nahm jetzt das Bild aus der zitternden Hand des jungen Mannes und sagte: "So habe also ich das Vergnügen, Deutsche Landsleute hier zu finden und diesen dankbar verpflichtet zu werden? Darf ich vielleicht um den Namen des Freundes des Grafen Szariny bitten – dem ich so viel verdanke?"
"Eduin von Golzenau!" sagte dieser schüchtern und stand da wie trunken, verloren in Bella's Anblick.
Draussen aber fuhr ein Wagen vor – es war der Bella's, der Franzose ergriff ihren Arm, um sie an diesen zu führen. Sie zog eine Karte aus einer Brieftasche, gab sie Eduin und sagte: "Ich darf jetzt nicht länger säumen, sonst verfehl ich die Eilpost, mit welcher ich weiter reisen muss Vielleicht wird mir ein ander Mal gelegenheit, Ihnen besser danken zu können."
Sie stieg in den Wagen und fuhr davon.
Eduin war stumm geblieben – jetzt warf er sich ungestüm an Talheims Brust und weinte laut.
IX. Gesellschaft auf Schloss Hohental
"O heilge Stunde, wo in Gottes Strahl
Zwei Menschenherzen ineinander schauen."
Betty Paoli.
Bei dem letzten Besuch des Kammerjunkers von Aarens auf Schloss Hohental hatte ihn die Gräfin, da er auch ihren Mann so wenig als Elisabet getroffen, für den andern Tag zum Mittag geladen.
Wie an jenem Tag Elisabet zurückgekommen, hatte ihre Mutter ihr noch ein Mal die ernstlichsten Vorstellungen gemacht, wie unpassend ihr Umgang mit dem Mädchen eines Mannes sei, welcher ein Feind ihres Hauses wäre, weil sie diesen Umgang selbst verwerfe, indem seine Tochter nicht mehr das Schloss besuchen dürfe, mit einem Mädchen, dem die ganze Umgegend gemeine und unpassende Handlungsweisen vorwerfe und es dadurch in den übelsten Ruf bringe.
Weiter hatte Elisabet die Mutter nicht sprechen lassen, sie hatte Aufschluss und Rechenschaft verlangt, wer sie über Pauline so ganz umgestimmt, und endlich – da wenigstens früher die letzten Ansichten die Gräfin nicht hatte äussern können, da sie gewusst, dass Aarens dagewesen – diesen erraten. Dadurch heftigen Unwillen.
Sie beteuerte ihrer Mutter, dass sie Paulinen nur um so mehr liebe, als fade Gecken sie zu verkleinern strebten. Zuletzt fügte sie bei, dass sie Graf Szariny in der Fabrik getroffen.
Als Aarens kam, so war Elisabet ihm gegenüber stumm, streng und ernst.
Eine seiner ersten Bemerkungen war natürlich die, dass er unendlich bedauerte, sie gestern nicht getroffen zu haben, dass aber sein widriges Schicksal ihn doch wieder in Etwas dadurch habe aussöhnen wollen, dass er sie noch am Abend wenigstens gesehen – mit dem Grafen Szariny und einem kleinen, unbekannten Mädchen.
"Mit meiner liebsten Freundin, Pauline Felchner, welche ich besuchte – wie Ihnen wohl meine Mutter gesagt hat –" erwiderte Elisabet mit stolzem Tone.
"Und wohin Sie Graf Szariny begleitete?"
"Von wo er mich zurückbegleitete, da er dort einen Besuch gemacht hatte und ich den Weg zu Fuss zurücklegte." Aarens wusste auf diese Strenge und Unbefangenheit ihr lange Nichts zu erwidern, bis er sich von der Verwunderung über die letztere ein Wenig erholt, und dazu bedurfte es bei ihm einiger Zeit. Er knüpfte also ein unbedeutendes Gespräch mit der Gräfin an, das nachher allgemein ward. Während dem überzeugte er sich, dass er durch einen beleidigenden und spöttelnden Ton gegen Elisabet Nichts ausrichte, und er suchte daher so liebenswürdig, sanft und zärtlich als möglich zu erscheinen. Sie blieb ihm gegenüber unverändert.
Das Diner war vorüber, die späteren Nachmittagstunden rückten heran. Elisabet hatte es zu arrangiren gewusst, dass man den Kaffee in einem hochgelegenen Pavillon des Gartens einnahm, von dem aus man einen teil der nach dem schloss führenden Strasse übersehen konnte. Zuweilen warf sie dortin einen spähenden blick – und jetzt schlug ihr Herz höher und sie bemühte sich ein fröhlich aufsteigendes Rot der Wangen zu unterdrücken – denn sie sah aufwirbelnden Staub – bei einem zweiten blick zwei Reiter, und bei einem dritten erkannte sie Jaromir auf seinem Rappen – sie zerpflückte ein paar Grashalme und hatte Aarens Frage überhört: ob sie die Morgenoder Abendpromenade schöner und genussreicher finde?
Er musste ihr die Frage noch ein Mal wiederholen und dann sagte sie sinnend: "Die Morgen sind schön, denn da kommt man jugendfrisch aus den Armen des Schlafs und der Träume, die ganze Schöpfung ist wie neu geboren und wir sind es selbst mit ihr – man weiss n o c h Nichts von Zwang, man lebt noch halb im Traume fort und schämt sich nicht, wahr und unverstellt zu sein." Sie dachte, als sie dies sagte, an den Morgen ihres letzten Abschiedes von Gustav Talheim und ihrer ersten Rede mit Jaromir – aber sie dachte zugleich an den gestrigen Abend, als sie weiter hinzusetzte: "Aber die Abende sind auch schön – nur in ganz andrer Weise; da zieht ein wonniges Träumen durch die ganze natur, und die natur teilt es der Menschenseele mit, und da drinnen haust es sich ein in dem klopfenden Herzen, in dem dann zugleich wie im Freien alle Nachtigallen laut zu schlagen anfangen und alle Nektargefässe verhüllender Blüten sich öffnen."
Ihre Gedanken weilten bei Jaromir, den sie so eben gesehen, es war ihr, als wenn sie schon mit ihm spräche, und jetzt hielt sie plötzlich inne, als sie sich besann, dass Aarens es war, der ihr gegenüber stand und zu dem sie in solcher Weise geredet.
Aarens, obwohl er sich über diese Sprache verwunderte, fand doch, dass er Elisabet nie schöner und hinreissender