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eine süsse Beklemmung überfiel sieaber mit jungfräulicher Schüchternheit suchte sie seinem geständnis auszuweichen, es noch zu verhindern, und sagte sanft aber ein Wenig zitternd: "Sie sagten mir, wie Sie zum Verständniss der Armut gekommen, und ich bin Ihnen das Gleiche noch schuldig. Ich hatte im Institut, wo ich erzogen ward, einen Lehrer, den ich auf's Innigste verehre. Durch lange Krankheit seiner Gattin und ich weiss nicht, durch welches Missgeschick noch, lebte er in der tiefsten Armut, die er Jedermann verbarg. Aber ich habe erfahren, wie schrecklich auch dieser hohe Mensch darunter gelittenund er lehrte uns Mitleid haben mit dem Elend und der Not der Niedriggeborenen; und als er zum letzten Mal von uns Abschied nahm von mir und von meiner guten Pauline, welche Sie gestern kennen lernten, so mussten wir ihm versprechen, auch in den Armen und Unwissenden den Menschen zu ehren und ein liebendes Schwesterherz ihnen zu bewahren. Pauline hat den grössten Wirkungskreis dies zu beweisen und sie tut's, und durch sie hab' ich hier die Not der ärmsten Classen gesehen, vielleicht in ihrer schlimmsten Gestalt."

Er hörte ihr zu, ganz in ihrem Anblick versunken, er zog ihre Hand an seine Lippen und blieb so darauf ruhen. Dann sagte er: "So hat vielleicht nur dies Unglück, das Sie gesehen, düstere Schatten auf ihr Jugendleben geworfen, so sind Sie vielleicht nur unglücklich gewesen für Andere, und nicht, weil Sie selbst ein Leiden traf? Elisabet! Dies Selbstvergessendiese Engelmilde – –"

Sie unterbrach ihn: "Denken Sie nicht zu schön von mir!" sagte sie. "An jenem Tage, in jener Morgenfrühe, als Sie mich allein und weinend fanden, hatte ein egoistischer Schmerz mich niedergeworfenich hatte den letzten Abschiedvielleicht für's ganze Leben von meinem verehrten Lehrer genommen. Jetzt hab' ich in das Unvermeidliche mich fügen lernen, aber dass ich ihn entbehre, hat mich noch manche Träne gekostet."

"Elisabet! Wenn Sie den Freund verloren, der ihr Lehrer warwerden Sie den andern Freund verstossenden andern Freund, Elisabetder Sie liebt?"

Sie neigte sich zu ihm heraber erhob sich von seinem Sitz zu ihr hinauf. – "Jaromir!" flüsterte sie leise und hing zitternd in seinen Armen.

Nach ein paar Minuten selig stummer Berauschung des Einen im Anschauen des Andern, wo bei dem innigen Anschmiegen ihre Augen einander wiederspiegelnd eine ganze wunderreiche Traumwelt öffneten, schreckten sie ein paar Vögel, die ein liebejauchzendes Brautlied sangen, aus süssem Selbstvergessen auf.

"Wir müssen in das Schloss!" sagte sie, entwand sich seinen Armen und liess nur ihre kleine Hand in der seinigen, an der sie ihn aus der Rotunde zog.

"Und wenn ich jetzt gehorchedarf ich morgen diese Stätte wieder betretenwenn wir allein sind?" fragte er.

"Ich ruhe dort alle Nachmittage aus –" sagte sie schüchtern.

"So sind wir morgen dort wieder vereinigt!" gelobt' er.

Als sie jetzt wieder zur Gesellschaft, die bereits im schloss angelangt war, zurück kamen, war bei dieser das Gespräch über die Eisenbahnarbeiter wieder im grössten Schwunge. Der Rittmeister hatte es jetzt glücklich in eine neue Phase gebracht, indem er, ein trauriger Beweis der täglich herabkommenden Aristokratie, diesen traurigen Umstand dem Ausschwung der Industrie zuschrieb. Er konnte es niemals Herrn Felchner vergeben, dass er seinen Wald in Besitz genommen und für Pauline die Hand seines Sohnes Karl ausgeschlagen habe. Er schimpfte also jetzt auf die Tyrannei aller Fabrikherren und nahm ihnen gegenüber die arbeitenden Classen in Schutz. Am Ende vereinigte man sich gar dahin, über die Ablösung zu klagen, die Abschaffung der ganzen Frohndienste als ein Werk zur Entsittlichung darzustellen, es schrecklich zu finden, dass auch der gemeine Mann auf dem dorf jetzt lesen und schreiben könne und diese für seinen Beruf ganz unnützen Dinge auch so unnütz anwende, dass er z.B. Zeitungen lese und dass nur aus dieser Ueberbildung alles Unheil komme. Denn die Eisenbahnarbeiter würden sich jetzt nicht erhoben haben, wenn die Presse sie nicht aufgereizt, dass aber die grösste Ungerechtigkeit doch die sei, dass jetzt gemeine Bürgerliche, Industrielle die Herren der Welt wären, und dass gegen diese, weil sie eben nicht viel besser als sie selbst, der niedere Pöbel sich zu empören wage, während er vor einem adligen Wappenschild immer noch Respect gehabt.

Man war so in das Gespräch vertieft, dass nur Aarens die Verspätung des Paares bemerkt hatte, aber doch ihren wirklichen Grund noch nicht ahnte.

X. Versuchungen

"Auch Dich beschimpfte man als Knecht

So oft die Stirn Du wolltest heben.

Doch bist Du Mensch und hast ein Recht

Auf Deinen Anteil Lenz und Leben!"

Alfred Meissner.

Einige Tage später, als man eben Feierabend in der Fabrik des Herrn Felchner geläutet hatte, gingen Wilhelm und Franz miteinander von der Arbeit nach haus. "Franz, weisst Du es schon?" "Ich weiss Alles!" "Und wusstest es wirklich schon voraus, wie Du vorhin sagtest?" "Wusst' es!" "Und warum hast Du es verschwiegen?" "Das ist einfachdamit nicht auch wir mit in's Unheil kämen." "Nein, so ist es nichtDu hast sie in das Unheil gebrachtDu bist an Allem Schuld!" "Ich