verhaftet wären, die inländischen Arbeiter aufgehetzt, die hoffentlich selbst einsehen würden, wie sehr sie im Unrechte wären. Im Ganzen sei die Sache höchst unbedeutend, kaum der Rede wert, man habe nur unnützen Lärm gemacht, die Leute wären dort gar nicht unzufrieden, wie er selbst von den Besserdenkenden gehört. – Alles sei auch mit daher entstanden, dass man in den Zeitungen lauter Lügen verbreite, wie man in Frankreich und England höhern Lohn erzwinge, dass die Deutschen Arbeiter es auch so haben könnten, dass sie selbst schuld wären, wenn man sie schlecht bezahle – so sei die freche Tagespresse mit ihrem Geschrei an Allem Schuld u.s.w.
Der Geheimrat spielte das Berichtigungsbüreau in eigner person ganz comme il faut, auch, dass er sich in einem Atem viel Mal widersprach, passte vollkommen zu dieser Rolle.
Die so vergrösserte Gesellschaft blieb auf der Gräfin Aufforderung bis zum Abend im Schloss vereinigt.
Der Abend dämmerte für die Jahreszeit früh, trübe und kühl herein, und man beschloss, sich zum Souper in das Schloss selbst zu begeben. Durch den Park hatte man bis dahin ein ziemliches Stück weges zurückzulegen.
Elisabet neben Jaromir war ein Wenig zurückgeblieben von den Andern. Sie lenkte jetzt in eine Seitenpromenade ein, welche von den Uebrigen nicht betreten wurde, und sagte zu ihm: "Wenn wir einen Umweg von zehn Schritten machen, kann ich Ihnen meinen Lieblingsplatz zeigen, zu dem ich immer gehe, wenn ich mit der natur allein sein will, um zu lesen oder zu träumen."
"Wie dank' ich Ihnen, wenn Sie mich zu dieser geweihten Stelle führen!" sagte er. "Und jetzt, wo Niemand da ist, um uns zu widerlegen, Niemand von all' Denen, welche es noch nicht begreifen können oder nicht begreifen wollen, dass man ein warmes Herz hat für alle Menschen, und für die Unglücklichsten das wärmste, jetzt kann ich Ihnen sagen, wie laut mein Inneres jubelte, als ich Ihre Worte hörte – die mir bezeugten, dass Sie anders dachten, wie – nun wie man sonst denkt, wenn man in einem schloss unter den Augen ehrwürdig-stolzer Ahnenbilder erzogen!"
"Und haben Sie nicht ein gleiches los und denken doch auch wie ich?" sagte sie.
"O, doch nicht gleich! Doch muss ich verwundert fragen, woher Sie die Armut und ihr Unglück und ihre Versuchungen kennen gelernt haben? Ich kenne sie – denn mir waren sie alle Genossen!"
"Ihnen? Ihrer Phantasie – Ihren Dichterwerken."
"Warum sollt ich mich schämen, Ihnen die geschichte meiner Armut zu erzählen? Meine Mutter hatte aus Polen flüchten müssen, glaubte sich dadurch ihrer Güter verlustig. Ein Verwandter, Graf Golzenau nahm mich, den Knaben, auf und liess meine Erziehung vollenden. Wie ich zum Jüngling geworden, konnte' ich es nicht mehr ertragen, von Anderer Güte zu leben, da ich sah, wie Tausende neben mir sich auch ohne Vermögen und fremde Unterstützung durch's Leben schlagen mussten – ich nahm Nichts mehr an von meinem Verwandten – und so lebt' ich in Armut und Dürftigkeit während meiner schönsten Jugendjahre – und daher kenn' ich die Armut und ihr Unglück und ihre Kämpfe und ja – auch ihre Versuchungen."
Er konnte niemals dieser Zeit denken, ohne bis in seine innersten Tiefen erschüttert zu werden; so hielt er auch jetzt inne, als sie im Gehen in eine kleine Rotunde gekommen waren, und lehnte sich auf eine kleine weisse Marmorsäule, mit der einen Hand seine Augen bergend, mit der andern nach der Elisabets fassend. Sie gab sie ihm willig, drückte die seine innig und trat näher zu ihm.
Die Rotunde, in welcher sie standen, war von hohen Eichen gebildet, die dicht nebeneinander standen, daran eine Hecke weisser und roter Rosen. Wilder Wein rankte an den Eichenstämmen empor und zog seine grünen Guirlanden von einem zum andern, sie so mit einander verbindend. Wie ein kleiner Tron vor der Rosenhecke unter diesem grünen Tronhimmel von Eichenlaub und flatternden Ranken erhob sich ein schwellender Moossitz, zu dem zwei Stufen führten, ebenfalls mit sammetnen Moos wie mit einem grünen Teppich überkleidet. Zwei kleine weisse Marmorsäulen erhoben sich daneben, auf der einen stand mit goldenen Buchstaben eingegraben: "Träume!" auf der andern: "Ruhe!"
An einer dieser Säulen lehnte jetzt Jaromir.
"Das ist mein Heiligtum, in das ich Sie führen wollte!" sagte Elisabet.
Er warf erst jetzt einen blick auf seine Umgebung und rief davon bezaubert aus: "Ja, das ist eine heilige Friedensstelle!" Und indem er Elisabet zu der Moosbank führte, sagte er lächelnd: "Nehmen Sie Ihren Tron ein, Königin!"
Sie wollte nicht die Stufen hinauf und sagte: "Zu längerem Weilen haben wir keine Zeit – die Andern –"
"Und wozu diese Andern?" fiel er ihr in's Wort. "Wir haben bei ihnen schon schöne Stunden verloren – warum ihnen unausgesetzte Opfer bringen? Wenigstens für einige Momente können wir uns ihnen entziehen!" und er drängte mit sanfter Gewalt Elisabet auf den Sitz und warf sich selbst auf die oberste Stufe, so dass er zu ihren Füssen sass.
"Elisabet!" flüsterte er, und ihre Hand immer noch in der seinen haltend, sah er mit einem unbeschreiblichen Liebesblick zu ihr auf.
Sie las in diesem blick, was er ihr zu sagen hatte,