliche Kerl bist wie sonst, der Leib und Leben gelassen hätte für die Kameraden, ängstlich geworden."

"Wilhelm! Nimm Dich in Acht! Das dürfte mir ausser Dir Keiner sagen! Und rede vernünftig, ich weiss nicht, wo Du hinaus willst mit Deinen Beschuldigungen.

Nun schauDu sagst, gleich am ersten Abend, wie es geschehen, sei der Adam aus Hohenheim zu Dir gekommen und habe Dir gesagt, dass die Eisenbahnarbeiter jetzt Feiertag machten."

"Ja, das ist wahr."

"Warum hast Du das uns nicht gleich gesagt; hätten wir es gewusst, so hätten wir gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen könnenwir hätten den Tag auch gefeiert."

"Dass Ihr rasend genug gewesen wäretund die Soldaten hätten uns dann mit dem Bajonnette zur Arbeit gehetzt, wie sie es an der Eisenbahn gemacht haben. Dort arbeiten sie nun wieder gerade wie vorher, für dasselbe Geld, nur dass sie ein paar Tage Lohn eingebüsst haben, wo sie Nichts machten. Traurig freilich, dass es so ist, dass nicht einmal der sogenannte freie Arbeiter seine Arbeit verwerten kann wie er will, und dass man aus dem, was sonst jeder Handwerker, jeder Kaufmann darf: seine Arbeit, seine Mühe bezahlt zu nehmen wie er will, den um Tagelohn arbeitenden Armen ein Verbrechen macht. Aber es ist ein Mal so! – Das haben auch die Eisenbahnarbeiter vorher wissen könnenund unter ihren Verhältnissen ist, was sie taten auch wirklich Unrecht, denn es ist ein Wortbruch, da sie sich vorher anheischig gemacht hatten, um den ihnen einmal bewilligten Lohn zu arbeitensahen sie, dass sie es so nicht länger aushalten konnten, so hätten sie wenigstens einen gesetzlichen Termin abwarten sollen, wo sie die Arbeit in Ruh und Friede kündigen konnten."

"Aber das würde ihnen auch Nichts geholfen habenim besten Falle hätten sie dann doch nur die Wahl gehabt: entweder für den kargen Lohn fortzuarbeiten, oder plötzlich arbeitsloszu verhungern."

"Nun freilich schlimm genug, dass es so istaber wie kommst Du dazu, mir Vorwürfe zu machen?"

"Wenn wir gewusst hätten, dass unsere entfernten Kameraden sich erhoben, so würden wir ihnen gefolgt sein und gemeinschaftliche Sache mit ihnen gemacht haben. Dann wären wir ihrer gleich mehrere Hunderte gewesen und die paar Soldaten hätten Nichts vermogt."

"Nun, und was wäre denn dabei noch herausgekommen, da Du erst selbst sagst, dass wir auf diesem Wege nicht zu unsrem Rechte kämen?"

"Auf diesem Wege freilich! – Aber was haben wir denn zu verlieren, warum sollten wir nicht einmal Alles wagen? warum nicht wider die Reichen zu feld ziehensie mögten dann sehen, ob denn wirklich in ihrem Gold ein allmächtiger Gott wohne, dass wir gar Nichts gegen sie ausrichten könnten!"

"Bruder, Bruderlass' diese frevelhaften Reden!"

"Ei ja dochfrevelhaft! Und was sind denn die Handlungen der Reichen? Nenne mir doch einen Frevel, den nicht sie an uns verübt haben? Wir sind schon im Mutterleibe verflucht und von der Berechtigung als Menschen zu leben ausgeschlossenund so geht es fort, Fluch an Fluch und Frevel an Frevel über uns, an uns, durch unser ganzes elendes Leben, und so geht es wieder fort auf unsere Kinder und Kindeskinder. – Aber nein! So soll es nicht länger fort gehen seit dem Tage, wo mir jener Brief an Dich die Augen mit Eins geöffnet!"

"Ach, jener Brief, wär' er nimmer gekommen!"

"Nein, das war ein Glückstag, wo er kam, den hab' ich als meinen Feiertag rot angestrichen im Kalender."

"Wilhelmmeinst Du, ich habe nicht Alles das, was Du vorhin aussprachst, in meinen bösen Stunden auch gedacht, Tausend Mal mir gesagt, mir wiederholt, immer wieder und wieder? Denkst Du nicht, ich habe oft Stunden lang in das unselige Papier gestarrt, es weggeworfen, wieder hergeholt, immer noch ein Mal durchgelesenund dann mit mir gerungen und gekämpft Tag und Nacht? Auf meine Kniee bin ich gestürzt und das Vaterunser, wie mich's allabendlich die Mutter beten lehrte, da ich ein Knabe war, ist mir wieder durch die Seele gezogen, und auf die Lippen trat immer das einzige Gebet: führ' uns nicht in Versuchung!"

"Ja wenn Du immer noch denken willst: beten hilft!"

"Mir half's – ich habe überwunden, ich brauchte nachher nicht mehr zu beten, ich hatte endlich die Kraft, dass ich sagen konnte: Hebe Dich von mir, Versucher! Und da ward ich sein los."

"Dass Du ein Feigling bist, mag ich nicht glaubenso bist Du ein Schwärmer, und mit solchen Leuten fängt man Nichts an."

"Sieh einmal, Wilhelm!" sagte Franz mit milder treuherziger stimme und Tränen traten dabei in seine Augen und mit seiner einen Hand ergriff er die Wilhelms, mit der andern klopft' er ihm freundlich auf die Schultern: "Sieh einmal, Wilhelm, wir waren einander die besten Freunde, waren uns Herzensbrüder! Wir hatten immer einerlei Meinung und haben zusammen manche gute Einrichtung zu stand gebracht unter unsern Kameraden, wir haben